Justified: Fire in the Hole (1×01)

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Vor ein paar Jahren habe ich mich in einem Artikel darüber beschwert, dass uns die Anti-Helden fehlen: wir hatten eigentlich nur unseren Dexter. Dann krempelten die US-Kabelsender die Ärmel hoch, allen voran FX, und wir bekamen „Breaking Bad“ (AMC), „Sons of Anarchy“ (FX) und dann „Justified“ (FX). Weitere Beschwerden wären also nicht gerechtfertigt. Was gerechtfertigt ist: „Justified“ als großartiges Fernsehen zu bezeichnen.

Man mache die Augen zu und stelle sich folgendes Bild vor: Wie würde es aussehen, wenn man zum Abendessen, das ein Showdown ist, Timothy Olyphant („Deadwood“) und Walton Goggins („The Shield“) beim Kerzenlicht an den Tisch setzt? Und der Dialog zwischen den beiden stammt aus einer Elmore Leonard-Geschichte! Begeistert genug? Ich bin es, nach der Sichtung des Piloten. FX hat definitiv einen weiteren Treffer gelandet: „I want you to understand. I don’t pull my sidearm unless I’m going to shoot to kill. That’s its purpose, huh? To kill. So that’s how I use it.“

Und dieser Mann, so sanft und beruhigend er auch reden mag, macht keine leeren Versprechungen. Schon in der ersten Szene der neuen FX-Serie sehen wir den Deputy U.S. Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant), wie er in einem noblen Restaurant sich zu einem Mann an den Tisch setzt, während es um die beiden herum nur so von Menschen wimmelt, die Miamis Sonne am Pool genießen. In dieser Szene – und in mehreren anderen in diesem Piloten – macht man exklusiven Gebrauch von extremen Close-Ups (Augenpartie), wie wir sie aus Western kennen.

Givens teilt dem Mann mit, dass die 24 Stunden, die er ihm gegeben hatte, um die Stadt zu verlassen, genau jetzt ablaufen. Er redet leise, mild, aber die Augen verleihen seinen Worten besondere Schwere. Man spürt förmlich, dass sie ein unangenehmes Echo hinterlassen, obwohl keins zu hören ist. Wird er den Mann in aller Öffentlichkeit erschießen? Das fragt auch der Mann selbst: zuerst mit Worten, dann mit Blicken. In Givens’ Augen sieht man schon der Sarg sich spiegeln… Ja, im nächsten Moment durchsiebt er den Mann mit Kugeln. Aber – der hatte auch eine Waffe unter dem Tisch. Givens war nur schneller! Das heißt: Justified! „Let’s just keep it simple, huh? He pulled first. I shot him.“ So lautet Givens’ Erklärung vor der Untersuchungskomission – woraufhin er nach Harlan County, Kentucky, zwangsversetzt wird. Nun: dort kommt er ursprünglich her – und er möchte ungern zurück. Warum? Kleiner Hinweis: Jede Figur, auf die er trifft, fragt, ob er seinen Vater schon besucht hat… da kann man sich Einiges zusammen reimen. Father Issues? Soll nach „Deadwood“ „Justified“ den Western für das Fernsehen wiederbeleben? Das kann ich nicht beantworten. Beantworten kann ich nur die Frage danach, ob man sich „Justified“ antun soll. Sagen wir mal so: das Zuschauen ist absolut gerechtfertigt!

Mit anderen Worten: Die „The Shield“- und „Sons of Anarchy“-Liebhaber werden den Post-„Deadwood“ -Cowboy, der selten seinen Hut abnimmt, mögen. (In letzter Zeit beobachten wir bei Kabelsendern eine starke Tendenz zum Hut – siehe „White Collar“.) Der Schöpfer der Serie Graham Yost („The Pacific“, „Boomtown“, „Band of Brothers“) hat nicht nur den idealen Schauspieler für die Rolle gefunden, sondern es gelingt ihm eine schon im „Justified“-Piloten (die Serie sollte ursprünglich „Lawman“ heißen) zu erkennende, in diesem Fall ideale Mischung:
Männer mit Waffen, die dunkle Geheimnisse haben, schwarzen Sinn für Humor und dazu exzellente Nebenfiguren mit zugleich dunklen und slapstickartigen Storys. Der trockene Humor durchdringt buchstäblich die Serie, und manche Situationskomik kommt genauso unerwartet wie die Gewaltausbrüche. Oder besser gesagt: der Zuschauer muss immer raten bzw. sich fragen, was als Nächstes kommt – ein gelungener Witz oder ein Kopfschuss?!

Nach 20 Minuten ereignet sich zum Beispiel die folgende Szene. Givens befindet sich gerade bei seiner alten Flamme Ava (Joelle Carter), die kürzlich ihren brutalen, prügelnden Ehemann mit einer Pumpgun über die Tapeten verteilt hat, als ein Neo-Nazi der Sorte „genetically defective moron“ ohne Einladung die Wohnung betritt. Zwischen Deputy U.S. Marshal Raylan Givens und dem Typen mit “Heil Hitler”-Tätowierung um den Hals ereignet sich die folgende Konversation:
„Who are you?“ fragt der Nazi. „The undertaker?“ (wegen Raylans Anzug und Hut)
„I might be undertakin’ a situation right here“, antwortet Raylan sanft.

Wie sich die Situation weiter entwickelt, brauche ich nicht zu erzählen. Diese Zeilen kommen direkt aus dem Elmore-Leonard-Roman Fire in the Hole (2001), auf welchem die Serie basiert und dessen Namen der Pilot trägt.
Laut Aussagen der Beteiligten hat man sich ziemlich dicht an die Vorlage gehalten – bis auf eines: Raylans erster Job, dem ihm sein neuer Chef erteilt (gespielt von Nick Searcy; an der Wand in seinem Büro hängt ein „Tumbstone“-Plakat), besteht darin, den Mann zu stoppen, mit dem er aufgewachsen ist: Ein stehlender, tötender Neo-Nazi-Psychopath, der in kürzester Zeit mit einer Bazuka eine afro-amerikanische Kirche in die Luft jagt, seinem Partner in den Kopf schießt und am helllichten Tag einen tollpatschigen Banküberfall durchführt.

Boyd wird gespielt von einem „The Shield“s-Finest, Walton Goggins. Die Szenen zwischen ihm und Timothy Olyphant sind mit Abstand das Beste in diesem Piloten. Wie jeder beim Anderen Maß nimmt und sich zugleich darüber wundert, wie in aller Welt es dazu kam, dass sie sich nun so gegenüber stehen – awesome! Durch die Oberfläche lässt die Serie die Frage leuchten, ob das tatsächlich stimmt. Sind sie so verschieden? Grandiose Leistung der beiden Schauspieler, wie sie Wut in Sensibilität übergehen lassen – und umgekehrt. In „Justified“ generell sehr gelungen: dass man nicht wirklich eine Figur nicht mag, sogar die Nazi-Morons erscheinen irgendwie sympathisch. Letztendlich kommt es zum von Boyd inszenierten Showdown, der sehr der allerersten Szene dieser Serie ähnelt. Givens hatte Boyd bereits mit einem klassischen One-Liner gewarnt: „You make me pull, I’ll put you down!“ In Leonards Original stirbt Goggins, aber hier zum Glück nicht. Es sind also noch mehr Szenen zwischen Raylan und Crowder mit Vorfreude zu erwarten.

Givens’ Sinn für Gerechtigkeit ist nicht einfach Selbstzweck: vielmehr speist er sich aus einer Energiequelle, einem ganz persönlichen, dunklen Ort, den die Justified-Autoren vor unseren Augen noch entfalten müssen. Nachdem Givens mitten in der Nacht in das Haus seiner Ex-Frau Winona (Natalie Zea) eingebrochen ist, beichtet er ihr, dass er den Mann in Miami so oder so erschossen hätte: „I guess I never thought of myself as an angry man!“ Sie lacht: „Raylan . . . you are the angriest man I’ve ever known.“ Givens ähnelt dem Hund in David Lynchs Comic “The Angriest Dog in the World”. Das Problem besteht darin, dass Givens im Gegensatz zum Angriest Dog nicht angekettet ist. Oder doch? Vielleicht an seine Vergangenheit? Deswegen sein Unmut, seine Rastlosigkeit, die hinter einer milden Fassade versteckt wird? Wie schon Boyd zu unserem Helden sagte: „I know you like to shoot bad people.“

Und, ganz ehrlich: ich will das sehen!

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