Game of Thrones: You Win or You Die (1×07)

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Der King ist tot, es lebe der King! Aber welcher? Joffrey? Einer von Roberts Brüdern? Vielleicht sogar Ned? Game of Thrones erreicht mit dieser Episode den Punkt, an dem sich die seit langer Zeit geplanten Züge auszahlen. Wer agiert, gewinnt – und wer nur reagiert, verliert. Um es viel passender mit Cerseis (Lena Headey) Worten auszudrücken, die der Episode ihren Titel geben: „When you play the game of thrones, you win or die.“ Es gibt kein Dazwischen, keine Lösung, die für alle gut wäre.

Geschickt baut Game of Thrones jede Episode nach der Titelmelodie und dem Vorspann auf. Damit ist nicht nur der Inhalt gemeint, sondern auch die Gefühlsebene. Die HBO-Serie spielt auf den unterschiedlichen Saiten der Zuschauergemüter wie die Celli im Vorspann. So wie die Handlungsorte wechseln, wechselt auch der Fokus auf bestimmte Figuren und damit die Atmosphäre der gesamten Episode: Figuren wie Arya oder auch Tyrion, die zwar Nebenhandlungsstränge bilden, aber mittlerweile feste Plätze in den Herzen der Zuschauer erobert haben, tragen gewisse Stimmungen mit sich. Ihr Fehlen wirkt sich nicht auf die Qualität der Episode aus, auf ihre Atmosphäre jedoch allemal. Wir sprechen hier von kleinen, kaum spürbaren Veränderungen und Verschiebungen; mit ihrer Hilfe aber entwickelt Game of Thrones seine erzählerische Wucht.

You Win or You Die steckt voller Bedrohung, voller dunkler Wolken, die sich zu einem Schneegewitter zusammenbrauen. Auch die siebte Episode setzt auf mehrere Monologe, welche einerseits Figurengeschichten präsentieren, andererseits die Handlung vorantreiben. Während wir einen Blick hinter die Kulissen in Littlefingers Kopf werfen dürfen (und in derselben Szene auf eine Menge nackter Haut), hören wir in einer anderen Szene Khal Drogos offene Kriegserklärung an Westeros. Beide wissen, wer sie sind und was sie wollen. „And only by admitting what we are can we get what we want“, sagt Littlefinger.

You Win or You Die baut sich im Grunde um den Kontrast zwischen denjenigen Figuren herum auf, die wissen, wer sie sind – Cersei, Littlefinger, Khal Drogo, Tywin Lannister – und denjenigen, die sich nur vormachen, es zu wissen: Ned, Jon Snow, Jamie Lannister und Theon Greyjoy. Cersei will Joffrey auf dem Thron sehen, ihr Vater will ewigen Ruhm für das Lannister-Haus, Drogo will Westeros und Littlefinger seine große Liebe. Wenn man sich die Motivation der Figuren genau anschaut, dann heißt der tatsächliche Antrieb Rache – Tywin möglicherweise ausgenommen, über den wir noch nicht so viel wissen.

Den Patriarchen des Hauses Lannister (gespielt von Charles Dance) sehen wir zwar zum ersten Mal, aber dafür in einer eindrucksvollen Begegnung mit teilweise symbolischem Charakter. Tywins Monolog an Jamie Lannister geschieht zwar unter vier Augen, aber Vater und Sohn schauen sich dabei nicht in die Augen, denn Tywin ist damit beschäftigt, einen Hirsch auszunehmen und zu häuten. So spricht er die meiste Zeit mit dem Rücken zu Jamie und dreht sich nur an den richtigen Stellen innerhalb des eigenen Monologs um. Das Glänzen in seinen Augen verdankt sich der Überzeugung, genau die Reaktion auf Jamies Gesicht zu erblicken, die hervorzurufen er bezweckt hat. Ausnehmen und häuten, die eigene Hände blutig und schmutzig machen – das muss man, wenn es um die Familie geht.

Tywin schickt Jamie mit der Hälfte seiner Armee aus, Tyrion zu befreien – im Grunde im offenen Krieg gegen Winterfell. Währenddessen ringt Robert mit dem Tod – in Folge eines Jagdunfalls mit einem Wildschwein, in betrunkenem Zustand. War es wirklich nur die Trunkenheit? Mit oder ohne direkten Einfluss der Lannisters geht Robert an ihnen zugrunde – und noch viel mehr an der eigenen Unfähigkeit zu regieren. Kann ein guter und ehrenhafter Soldat ein guter König sein? Game of Thrones gibt uns eine eindeutige Antwort: Nein. Nicht, wenn so viele unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Ziele auf dem Spiel stehen und das Spiel keine festen Regeln hat. Was nutzt es, sich an Regeln zu halten, wenn sie ständig verändert werden?

Roberts Vermächtnis auf einem Blatt Papier nutzt genauso wenig wie der gesetzestreue Richtspruch über Tyrion in der letzten Episode. Ned (Sean Bean) versucht eine Lösung zu finden, aber er realisiert noch immer nicht, dass er nicht die einzige Hand ist, die die Schachfiguren bewegen kann, sondern nur eine unter mehreren. Sean Bean brilliert weiterhin in seiner Rolle, genauso wie Lena Headey als Cersei: Eine der besten Szenen in der Episode findet zwischen Ned und Cersei statt, als er sie mit der Wahrheit über Joffrey konfrontiert. Wieder einmal können wir Cerseis Enttäuschung und Erniedrigung durch Robert nachvollziehen, von der sie Ned in ihrem Monolog erzählt.

Hinsichtlich der emotionalen Reaktion auf die Enthüllung, über die gesprochen wird, sind die Positionen der beiden freilich vertauscht: Cersei bleibt ungerührt von Neds Anschuldigungen, und Ned ist sichtlich betroffen von ihrer Standfestigkeit und Melancholie – aber vor allem von dem ihn beschleichenden Gedanken, dass Cersei ihre Spielzüge längst geplant hat, was sich am Ende der Episode bewahrheitet.

Und Robert? Für den Stil der Serie sehr passend, bekommt der König von Westeros einen unspektakulären Abschied. Er stirbt offscreen; die Nachricht von seinem Tod verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Während manche davor weglaufen, wie Roberts Bruder, entscheidet sich Ned, die Bändigung dieses Feuers in Angriff zu nehmen. Aber schon die Aufnahmen von Ned, als er im Thronsaal vor dem von Cersei kurzerhand zum König ernannten Joffrey steht, vermitteln die Unmöglichkeit seiner Mission: Die Bilder lassen Ned klein und wie in einer Falle gefangen aussehen. Es ist natürlich Littlefinger, der mit einem Dolch hinter seinem Rücken steht und nun den immer wieder vom ihm selbst angekündigten Verrat an Ned vollzieht.

Jorah Mormont verzichtet seinerseits auf einen Verrat und rettet Dany (Emilia Clarke) das Leben. Wortlos bringt uns die hervorragende Inszenierung auf dem Dothraki-Markt nahe, wie Jorah sich umentscheidet und Danys Seite wählt. Nach dem Versuch des Weinhändlers, Dany zu vergiften, gerät Khal Drogo außer sich und schreit in einer entflammten Rede heraus, was Westeros erwartet. Genauso wie in der letzten Episode, als Dany das rohe Fleisch aß, suchen und finden die Blicke des Dothraki-Königspaars einander. Die Chemie zwischen Emilia Clarke und Jason Momoa wächst und wächst.

Genauso wie Danys Erkenntnis, dass sie etwas will, wovon sie am Anfang der Geschichte gar nicht gedacht hätte, es zu wollen. Sichtbar wird diese Erkenntnis in den extremen Close-Ups von ihrem Gesicht am Ende dieser Szene und in der nächsten, als sie den Attentäter an einem Seil nackt hinter ihrem Pferd herschleift: Dany erkennt die Möglichkeit, den eisernen Thron zu bekommen – und will ihn jetzt auch. Ob auch echte Drachen ihr helfen werden? Oder legt das Gespräch zwischen ihr und Jorah eine “falsche”, symbolische Spur?

Symbolisch für die Gefahr, über die nachzudenken im Moment keine der Figuren Zeit hat, steht die Szene von The Wall, als Jon Snow und Sam als Night-Watch-Mitglieder eingeschworen werden und den alten Göttern vor einem Baum mit Blut weinenden Augen ihren Eid schwören. Jon wird nicht zum Ranger erwählt und ist wütend – aber vielleicht kann er mit einem Freund wie Sam an seiner Seite die Vorzüge seiner Position als Steward des Commanders klug nutzen. Klüger als sein Vater Ned. Jon wollte immer Ranger sein – aber ist dies tatsächlich das, was er will? „I always wanted to be a ranger.“ „Well, I always wanted to be a wizard!“ sagt Sam.

Ghost schleppt in seinem Maul eine abgetrennte Hand herbei, wie einen ironischen Kommentar: Gib Acht, was du wirklich willst! Wenn man sich darüber nicht im Klaren ist, dann ist man dem Tode geweiht. So wie Ned, The King’s Hand, der sein Schicksal schon längst nicht mehr in den eigenen Händen hält…

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