Serenity

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Der Film Serenity bildet einen Abschluss der Firefly-Erzählung, nicht aber ihren Schluss.

Nachdem die Entertainment-Industrie von all den Browncoat-Fans in Erstaunen versetzt wurde, fand sich NBC Universal bereit, Joss Whedon mit knapp 50 Millionen Dollar seine Weltraum-Cowboy-Saga abschließen zu lassen. Wenn man Insider-Berichten Glauben schenken darf, dann hat das Studio Whedon einen noch größeren Gefallen getan: nämlich, sich aus dem Ganzen herauszuhalten. Heraus kam ein Film für „Firefly“-Fans, nicht für den “normalen” Kinogänger, der mit der Serie nichts am Hut hat – daher die mittelmäßigen Bewertungen der “objektiven” und “neutralen” Betrachter. (Diese beiden Wörter sollte man sowieso sparsamer benutzen und sich zuerst fragen, ob eine objektive Betrachter-Position überhaupt möglich ist.) Seine Qualitäten entfaltet „Serenity“ nur als Teil von „Firefly“, dem er einen überzeugenden vorübergehenden Schlusspunkt setzt. Warum vorübergehend? „You can’t stop the signal!

Ich gehe davon aus, dass die Leser dieses Artikels „Serenity“ bereits kennen und ich mich direkt auf den Kern des Films stürzen kann, ohne ausführlich die Handlung wiedergeben zu müssen. Sie entwickelt sich nämlich um ein Dreieck, das Whedon im Laufe von „Firefly“ schon vorgezeichnet hat: Alliance – River (Serenity) – Reavers. Die Verbindung zwischen diesen drei Punkten wird über das wiederholte Auftauchen eines Satzes in leicht abgewandelten Variationen hergestellt: „They never lay down!

Die „Serenity“-Produzenten schaffen einen glatten visuellen Übergang von der Serie zum Film und bedienen sich dabei sogar des Universal-Logos. Wir haben gesehen, dass die letzte „Firefly“-Episode „Objects in Space“ so endete, wie sie anfing: mit einem bunten Ball im Zentrum des Bildes.

Am Anfang der Episode handelte es sich um den Planeten, am Ende um den Ball, den River in der Hand hält. „Serenity“ zeigt uns nun, dass das Schicksal der Planeten tatsächlich in Rivers Händen liegt. Vielleicht eröffnet der Film aus diesem Grund mit einem Bild, das eine visuelle Verbindung zur Serie herstellt: Das Universal-Logo verwandelt sich in die Erde und führt uns nicht nur in die Geschichte des „Firefly“-Universums ein. Eine weibliche Stimme erzählt aus dem Off, wie es zur Gründung der Alliance kam, zum Anfang vom Ende. Diese Einführung der Zuschauer in die Welt „Serenity“s ist visuell sehr geschickt orchestriert und vollzieht sich anhand zweier entgegen gesetzter Bewegungen: Als sich vor unseren Augen das Universal-Logo in die Erde verwandelt (Einführung in das Universum), fährt die Kamera zurück. Etwas später füllt die Überschrift “Serenity” den Bildschirm aus und präsentiert zugleich den Filmtitel, aber auch Serenity selbst: Denn auch hier fährt die Kamera zurück, und der Filmtitel entpuppt sich als Aufschrift an der Wand des Schiffes. Wir treten also ein, indem wir einen Schritt zurück machen, um uns sozusagen vom Dargestellten und Erzählten ein Bild machen zu können: vom Close-Up zu einem Long Shot (establishing shot).

Nun bekommt auch die erzählende Stimme eine Trägerin: Es sind Rivers (Summer Glau) Kindheitserinnerungen, erzählt von ihrer Lehrerin (Tamara Taylor). Als River der Lehrerin widerspricht und erklärt, dass Menschen es nicht mögen, “belehrt” zu werden, sieht es so aus, als würde die Lehrerin River einen Stift ins Auge stecken. Schnitt auf Blau. River ist im Labor, und Nadeln werden in ihren Kopf gesteckt. Wir erfahren, warum die Alliance River sucht: sie kennt ihre Geheimnisse. Ihr kindlicher Widerspruch enthielt Wahrheit: Alliance undReavers sind die zwei Seiten derselben Münze – genauer gesagt: wenn man Menschen ruhig stellt, ihnen vorschreibt, wie sie zu denken und sich zu verhalten haben, bekommt manReavers als Ergebnis. In „Serenity“ erfahren wir, dass die Reavers im Zuge eines Experiments der Alliance entstanden sind: Mit dem Gas Pax wollte man den ultimativen Frieden schaffen: ultimative Ruhe. Und das funktionierte so gut, dass die Menschen auf dem Planeten Miranda, ganze 30 Millionen, aufhörten… zu leben. Bis auf diejenigen, bei welchen das Mittel die umgekehrte Wirkung hatte. Sie wurden ultimativ gewalttätig und überquerten die Grenzen des menschlichen Verstandes, ja des Menschseins selbst: „They’re animals“, sagte Jayne. „They made them“, sagt Wash.

Was Whedon hier tut, ist, die Machtmechanismen und die Gewalttätigkeit patriarchaler Ordnungen und Systeme bloßzustellen. Die patriarchale Gesellschaft mit all ihren Auswüchsen wie Early, Niska, The Operative und den Reavers wird einem zerbrechlichen siebzehnjährigen Mädchen entgegen gesetzt, an einem Ort, der – filmgeschichtlich gesehen – männliche Diskursen bedient (abgesehen von Filmen wie „Alien“). Dieses Mädchen verkörpert aber gleichzeitig eine tödliche Waffe, wie wir in der Barszene sehen, als River mit tödlicher Eleganz ihre Gegner neutralisiert. Diese Kampfsequenz gleicht einem Tanz: „She always did love to dance“, sagt Simon (Sean Maher) zu dem Alliance-Arzt, bevor er es schafft River zu befreien. (Auf der Metaebene ist dies übrigens ein Hinweis auf Summer Glaus tänzerische Fähigkeiten.) River ist wie ein „leaf on the wind“: sie schwebt graziös durchs Leben – aber das Blatt kann sich in eine Messerschneide verwandeln, um bei der bildlichen Metaphorik von „Objects in Space“ zu bleiben.

Rivers bewusstes Einsetzen von Gewalt jedoch – gegen die Reavers nämlich – geschieht im Interesse der Community, der Serenity-Familie, um sie zu retten. „Like this facility, I don’t exist“, sagt The Operative (Chiwetel Ejiofor). Er ist Jubal Early ähnlich, stellt sich allerdings – eine Stufe weiter – in den Dienst eines Ideals, indem er sein Selbst auslöscht: „We are making better worlds.“ Aus diesem Grund hat er keinen Namen, denn er ist die Leere. Diese versucht er, wie Early, mit Erklärungen philosophischer Natur zu füllen, um weiter machen zu können.

He didn’t lie down. They never lie down“, sagt River, als der Reaver an Bord der Serenityvon Mal (Nathan Fillion) getötet wird. Damit wird die Rastlosigkeit des patriarchalen Systems beschrieben, das niemals schläft – und in einer nächsten Szene Rivers zwiegespaltene Position innerhalb des Dreiecks. Wieder einmal wird uns River liegend gezeigt; wieder aber sehen wir auch ihre Erinnerungen. Dort befiehlt die Lehrerin den Kindern, sich auszuruhen: „Lie down.

Rivers Antwort: „No.

Hier kommt die Seite der Rebellion, die in ihr geschürte Gewalt zum Vorschein: „The girl or the weapon?

River ist eigentlich wie die Reavers: daher auch die Ähnlichkeit der Namen. Beide sind gewissermaßen Erzeugnisse des Systems, aber River ist etwas verschoben, anders: Ihre Rebellion ist eine höchst ethische – seitens des männlichen Diskurses von Mal in gewissem Sinne unterstützt. Rivers Verweigerung gegenüber der Lehrerin wird auf visueller Ebene erklärt, indem man verweste, liegende Leichen zeigt – die Bilder in Rivers Kopf. Ihre Rastlosigkeit, Miranda zu finden und die Wahrheit aufzudecken, hat ein Ziel und einen ethischen Charakter, während die anderen „Misbehave“-Erzeugnisse, die Reavers, weder soziale Verantwortungen noch Ideale kennen: Sie leben pure Gewalt, die männliche Natur in ihrer wahren Form, befreit von sozialen Zwängen.

She is an albatross“, sagt The Operative über River. Doch sie ist mehr. Sie ist die Diagonale im Bild, die die Vertikalen und Horizontalen stört. Oft wird sie aus der Untersicht gefilmt, was sie groß erscheinen lässt und ihr so auch eine Machtposition verleiht; sie steht schräg im Bild (Min. 59:30 zum Beispiel) – ihr Kopf (oben links) bildet das eine Ende der Diagonalen und die Waffe in ihrer Hand (unten rechts) das andere. Sie erst bildet dritte Seite des Dreiecks der Whedonschen Pyramide, die für Familie, Zusammenhalt und Menschlichkeit steht.

Schon der Beginn des Films hat uns Whedons ethische Abschluss-Aussage visuell vermittelt: Man sollte die Welt nicht von außen besser machen wollen, sondern von innen, indem man die eigene Menschlichkeit beibehält.

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One response »

  1. Danke für die großartigen Reviews, da kommt immer wieder Wehmut auf! Mir kommen fast die Tränen, wenn ich daran denke, dass diese unglaublich gute Serie nie fortgesetzt wurde, aber so viel anderer Trash. Vielleicht gibt es nach den Reaktionen beim Firefly Panel der diesjährigen Comic Con doch noch ein wenig Hoffnung, zumindest auf einen zweiten Film…

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