Luck: Episode 1

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Ein Pferdeauge, Schweißtropfen, hastige Bewegungen vor dem Hintergrund der aufgehenden Sonne, die in unscharfen Kontrasten das Bild in Orange und Gelb taucht. Dabei das Gefühl von Unausweichlichkeit voller menschlicher Gier und Melancholie. So kann man den Eindruck des neuen HBO-Piloten zusammenfassen – und warten, bis im Januar das Bild deutlichere Umrisse bekommt. Obwohl ich, ehrlich gesagt, bezweifle, dass sich Luck um klare Umrisse und deutliche Kontraste dreht; es sieht sehr nach einer Serie aus, die ihre Kraft aus dem wechselnden Fokus schöpft, aus dem Überlappen und Verwischen.

Dafür verfügt man über einen ziemlich großen Cast: Wir bekommen eine Menge Figuren zu sehen – manchen Zuschauern dürften es zu viele gewesen sein. Und es dauert seine Zeit, bis man überhaupt herausfinden kann, worum es hier geht. Kreiert von David Milch (Hill Street Blues, Deadwood), wendet sich Luck mit seiner Pilot-Episode nicht unbedingt an die breite Masse, sondern an ein Publikum, das weiß, was es zu erwarten hat und bereit ist, Geduld und Mitarbeit zu investieren, um den Zugang zur Serienwelt zu finden. Denn Lucks Welt ist, als wir sie betreten dürfen, fertig, mitsamt Geschichten und Konflikten.

Der Kontext bleibt oft vage, viele Bemerkungen scheinen auf den ersten Blick nur für andere Figuren Sinn zu ergeben. Oft springen wir mitten in eine Konversation hinein – oder der Austausch verläuft wortlos, aber emotional, etwa zwischen einem Jockey und seinem Pferd. Man versteht einander – und für uns Zuschauer besteht die genussvolle Herausforderung darin, ebenfalls zu diesem Verständnis zu finden. Regisseur Michael Mann („Heat“, Miami Vice) hat sich darum gekümmert, dass die Bilder das Sprechen übernehmen. Die visuelle Gestaltung der Episode ist grandios und erzählt mehr als die Worte selbst. Bilder liefern die Erklärung für die Faszination dieser Welt als einer Kombination aus Geld, von Adrenalin triefender Begeisterung und… Schönheit.

Die Kamera fängt das alles ein, sei es die Musikmontage am Anfang oder aber die vielen wechselnden Close-Ups von Menschen- und Pferdeaugen bei den Pferderennen. Die Kamera nimmt sich viel Zeit für die Pferde, so, als wären sie den menschlichen gleichwertige Figuren in dieser Serie. Die mit Abstand rührendste Szene ereignet sich natürlich, als sich ein Pferd im Rennen das Bein bricht und nachher eingeschläfert werden muss.

Auch versetzt uns der subjektive Blickwinkel der Kamera sowohl in die Perspektive eines rennenden Pferdes als auch in die unterschiedlicher Figuren, wie zum Beispiel am Ende der Episode, als wir mit Gus’ Augen Ace auf dem Bett liegen sehen. Zwischen den Adrenalinschüben, die die Pferderennen bieten, treffen wir auf eine Menge interessanter Figuren. Chester “Ace” Bernstein (Dustin Hoffman) wird gerade entlassen – nach drei Jahren Haft, die er absaß, um andere “Kollegen” vor dem Fall zu bewahren. Sein Fahrer, Freund und vermutlich rechte Hand Gus (Dennis Farina) holt ihn ab.

Die Beziehung der beiden Männer besitzt eine Selbstverständlichkeit, die ungezwungen daherkommt und tief in vergangenen Ereignissen zu wurzeln scheint. Dabei ist Ace in jeder Hinsicht zurückhaltend (bis auf eine Szene), so sehr, dass man überhaupt nicht mit ihm “warm” werden kann. Das Gefühl, das er in uns hervorruft, lässt sich wohl am besten als “vage” beschreiben – ob eher positiv oder eher negativ konnotiert, kann ich nicht sagen. Genauso unschlüssig fühlt man sich bezüglich des Pferdetrainers Escalante (John Ortiz), des Jockeys Goose (Jeffrey Woody Copland), seines Agenten Porky Pig (Richard Kind) und “The Old Man” (Nick Nolte).

Eigentlich verbringen wir die meiste Zeit mit dem Quartett aus „gambling degenerates“ (Selbstbeschreibung), in dessen Zentrum Marcus (Kevin Dunn) mit seiner Sauerstoffmaske im Rollstuhl sitzt. Alle vier bilden eine schwarzhumorige Metapher darüber, wie Glück und Unglück gleichzeitig dasselbe bedeuten können – und diese Metapher dürfte nach dem großen Gewinn, den sie landen, in Zukunft noch schwärzer werden… An der Frauenfront wäre zu kritisieren, dass abgesehen von der Tierärztin (Jill Hennessy, Crossing Jordan) und dem weiblichen Jockey weit und breit nichts zu sehen ist…

Aber es ist bisher ja nur eine Episode gewesen, und außerdem scheint Luck eine Serie über kauzige, vorwiegend ältere Männer zu sein, die einen Kampf um das führen, was mal war und was noch werden soll. Obwohl schon im Piloten Einiges geschieht, ist Luck im Moment noch der Dampf, den man von den Pferdekörpern hochsteigen sieht: ein Versprechen von Glück, Begeisterung und Schönheit.

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