Luther: Season One

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It’s unfortunate that when we feel a storm, we can roll ourselves over ’cause we’re uncomfortable. Oh well the devil makes us sin, But we like it when we’re spinning in his grin. Love is like a sin my love, For the ones that feel it the most. Look at her with her eyes like a flame, She will love you like a fly will never love you, again.“ So lautet der Text des Massive-Attack-Songs “Paradise Circus” aus „Luther“s Vorspann.

Genauso wie uns Massive-Attack-Songs in einen hypnotischen Zustand versetzen, sorgen Idris Elba (Detektiv John Luther) und Ruth Wilson (Alice Morgan) dafür, dass man die Augen keine Sekunde mehr vom Bildschirm abwenden kann. Idris Elba dürfte den Zuschauern aus seinem Auftritt in „The Wire“ als Drogendealer Stringer Bell bekannt sein, während Ruth Wilson ihre erste große Rolle als Jane Eyre landen konnte („Jane Eyre“, BBC 2006).

Zuletzt war sie in der Mini-Serie „The Prisoner“ zu sehen, AMCs faszinierendem Remake. Dank der Performances nicht nur von Elba und Wilson, sondern auch vom Rest des Casts kann „Luther“ in keine Schublade wegsortiert werden, bleibt undefinierbar. Jedes Mal, wenn man denkt, die richtige Beschreibung gefunden zu haben, macht „Luther“ eine halsbrecherische Wendung und lässt den Zuschauer, der sich schon in kategorischer Sicherheit wiegte, am Rand stehen: vor einem Abgrund, vor dem freien Fall in die Tiefe.

Genauso steht Detective Luther auf dem Dach eines Gebäudes; seine Schuhspitzen ragen über den Rand hinaus. Er denkt über den Sinn eines freien Falls nach. „Luther“ zeigt uns Menschen im freien Fall, auch wenn dieser nur in ihrem Kopf geschieht. So wie „Rubicon“ es für seinen Protagonisten Will Travers (James Badge Dale) tat, nimmt sich die BBC-Serie „Luther“ die Zeit, ihre Hauptfigur beim Denken zu zeigen. A beautiful mind, but broken? Klingt das etwa nach Klischee? Mag sein, aber Wilson und Elba machen daraus ein spektakuläres Kammerspiel. Der Dialog zwischen den beiden während Alices Verhör bleibt uns lange im Kopf hängen.„Luther“ vergeudet keine Zeit, um uns in eine Konfliktsituation zu manövrieren. Die Serie eröffnet mit einer actiongeladenen Sequenz. Detective John Luther schafft es, einem Kindesentführer und Mörder den Aufenthaltsort seines letzten Opfers zu entlocken, aber lässt den Mann dennoch abstürzen. Darauf folgen Zusammenbruch, Untersuchung, Freistellung vom Dienst – und anschließend bekommt John seinen Job wieder. Warum? Weil keiner so obsessiv und so erfolgreich Verbrecher verfolgen und überführen kann wie er!

Aber es gibt Dinge, die, einmal gebrochen, für immer gebrochen bleiben. Luthers Vorgesetzte Rose (Saskia Reeves) und sein Kollege und bester Freund Ian (Steven Mackintosh) sehen in ihm eine tickende Zeitbombe. Von diesen Gefühlen am Rande des Ausbruchs macht die Serie sehr gut Gebrauch: Man weiß nie, ob John im nächsten Moment nicht doch hochgehen wird. Seine Präsenz füllt den Bildschirm aus – in jedem Sinne. Ein groß gewachsener Mann mit den Händen in den Taschen, mit hängenden Schultern und einem unnachahmlichen Gang: bedrohlich träge, weil zugleich voller Spannung – wie eine Raubkatze, die nur zum Schein döst.

Wie in späteren Episoden Personen anmerken werden, als Luther “maskiert” auftritt: jegliche Maskierung ist nutzlos. Man erkennt Luther, auch wenn er mit Strickmütze und Brille auf einen zuläuft.

Man erkennt ihn, ja – aber kennt man ihn? Kennt er sich selbst? Seine Frau Zoe (Indira Varma) glaubt ihn zu kennen; gerade deshalb verlässt sie ihn und beginnt eine Beziehung mit dem harmlosen Mark. Diese Tatsache wirft Luther fast über das schon angesprochenen Rand hinaus und hinab. Aber er trifft auf einen anderen „beautiful mind“: auf die hyperintelligente Astrophysikerin und Mörderin Alice Morgan, die gerade ihre Eltern samt Hund umgebracht hat. Luther weiß es; sie weiß, dass er es weiß – und dass er es nicht beweisen kann: Sie hinterlasse keine Beweise, sondern „evidence-shaped absence“, erkennt Luther.In Alice findet Luther, was er am allermeisten sucht: Erklärungen. Sie denkt mit ihm mit, sie ist sechs Episoden lang seine „mind mate“, seine Nemesis und seine Komplizin – letztendlich sein einziger Freund. Beide ziehen einander an mit dem Sog eines Schwarzen Lochs, das Alice beschreibt als „evil at its most pure, something that drags you in, crushes you, makes you nothing.

Don’t you worry you’re on the devil’s side without even knowing it?“, fragt er sie.

Aber meistens sitzt John Luther nur da und hört zu, vor allem in Verhörsituationen. Oft wird er vor einem eintönigen Hintergrund gezeigt, wodurch das gesamte Bild “flach” wirkt. Sein Kopf ist in der linken unteren Bildhälfte zu sehen. Er sitzt da, hört zu und denkt nach. Diese Aufnahmen entwickeln einen Sog für den Zuschauer, trotz fehlender Tiefe des Bildes. Man versucht, in Luthers Kopf zu blicken, ihn zu lesen, aber es gelingt nicht. Er ist gleichzeitig absolut vertieft und fieberhaft involviert, kurz vor einer möglichen Explosion. „The universe is not evil, just indifferent“, sagt Alice zu ihm. Im Laufe dieser ersten Staffel hilft sie ihm mehrmals – doch auch er ist eine Hilfe für sie, nicht nur eine gedankliche Herausforderung.Wie erzählt diese Serie? Traurig. Es ist die Trauer über den menschlichen Makel, die John Luther in den Abgrund reißt. Diese Trauer kann Alice nicht fühlen, denn sie selbst ist ein solcher Makel: Sie ist “flaw-shaped absence” – gnadenlose, gleichgültige Schönheit der reinen Abwesenheit, des Fehlens. Nur in den Begegnungen mit John Luther kann Alice fühlen, indem ein Mensch sie als Mensch braucht, als das, was sie ist. „We are who we are.

Britische Produktionen zeigen nicht nur einen speziellen Sinn für Humor – mit dem „Luther“ bislang extrem sparsam verfährt -, sondern auch ein Faible für entsetzliche Verbrechen. Genauso wie sich die Beziehung zwischen Alice und Luther über die Staffel hinweg dreht und wendet, wendet sich die BBC-Serie selbst. „Change the state of play“, rät Alice John bezüglich eines Falls. Und die Serie „Luther“ hört auf sie.

Während in den ersten vier Episoden einzelne Fälle grausamer menschlicher Taten untersucht werden, verwandelt sich die Produktion in den finalen zwei Episoden von einer Erzählung über den Wahnsinn von Serienmördern in einen klassischen Krimi über Korruption und Verrat. Geschickt benutzt die Serie zwei Nebenfiguren, um diesen Wandel zu untermauern, nämlich Luthers neuen Partner Justin Ripley (Warren Brown) und seinen besten Freund Ian. Beide tauschen die Plätze: Während sich Ian zu Luthers schlimmstem Alptraum entwickelt, wird Ripley am Ende der einzige sein, auf den Luther an seinem Arbeitsplatz zählen kann. Für mich funktionieren die letzten zwei Episoden im Doppelpack als Agonie einer Freundschaft, die zu Ende geht und Andere mit sich in die Tiefe reißt.

Ausgerechnet Zoe ist das Opfer. Die Staffel endet mit einer Auseinandersetzung zwischen John und Ian, die – mit Alices Hilfe – tödlich für Ian endet. Bereitwillig, da entzückt über die entstehende “Beziehung” zu John Luther, macht sich Alice zu seinem Finger am Abzug. „Oh well the devil makes us sin, But we like it when we’re spinning in his grin. Love is like a sin my love, For the ones that feel it the most. Look at her with her eyes like a flame, She will love you like a fly will never love you, again“…

 

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