Game of Thrones: A Golden Crown (1×06)

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A Golden Crown: Der Titel birgt die zwei wichtigsten Enthüllungen der sechsten Episode von Game of Thrones. Während wir letzte Woche die meiste Zeit in King’s Landing verbrachten, führt der Weg nun tief in das Land der Dothraki hinein, wo der Weißglut vergangener Zeiten eine Königin mit weißblondem Haar entsteigt. Gute Erzählungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie kleine Details zu streuen wissen, die später aufgenommen und zu wichtigen Handlungssträngen weitergesponnen werden. Sie werden zu einem Zopf geflochten, wie dem von Khal Drogo.

Der Dothraki-König und Danys Ehemann trat bisher wenig in Erscheinung, aber in A Golden Crown setzt er dem Handlungsstrang um die Targaryen-Geschwister tatsächlich die Krone auf: sowohl im buchstäblichen als auch im metaphorischen Sinne. Erinnern wir uns an die verstörende Szene aus dem Piloten, als wir Zeugen von Danys Erniedrigung durch Viserys wurden. Als sie danach ein Bad nahm und ihre ersten Schritte ins Wasser tat, hörte man die Stimme der Dienerin aus dem Off rufen, dass das Wasser noch zu heiß sei. Dany aber tauchte ungerührt in die Hitze ein. Was damals dem Zuschauer ohne Kenntnis der Bücher, der Figur oder ihrer Vorgeschichte als ein Akt psychischen Leidens erschien, als Verzweiflung, die in eine Art Selbstbestrafung mündete, wird in dieser sechsten Episode aufgeklärt.

Wir sehen, wie Dany eines der Dracheneier in die Glut des Feuers legt und danach mit bloßen Händen herausholt, während ihre Dienerin panisch versucht, sie vor einer Verbrennung zu retten, und sich dabei selbst die Hände verbrennt. Und Danys? Sie tragen keine Spur vom Feuer. Denn Drachen verbrennen nicht: Sie sind das Feuer. Ich finde es sehr gelungen, wie Game of Thrones die (bisher wenigen) magischen Elemente immer an der passenden Stelle einfügt, ohne dass die Figuren mit Übermacht versehen würden oder Ähnliches. Was mit Dany in den letzten Episoden geschah, war eine Art von Erkenntnis – Erkenntnis ihrer Situation, ihrer Macht als Frau, ihrer Unabhängigkeit von Viserys und nicht an letzter Stelle der Möglichkeiten, die ihr als Dothraki-Königin offen stehen.

In dieser Episode beobachten wir den letzten Schritt der Selbsterkenntnis: Ein Drache kann nicht verbrennen. Ein Drache lebt vom Feuer, vom inneren Feuer, das man in Danys Augen sieht, als sie in einer rituellen Zeremonie ein rohes Pferdeherz essen muss und das vor dem Blick ihres Ehemannes auch schafft, ohne sich zu übergeben. Danys Handlung ist gleichzeitig ein Akt des Respekts gegenüber ihrem Mann und ihrem neuen Volk. Eindrucksvoll sind die Bilder inszeniert, in denen Dany mit besagter Glut in den Augen und blutverschmiertem Mund ihren Ehemann ansieht und verkündet, dass ihr Sohn Rhaego heißen wird.

Dieser Augenblick ist auch derjenige der Erkenntnis für Viserys, dass er nie König sein wird. In seiner Verzweiflung bedroht er später Dany mit einem auf ihren Bauch gerichteten Schwert, nachdem es ihm nicht gelungen ist, heimlich die Dracheneier zu entwenden und zu fliehen. So fordert er von Khal Drogo, sein Versprechen einzuhalten und ihm mit seiner Armee die goldene Krone zu beschaffen. Und die bekommt er von Khal Drogo: in Form von geschmolzenem Gold, das der auf seinen Kopf gießt, woraufhin Viserys vor Danys (Emilia Clarke) Augen stirbt. Danys Reaktion besteht aus zwei Sätzen: Er war kein Drache. Feuer verletzt einen Drachen nicht.

Für eine TV-Produktion ist es im Grunde nicht “normal”, einen der Antagonisten so kurz und schmerzlos zu entfernen, aber Game of Thrones ist ja keine normale Erzählung – und mit diesem ungewöhnlichen Schritt verschafft die HBO-Produktion nicht nur den Zuschauern kurzzeitige Befriedigung, sondern vermeidet es außerdem, Viserys (Harry Lloyd) Hadern im Schatten seiner aus der Asche aufsteigenden Schwester in die Länge zu ziehen. Dunkle Haare und helle Haare, schwarz und weiß – so ein klarer Unterschied und doch so viele Schattierungen darin und dazwischen. Was passiert, wenn Hell und Dunkel die Plätze tauschen? Fällt dann ein Königreich? Entsteht ein neues? Je nach Haarfarbe, könnte man sagen.

Der sich von der Wunde erholende Ned (Sean Bean) wird kurzerhand von Robert wieder in die Position der King’s Hand erhoben und muss in Roberts Abwesenheit regieren: Robert selbst will jede Konfrontation zwischen Starks und Lannisters aus dem Weg gehen und begibt sich auf die Jagd. Genauso kurzerhand führt Ned seine erste Amtshandlung aus und schickt hundert Soldaten aus, um Ser Gregor the Mountain und seine plündernde Gefolgschaft umzubringen. Außerdem fordert er, dass Tywin Lannister, der Patriarch der Familie, in King’s Landing erscheint und für die Taten seiner Familie zur Verantwortung gezogen wird.

Seine zwei Töchter will Ned nach dieser fast offenen Kriegserklärung zurück nach Winterfell schicken. Großartig, dass Game of Thrones in einer so dicht gestrickten Episode Zeit für eine Schwertunterrichts-Szene mit Arya und Syrio findet. Nicht nur wegen meiner Vorliebe für Aryas Figur ist die Szene gut, sondern wir lernen wieder ein Stückchen mehr über die Welt der sieben Königreiche.

Es gibt anscheinend neue und alte Götter, und die um ihren Vater besorgte Arya betet zu allen. Doch Syrio ermuntert sie mit folgenden Worten: „There is only one god, and his name is Death. And there is only one thing we say to Death: Not today.“ Ihr Schwerttraining ist der einzige Grund, warum Arya in King’s Landing bleiben will – also ausnahmsweise einmal mit Sansa einig ist.Sansas Grund, nicht gehen zu wollen, liegt allerdings bei Prinz Joffrey bzw. seinem Versprechen, sie zur Königin zu machen: seiner Königin. Aber ist Joffrey wirklich der rechtmäßige Thronfolger?

Neds große Entdeckung haben wir schon erahnt: Alle Männer von Roberts Familienstamm der Baratheon sind schwarzhaarig – wie also kann Joffreys goldene (Haar-)Krone königlichen Ursprungs sein? Ob Ned diese Erkenntnis zu seinen Gunsten wird einsetzen können, bleibt fraglich. Ihm stehen der eigene Sinn für Gerechtigkeit, Ehre und Würde immer im Weg – und ebenso seine Geradlinigkeit. Sehr geschickt und beinahe unauffällig nimmt man thematisch das Geschehen in King’s Landing auf und versetzt uns zur Eyrie, wo Tyrion um sein Leben verhandelt: Die Kluft zwischen ehrlicher Geradlinigkeit und dem zielorientierten Pragmatismus klafft wie das Loch in der Mitte des Eyrie-Palastes.

Neds Art, alles schwarz und weiß zu sehen und Unrecht mit direkten Handlungen bekämpfen zu wollen, bringt ihm ein Problem nach dem anderen ein, während pragmatisches Situationshandeln Anderen Vorteile verschafft. Ehre führt in der Welt von Game of Thrones dazu, dass man fliegt… aber nach unten, ins Verderben. Die Ehre lastet auf den Schultern wie eine schwere Ritterrüstung, die einen nicht beschützt, sondern mit ihrem Gewicht ins Verderben hinabzieht. So verliert auch einer der besten Ritter von Lysa Arryn den Kampf gegen den leichtfüßigen Bronn. Die beiden kämpfen um Tyrions (Peter Dinklage) Freiheit: Tyrion war schlau genug, die Gesetzeslücke zu finden, durch die er hindurch passt – hinaus in die Freiheit.

Wir sehen, wie Catelyn hilflos dasitzt angesichts des Ergebnisses ihres raschen Entschlusses. Lysa Arryn wirft Bronn vor: „You don’t fight with honour!“ Und er antwortet gefasst, auf den toten Ritter weisend: „No. He did.“ In Game of Thrones ist das Dunkel nicht wirklich dunkel und das Hell nicht wirklich hell. Wer die Schatten an den Wänden im Auge behalten kann, wie die in Brans Traum, wird die Oberhand behalten in diesem Spiel, in dem nicht alles Gold ist, was glänzt – und umgekehrt.

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