Mad Men: A Little Kiss (5×01, 5×02)

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Es hat lange gedauert bis die Zuschauer in den Genuss dieser fünften Staffel kommen konnten. Dafür aber werden gleich zwei Episoden serviert, die als ein fließendes Ganzes den Bildschirm überfluten. Mad Men war immer schon ein fließendes Ganzes, wie eine Spiegelung der Bewegung aus dem Vorspann, wo die kleine schwarze Figur den ganzen langen Weg nach unten fällt. Bietet Mad Men die Bilder eines Falls oder eines Aufstiegs? Das hängt wohl von der Position des Betrachters ab. Fall oder Aufstieg können beides eine Illusion sein. Aber ist das nicht die Arbeit von Don Draper & Co? Illusionen zu verkaufen? Und in A Little Kiss ist Humor nicht weit vom Schmerz entfernt, wenn die Serie wie schon immer mit beinahe chirurgischer Präzision die glänzende Folie entfernt, die das Leben ihrer Figuren bedeckt, und uns mit den Illusionen und gleichzeitig auch mit den Wahrheiten des Amerikanischen Traums konfrontiert.

A Little Kiss – in der Geste eines “kleinen” Kusses versteckt sich eine überwältigende Menge an unterschiedlichen Intentionen. Dieser Kuss kann Trost spenden, ein Abschiedskuss sein, eine Entschuldigung bedeuten oder Erwartungen wecken. Die Figuren in Mad Men haben alle ihre Erwartungen: An sich, an andere – oft ohne zu merken, wie klein der Schritt von Hoffnung zu Illusion ist. Beides weiß die AMC-Serie liebevoll zu gestalten. Genauso wie Megan die Überraschungsparty für Dons vierzigsten Geburtstag, den er nicht feiern will. An dem Datum ist etwas falsch, genauso wie an Don. Es ist nicht das Alter, sondern Don ist es unwohl einen Geburtstag zu feiern, der keiner ist. Was hat ihm die “Neugeburt” als Don Draper gebracht? Alles. Vor allem Macht. Hat er sie wirklich, auch über Megan? Sie weiß anscheinend über Dons Geheimnis Bescheid. Er hat es ihr erzählt, aber trotzdem kennt sie ihn nicht und er sie auch nicht. Sie ist nicht nur das fröhliche brave Mädchen. Sie ist eine fragile Seele, wie wir in der kleinen Szene zwischen ihr und Peggy (Elizabeth Moss) zu hören bekommen.

Und Dons Seele? Auch wenn es als Witz gegenüber Joan gemeint war, sind Lanes Worte die beste Beschreibung des Zustands, in den Don oft zu fallen scheint: I saw his soul leaving his body. Wir haben oft über Dons (Jon Hamm) Suche nach Bedeutung gesprochen, nach etwas mehr. Es ist so, als würde seine Seele schweben und suchen, während der Rest sich vom Alltag treiben lässt. Don sei ruhiger und netter geworden, stellt Peggy beinahe verärgert fest, nachdem er Heinz Unzufriedenheit mit Peggys Werbespot-Vorschlag einfach gelassen hinnimmt. Ist es das Alter? Ist es Megan (Jessica Pare)? Hat sich Don wirklich verändert? Oder ist es nur eine kurzweilige Illusion? Der einzige bei SCDP, der sich nie über irgendwas Illusionen zu machen scheint, ist Bert Cooper (Robert Morse). Obwohl er nicht wirklich zur Handlung beiträgt, ist er wieder da, ohne weitere Erklärung, was sehr gut zur Figur und zu der Art, wie die Serie mit ihr umgeht, passt. Bert ist so irrelevant, dass Mad Men ohne ihn nicht Mad Men wäre.

In dieser Doppelepisode zeigt uns die AMC-Serie neben der Geburtstagsparty und Dons und Megans Zerwürfnis darüber, zum großen Teil die versteckte und doch so offene Konfrontation zwischen Pete (Vincent Kartheiser) und Roger. Pete will mehr Macht. Roger (John Slattery) will seine Machtposition behalten, obwohl vielleicht nur er sie als solche sieht. Beide spielen eigentlich die gleichen Spielchen miteinander, wie die Büroleute vom Anfang der Episode, als sie Wasserbomben auf die protestierenden Schwarzen werfen. Angekommen in den sechziger Jahren präsentiert uns Mad Men den Kampf um die Bürgerrechte. Die Episode beginnt und schließt damit, mit einem flüchtigen und doch eindringlichen Blick in eine Epoche, in der Menschen dafür kämpften, in dieses Bürogebäude hineinzudürfen, hinter diesen Schreibtischen sitzen zu dürfen. Sie kämpfen gegen ein System, das dafür da ist, die Türen zuzuhalten, damit die Männer (und wenige Frauen) drinnen an der Macht bleiben. Wir können gespannt sein, wie die Autoren die sozial-politischen Veränderungen in die Geschichte miteinfließen lassen werden.

Man hat oft den Eindruck, dass die Mad Men-Figuren die meiste Zeit das ignorieren, was um sie herum passiert. Und wie sollten sie es auch nicht – sie werden selbst von “Wasserbomben” getroffen, bekommen eine kalte Dusche nach der anderen. Es wird für jeden eng. Sei es auf dem Sofa in Petes altem Büro, für Joan zuhause mit dem Baby, für Roger in seiner Ehe genauso wie für Lane. Das Streben nach etwas, auch wenn sie oft selbst nicht wissen wonach, lässt sie nicht fallen. Abgesehen von der Geburtstagsparty, welche die Autoren als eine Art Wiedersehen für uns mit den meisten Figuren organisiert haben, sticht eine andere Szene als zentral hervor. Es handelt sich um Joans Gang mit dem Baby ins Büro, um sich der Tatsache zu vergewissern, ihren alten Job immer noch zu haben. Zunächst sehen wir in demselben Bild Don und Megan mit dem Baby auf dem Arm und etwas später Peggy mit dem Baby (wenn auch nicht freiwillig) und Pete neben ihr. Eine Illusion neben einer verpassten Möglichkeit? Oder doch Hoffnung?

Faszinierende schauspielerische Leistungen aller Beteiligten und eine Intensität der Inszenierung, die eigentlich ein liebevolles “Entblättern” dieser Figuren und ihrer Gemütszustände ist: Perfekter könnte der Einstieg in die fünfte Staffel nicht sein.  A Little Kiss…

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