Game of Thrones: Baelor (1×09)

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Komplette Dunkelheit. Sie wird nur von leisen Atemzügen unterbrochen. Man ahnt sie zunächst nur und muss sich anstrengen, um sie wahrzunehmen – nicht sicher, ob sie aufgehört haben oder nicht. Hat die Episode schon angefangen? In Baelor fallen Anfang und Ende an dem Punkt der Erkenntnis zusammen, dass Game of Thrones genauso gnadenlos mit seinen Zuschauern umspringt wie das Leben mit den Figuren in der fiktionalen Welt, über die die HBO-Serie erzählt.

Baelor führt Game of Thrones hinauf zu tragischer Erhabenheit. Die Episode ist ein Atemzug, ein Augenblick, in dem man vor einer unmöglichen Wahl steht. Es gibt keinerlei Garantie bezüglich der Konsequenzen dieser Wahl. Wird sie sich als richtig oder als falsch erweisen? Und welchen Preis gilt es zu zahlen? Die Unmöglichkeit einer solchen Wahl steckt genau in diesem Preis: darin, sich jede Entscheidung, ganz egal ob richtig oder falsch, für den Rest des Lebens auf die Schultern laden zu müssen, sich selbst möglicherweise nie verzeihen zu können.

Soll Jon Snow seinem Bruder und Winterfell zu Hilfe eilen im Krieg gegen die Lannisters und dabei vermutlich sein Leben verlieren – oder soll er bei The Wall bleiben, bei seiner neuen Familie, mit der er gegen einen viel schlimmeren Gegner antreten, vielleicht gar das Ende Westeros’ abwenden muss? Soll Dany sich selbst und ihr Kind retten oder an der Seite ihres sterbenden Mannes bleiben? Viel schlimmer: Soll er gerettet werden oder ihr Ungeborenes?

Was machen solche Entscheidungen aus dem betroffenen Menschen? Einen Verräter? Einen Helden? Was nutzt es aber, ein Held zu sein, wenn man tot ist? Was nutzt es den zweitausend toten Soldaten von Robb, wenn man Heldenlieder auf sie singt? Das Tragische einer Entscheidung besteht darin, dass zwischen zwei Verantwortungen zu wählen ist, zwei an sich “guten”, positiven Werten bzw. Handlungsmöglichkeiten: Es ist nicht die eine gut, die andere schlecht; das wäre eine leichte Entscheidung. Entscheidungen mit tragischer Schwere lassen den Betroffenen, der sich entscheiden muss, an der jeweils anderen Möglichkeit zum Verräter werden, zum Schuldigen – ob er will oder nicht: Die Schuld ist unausweichlich. Um solche tragischen Konflikte kreisen schon die Heldentragödien der griechischen Antike.

Ned Stark atmet ein und aus. Dazwischen befindet sich der Rest der Episode, der sich auf Jon Snow, Dany, Tyrion und den Krieg zwischen den beiden Familien Stark und Lannister konzentriert. Nach King’s Landing kommen wir nur für diejenigen Atemzüge, die uns den Abschied von einer zentralen Figur der Serie bringen. Aber bevor wir uns dem Anfang und dem Ende der Episode widmen, müssen etliche Szenen aus dem Dazwischen hervorgehoben werden.

Game of Thrones versteht sich meisterhaft darauf, Enthüllungen klein zu halten, sie unauffällig der Erzählung beizumischen. Es erweist sich, dass Dany doch nicht die letzte der Targaryens ist: Der Maester of the Citadel ist niemand anders als Aemon Targaryen, der damals den Eisernen Thron hätte beanspruchen können, sich aber für The Night Watch entschied. War diese Entscheidung richtig? Was wäre passiert, wenn The Mad King nie auf dem Thron gesessen hätte? Das Leben mehrerer Leute hätte eine komplett andere Wendung genommen. Eine bessere? Das eben weiß man nicht.

Aemon, den die Nachricht vom Krieg erreicht hat, erklärt Jon Snow, dass er vor einer ähnlichen Wahl steht, die ihm niemals die Gewissheit bringen wird, richtig gehandelt zu haben. Gehen oder bleiben? Jorah Mormont ging nach Übersee, fort von seinem Vater Commander Jeor Mormont. Das Schwert mit dem Wolfskopf am Griff sollte ursprünglich Jorah gehören; nun aber erhält es Jon – als eine Ehrengabe von Jeor, dem er das Leben rettete.

Jorah allerdings kann mit jedem Schwert umgehen; das stellt er gegen einen der rebellischen Dothraki-Krieger unter Beweis, indem er Dany verteidigt. Danys Befehlsgewalt schwindet genauso dahin wie das Leben Khal Drogos. Bisher lauerte die Magie am Rand der Game of Thrones-Welt, aber wie wir in dieser Episode sehen, existiert sie und greift nun ins Geschehen ein: Die Sklavin, die Dany in The Pointy End rettete, kann Drogo nur mit Hilfe eines Zaubers helfen. Dieser aber erfordert Blut: das Blut von Khal Drogos Pferd.

Als bei Dany durch den Schlag des Dothraki-Kriegers verfrühte Geburtswehen einsetzen, braucht auch sie die Hilfe der Magierin. Jorah trägt Dany in das Zelt, das während des Zaubers nicht betreten werden sollte und aus welchem entsetzliche Geräusche zu hören sind. Sie werden immer lauter, als sich Jorah dem Eingang nähert – und dann verdunkelt sich der Bildschirm. Anstatt unter Jorahs Schutz wegzureiten und Drogo sterben zu lassen, blieb Dany (und Jorah mit ihr). War dies die richtige Entscheidung, oder führt sie nur auf einem längeren Weg zum selben Ergebnis?

Auch Robb muss einen hohen Preis entrichten für seinen ersten Sieg gegen die Lannisters. Er opfert zweitausend Soldaten, um Tywin abzulenken, während er mit dem Rest seiner Armee Jaimes Truppen zerschlägt und ihn gefangen nimmt. Aber das ist nicht alles. Catelyn muss Walder Frey, einem weiteren “verrückten” Herrscher, Hochzeiten zwischen ihren und seinen Kindern versprechen, um für Robbs Armee Zugang zum anderen Flussufer zu erwirken. „Well, one of those girls appears to have all of the right parts in working order“, beruhigt Catelyn Robb im trockenen Winterfell-Humor.

Auch Tyrion Lannister war, wie wir erfahren, verheiratet – und von ganzem Herzen verliebt. Tyrion und Bronn sind tatsächlich ein ungleiches Paar, das ein Spin-Off verdient hat und jede Minute Screentime in Gold verwandelt. In dieser Episode stößt eine Frau dazu, das “leichte” Mädchen Shae, das aber längst nicht so leicht ist, wie man / Tyrion denkt. Nicht nur funktioniert die Chemie zwischen ihr und Tyrion sowie Bronn von der ersten Minute an, sondern es umgibt sie ein geheimnisvoller Schleier, der gelüftet werden möchte.

Interessanterweise wird hier jedoch zuerst Tyrions Schleier zur Seite gezogen; sein Wahrheitsspiel geht anders aus als geplant: Er kann Shae nicht “lesen”, so dass wir stattdessen einen Blick auf Tyrions eigene sensible Seele werfen und erfahren, wie seine Familie ihm eine immer noch blutende Wunde verpasst hat. Daher also Tyrions Wahl, im Leben keine Wahl zu treffen, keinen großen Schritt zu machen? „Stay low“, sagt Bronn vor der Schlacht zu ihm. Abgesehen von der Ironie dieses Ratschlags beschreibt er Tyrions Wahl exakt. Aber für wie lange? Denn jede Wahl kann früher oder später den letzten Atemzug bedeuten – auch die Entscheidung, der Wahl auszuweichen.

Ned Stark (Sean Bean) bleibt nun keine Wahl mehr. Zwar ist Ned nicht die Hauptfigur der Erzählung, aber die Zuschauer sind ihm seit den ersten Minuten verbunden gewesen: durch seinen Blick auf das Leben in Westeros. Sean Bean stand außerdem im Zentrum jeder HBO-Promotion und am Anfang der Serie auch mit seiner Serien-Familie im Zentrum der Erzählung; sein Tod ist ein trauriges, aber kein plötzliches Ereignis. Wie kaum eine andere Serie der letzten Jahre verschiebt Game of Thrones geschickt den Blickwinkel und verschreibt sich niemals nur einem Erzählzentrum.

Die Figuren atmen ein und aus, aber es besteht Ungewissheit darüber, wann für eine jede der letzte Atemzug kommt: das Ende, der komplette Stillstand. In der Szene mit Varys am Anfang der Episode (wieder einmal eine großartige Leistung von Conleth Hill!) wird Ned zum letzten Mal vor eine Wahl gestellt. Eigentlich aber hat er sie schon vor langer Zeit getroffen und steht jetzt vor den Konsequenzen: „But I grew up with soldiers. I learned how to die a long time ago.“ Wie die aufflackernde Flamme, die uns über die Angst vor einem Stillstand hinweg zu einem Close-Up von Ned Starks Gesicht führt, bringt Game of Thrones Hoffnung, die sich jedoch als trügerisch erweist.

Als in The Great Sept of Baelor über Ned gerichtet wird, sieht er seine Tochter Arya (Maisie Williams) in der Menge und entscheidet sich, seine Ehre und seine Würde wegzuwerfen und Joffrey zum König zu erklären, damit er seiner Familie zuliebe am Leben bleiben kann. Doch auch Joffrey hat längst eine eigene Wahl getroffen, zum Entsetzen sogar seiner eigenen Mutter: Er lässt Ned köpfen – seine Selbstverleugnung war vollkommen nutzlos für Ned, hat aber Joffrey größtmögliche Befriedigung verschafft. Dank Yoren wird Arya der Anblick erspart. Uns teilweise auch – aber die Exekution schmerzt auf auditiver Ebene. Sie ist ein Echo der ersten Sekunden. Wir sehen die Menge aus Neds Perspektive, aber plötzlich ist nur noch sein Atem zu hören. Ein und aus. Letzte Atemzüge.

Kurz vor dieser finalen Szene sahen wir Arya auf King’s Landings Straßen einem Vogel den Hals umdrehen: Sie ist hungrig und braucht Nahrung, um zu überleben. Neds Flügel sind schon gebrochen, der Kampf ums Überleben verloren. Ein letzter Blick Richtung Menge: Arya ist nicht mehr zu sehen neben Baelors Statue. Yoren aber hat sie aufgehalten, bevor sie mit Needle die Szenerie stürmen kann. „Not today!“Als Neds Kopf fällt, schaut Arya nach oben in den Himmel. Nun hören wir ihre Atemzüge. Sie beobachtet eine Schar auffliegender Vögel. Man muss hoch und geschickt fliegen können, um in dieser Welt nicht den Kopf zu verlieren.

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