Game of Thrones: The Wolf and The Lion (1×05)

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Kurz nachdem Ned Stark (Sean Bean) in der Pilot-Episode den Deserteur köpfte, fanden er und sein Gefolge einen toten Hirsch und auch einen toten Direwolf. Beide ziemlich nah beieinander. Abgesehen von dem Zweck der Szene, die Direwolfs in das Leben der Stark-Kinder einzuführen, besitzt sie in meinen Augen eine symbolische Bedeutung, die erst in dieser fünften Episode ihre Kraft entfaltet. Wenn ich mich nicht täusche, ist der Hirsch das Wappentier von King Roberts Haus; die Wölfe symbolisieren die Starks. Bevor Ned im Piloten Besuch von Robert bekommt und dieser ihn mehr oder weniger in die Position des King’s Hand zwingt, wird hier im Grunde schon vorweggenommen, dass ihre Freundschaft wohl kein glückliches Ende nehmen wird.

Wenn der Wolf und der Hirsch tot daliegen: wer wird sich als Sieger über alle Königreiche erheben? Ein Löwe? Oder wird der von den Pferden der Dothraki überrannt werden? Robert verfault zwar in seinem Thronsaal und lebt von Wein und vom Kummer der Erinnerungen, aber nichtsdestotrotz sieht er, wie die Königreiche von Intrigen und Verrat zerrissen werden: Sollten die Thronerben mit einer Armee die See überqueren, könnte niemand ihnen standhalten. Nur sein Unvermögen als König und die leisen, aber beharrlichen Stimmen seiner Ratgeber bewegen Robert zu der Entscheidung, die neue Dothraki-Königin und ihr Ungeborenes ermorden zu lassen. Kann man aber damit den möglichen Übergriff stoppen – oder wird man ihn mit diesem Mord erst recht in Gang bringen?

Der großartige Game of Thrones-Vorspann befindet sich nach wie vor in Bewegung. Während wir in den ersten Episoden immer tiefer in das Dothraki-Territorium geführt wurden, erfolgt jetzt ein Besuch der Eyrie, der unüberwindbaren Burg, in der Catelyns Schwester herrscht, Jon Arryns Witwe. In The Wolf and the Lion konzentriert sich die Erzählung fast ausschließlich auf King’s Landing. The Wall und Dannys Reise bleiben dieses Mal offscreen.

Was nicht offscreen bleibt, sind nackte Haut und Blut. Natürlich hat sich HBO nie davor gescheut, nackte Haut und Gewalt zu zeigen und damit Grenzen zu überschreiten. Da das eigene subjektive Empfinden unterschiedlich ist, kann man schwer verallgemeinern und Szenen generell als geschmackslos und pure Effekthascherei bezeichnen. Was Game of Thrones betrifft und die Welt, die die Serie schildert, scheinen mir persönlich solche Szenen unvermeidlich, um gesellschaftliche Verhältnisse zu beschreiben oder aber Figuren zu charakterisieren.

Ironischerweise liefert gerade die fünfte Episode eine Menge davon. Während Theons Besuch bei der Prostituierten mehr danach aussieht, Gerechtigkeit walten zu lassen – also nicht nur weibliche, sondern auch männliche Geschlechtsteile zu zeigen -, dienen die restlichen als Mittel zum Zweck: etwa die Beziehung zwischen Renly und Loras, die, soweit ich weiß, in den Büchern nur knapp erwähnt wird. Renly wird in der betreffenden Szene von seinem Liebhaber in der Erwägung bestärkt, den Thron für sich zu beanspruchen. Loras, der “Blumenritter”, gewinnt in der Eröffnungsszene das Turnierduell gegen Gregor Clegane, The Hounds Bruder.

In seiner Wut köpft Gregor… das eigene Pferd und geht auf Loras los, nur um von seinem “kleineren” Bruder gestoppt zu werden. Die komplette Szene ist zwar nichts für Zartbesaitete, aber bringt unheimliche Wucht mit sich – vor allem ihr Ende, als Robert den Kampf unterbricht, The Hound sofort in die Knie geht und im selben Moment Gregors Schwert Zentimeter an seinem Kopf vorbei zischt: grandiose Schnitt- und Bewegungschoreographie.

Wie wir schon so oft besprochen haben, liegt jedoch eine der großen Stärken von Game of Thrones auch in der Dialogchoreographie. Aus diesem Grund ist die in meinen Augen beste Szene der Episode die Unterhaltung zwischen Robert (Mark Addy) und Cersei (Lena Headey), die es in den Büchern so nicht gibt. Ihr geht eine Auseinandersetzung zwischen Ned und Robert voraus, in der Ned sich weigert, nach Roberts Willen und dem des Rates Dannys Mord zu befehlen. Im Anschluss gibt Ned seine Position als The Hand auf. Aus seinem Mund kommen Aryas (Maisie Williams) Worte aus der letzten Episode, zwar nicht wortwörtlich, aber sinngemäß: „This is not me.“

Inmitten all der Intrigen, gefährlichen Liebschaften, Verrat und Mord – wissen die Beteiligten noch, was und wer sie sind? Cersei, die vor Robert interessanterweise eher für Neds Position plädiert, sagt als Einleitungssatz: „I’m sorry your marriage to Ned Stark didn’t work out.“ Etwas später reden sie darüber, was das Königreich zusammenhält. „What’s holding the fractious kingdom together?“ „Our marriage.“ Beide brechen gleichzeitig in Lachen aus. Trotzdem ist die Szene zutiefst traurig, und beide Schauspieler porträtieren auf grandiose Art und Weise zwei Menschen, die schon lange Zeit gefangen sind in einem Bündnis und einander doch so distanziert gegenüber stehen, dass sie sogar des Kampfes gegen einander überdrüssig zu sein scheinen.

Beide klingen müde und verbittert. Lena Headey als Cersei sorgt nach wie vor dafür – so wie in der Szene mit Neds Frau -, dass man als Zuschauer gegenüber ihrer Figur, so wie bei vielen Game of Thrones-Figuren, ein Wechselbad der Gefühle empfindet. Für eine Sekunde bemitleidet man sie sogar: als nämlich Cersei Robert fragt, ob es je eine Möglichkeit für ihre Ehe gegeben hätte, zu funktionieren – und er schlicht und einfach „No“ sagt. Während Robert nur eins will, nämlich in Ruhe seinen Wein trinken, merkt er nicht, dass nicht nur in seinem Rat (tolle verbale Schlacht zwischen Littlefinger und Varys!) Krieg geführt wird, sondern auch die Lannisters und die Starks dabei sind, die Schwerter zu ziehen.

Meine Lieblingsfigur, die kleine Arya, hört in dieser Episode, beim Katzenverfolgen und versteckt in einem der Drachenschädel, ein gefährliches Gespräch mit, das vor allem uns Zuschauern mehr Einblick hinter die Kulissen gewährt. Als einziges der Kinder, die wir bisher erlebt haben, scheint Arya neben ihrem scharfen Verstand auch ein “Drachenherz” in sich zu tragen; sie ist sich dessen bewusst ist, wer sie ist: „I’m a girl“, sagt sie ärgerlich zu allen, die sie ständig mit einem Jungen verwechseln. Sie will nicht mit sich machen lassen, was andere wollen. Und sie spürt, dass ihre Familie sich in Gefahr befindet und bald die Schwerter gezogen werden.

Und das geschieht auch! Wir sehen in dieser Episode einen ersten Schwertkampf zwischen Jamie und Ned, der durch einen hinterhältigen Speerschlag in Neds Wade seitens eines Soldaten unterbrochen wird. Jamie will Tyrion wieder haben. Dieser wird von Catelyn zu ihrer Schwester nach The Eyrie geführt und nach einem Überfall auf dem Weg gezwungen, seinen „first kill“ zu machen. Ganz egal, wie viel CGI benutzt wurde: die Locations in Game of Thrones sehen bisher einfach großartig aus. Aber die Bilder von The Eyrie sind Schwindel erregend, sowohl von innen als auch von außen.

Das Schwindel erregende Gefühl setzt dann dank Catelyns Schwester Lysa Arryn tatsächlich ein: nur im Negativen. Jons Witwe scheint nicht bei Sinnen zu sein: Im ersten Bild mit ihr sehen wir, wie sie ihrem sechs- oder siebenjährigen Sohn die Brust gibt, bevor sie sich mit weit aufgerissenen, wilden Augen dem Gefangenen widmet; und es ist kein warmes Willkommen für einen Lannister.

Man hat das Gefühl, dass es nach den Einführungen der ersten Staffelhälfte in der zweiten Schlag auf Schlag weiter gehen wird.

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