Game of Thrones: Cripples, Bastards and Broken Things (1×04)

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Für all diejenigen unter den Zuschauern, die die Bücher nicht kennen, muss Game of Thrones auch Vorgeschichte erzählen, um uns noch tiefer in die Schluchten seiner Beziehungswelt mitzunehmen. Die HBO-Serie bewältigt das grandios, indem sie unaufdringlich und fast unbemerkt das engmaschige Ereignis- und Beziehungsnetz flicht.

Die Episode zeichnen drei Elemente aus: Monologe, kürzere Szenen und fließende Ortswechsel. Zu keinem Zeitpunkt gewinnt man den Eindruck, die Episode sei überladen mit Informationen und Figuren. Die Serie arbeitet tatsächlich wie die Zahnräder aus dem Vorspann, die perfekt ineinander greifen und die Bewegung weiter tragen. Aber der Erzählfluss läuft entspannt. Sein Wasser fließt ruhig. Und Wasser, das auf diese Art und Weise fließt, ist bekanntlich tief.

Nachdem die ersten drei Episoden der Einführung dienten, hat man in dieser vierten den Eindruck, es habe diese Welt einfach schon immer gegeben: lebendig, mit eigener Zeit und eigenen Regeln. Darüber wird nicht erzählt, sondern sie erzählt sich selbst, von innen. Jetzt, da sich die einzelnen Erzählstränge etabliert haben, die ich im letzten Review erwähnt habe, erarbeitet die Serie mit poetischer Präzision die Details.

Warum poetisch? Nun kommen wir zu den Monologen, die unterschiedliche Figuren an unterschiedlichen Orten abliefern. Indem man den Monologen zuhört, sieht man buchstäblich ein Bild vor den Augen entstehen: ein Bild aus der Vergangenheit dieser Welt, die auf dem Weg ist, sie einzuholen. Die Rede ist von Viserys Erzählung über seine Kindheit und die Namen der toten Drachen, von Baelishs (Littlefinger) Story über The Mountain and the Hound oder Samwell Tarlys und Jon Snows (Kit Harington) Erzählungen darüber, nicht wirklich zu ihren Familien zu gehören. Darüber vergisst die Serie nicht, uns mit Hilfe eines tollen Auftritts von Alliser Thorne (Owen Teale) daran zu erinnern, wie kalt und dunkel der Winter sein kann – und dass nur die wirklich Starken überleben können.

All diese Männererzählungen handeln, abgesehen von der pur erschreckenden Funktion, von physischen und psychischen Wunden. Interessanterweise sind es die Männer, die reden, während die Frauen an Ort und Stelle handeln: jetzt, in der Gegenwart. Sehr schön schildert Game of Thrones einen Kontrast zwischen den männlichen Figuren, die an ihren Erinnerungen hängen, und den weiblichen, die für sich etwas verändern wollen in der Welt, die von eben diesen Männern dominiert wird.

Die meiste Zeit verbringt die Episode mit Jon Snow und den Ereignissen bei der Night Watch. Jon und seine neuen Kameraden bekommen ein neues Mitglied: Sam hat nie in seinem Leben gekämpft und bringt auch nicht die passende Statur für einen Kämpfer mit. Seinen Worten und seiner Familie zufolge taugt er zu nichts. Genauso wie Tyrion Sympathie für Jon Snow und seinen Halbbruder Bran empfindet, empfindet Jon welche für Sam und hilft ihm dabei, die ersten Tage zu überleben.

In King’s Landing bekommt Ned (Sean Bean) unterdessen eine Einführung in die Politik des Ausspionierens, aber begibt sich trotzdem auf die Spur der Ereignisse um den plötzlichen Tod seines Vorgängers Jon Arryn. Diese Spur führt ihn zu einem (und vermutlich nicht dem einzigen) unehelichen Kind König Roberts – noch einem „bastard“ also.

Der Titel der Episode mag auf Bran, Jon und Tyrion referieren, aber es geht ebenso um die Frauen. Ihre Positionen in der Gesellschaft werden auf Mutter oder Hure reduziert, aber manche – wie Arya oder Dany – wollen mehr als das. Dany (Emilia Clarke), die Dothraki-Königin, setzt sich in einer sehr zufrieden stellenden Szene ohne fremde Hilfe gegen den eigenen Bruder durch und erkennt langsam, dass er nie auf einem Thron sitzen wird: mit oder ohne Armee. Man kann nicht sein, was man nicht ist. Dasselbe sagt die Königin zu Ned: er sei Soldat, aber kein Leader.

Wieder einmal ist Arya diejenige, die es auf den Punkt bringt. Ich muss sagen, dass alle ihre Szenen mit Ned einfach brillant umgesetzt sind und einen tiefen emotionalen Eindruck hinterlassen. Wir sehen, wie sie auf der Treppe auf einem Bein balanciert – als Teil ihres Schwertkampftrainings. Ned sitzt dann mit ihr zusammen und beschreibt ihr ihr zukünftiges Leben: die Heirat mit einem wundervollen Lord, Kinder… Aber schon in ihrem zarten Alter weiß Arya, dass dies kein Leben für sie ist. Die Frau in der von Ned gemalten Zukunft ist nicht Arya. Sie will ihre Zukunft selbst malen: nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem Schwert.

Ihre Mutter Catelyn (großartige Szene von Michelle Fairley) tritt in ihrer Rolle als Lady Stark nicht weniger entschieden auf. Als sie durch Zufall in einer Kneipe Tyrion und seinem Gefolge begegnet, hält auch sie – als einzige Frau in dieser Episode – einen Monolog. Sie spricht über Geschichte: mit deren Hilfe und durch die Erinnerungen schafft sie eine Verbindung zwischen den Männern, damit sie ihr helfen. Denn Catelyn nimmt Tyrion gefangen und wünscht, dass in Winterfell über ihn gerichtet wird: als Verschwörer im Mordversuch an Bran. Unauffällig gewinnt der Erzählfluss von Game of Thrones immer mehr an Tiefe…

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