Luck: Episode 6

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Die sechste Luck-Episode steckt voller Nachrichten und Erschütterungen. Erstere und Letztere sind nicht unbedingt miteinander verbunden, aber man kann schon behaupten, dass gewisse Nachrichten unausweichlich Erschütterungen mit sich bringen. Das ist keinesfalls negativ gemeint, denn Erschütterungen können uns die Augen öffnen für neue Möglichkeiten, neue Wege. Allerdings muss man dafür empfänglich sein. Nachdem Joey endlich seine Ex-Frau gesprochen hat und um so schneller abgespeist wurde, sieht er nur eine einzige Möglichkeit für sich, nämlich keine mehr zu haben: Er will Selbstmord begehen.

Dennoch bekommt er seine Chance, denn die Gegend um Santa Anita wird von einem Erdbeben erschüttert: Die Kugel nimmt einen anderen Weg als den in Joeys Kopf und streift nur seine Wange. Eine Art Zeichen, wenn man es religiös ausdrücken will. Joey wird die Wahl gegeben, einen anderen Weg einzuschlagen – und er trifft sie, sogar sein Stottern ist plötzlich weg. Aber nur für kurze Zeit. So funktioniert Glück: nur für kurze Zeit, wenn man nicht selbst daran arbeitet. Die Szene im Krankenhaus, als Joey anfängt, seinen Namen zu wiederholen und von dem Hemd-Etikett vorliest, ist eine der besten der Episode. Die von der Kugel gestreifte Wange dient ihm fortan vielleicht als Zeichen, als Mahnung, nicht immer wieder Anderen die andere Wange anzubieten.

Er ist nicht wie durch ein Wunder ein anderer Mann geworden. Aber er könnte es von sich aus werden. Als wir das Erdbeben auf der Rennbahn beobachten, können wir nicht umhin, an die Schicksale dieser Menschen (und Pferde) zu denken, die hier auf dem Spiel stehen und die regelmäßig erschüttert werden: An einem Tag scheint alles möglich, und am nächsten wird man unerbittlich in die eigenen Grenzen zurückverwiesen… Was bleibt, ist das Echo dieser Erschütterungen, die Art und Weise, wie durch sie Dinge in einem anderen Licht erscheinen. Die Erschütterung ist eine Erinnerung: an die Tatsache, dass es mehr als eine Möglichkeit gibt, mehr als nur einen Weg. Was wäre, wenn… ? Dies der Satz, den Claire bei ihrem ersten offiziellen Date mit Ace ausspricht – in einer weiteren großartigen Szene dieser Episode.

Alles ist möglich – und doch nicht. Aber ist es nicht die erste Hälfte des Satzes, die die Lebensgeister allererst bewegt? Die Münzen, die wir in Lucks Vorspann in die Luft aufsteigen sehen, bilden ein ergänzendes Gegenbild zu der wählbaren Chance der Erschütterungen, die wir eben besprachen. Münzen haben zwei Seiten, aber die gelten uns alles andere als gleich: Wir wünschen und hoffen, dass die Münzen auf eine bestimmte Seite fallen. Und falls das nicht klappt, brauchen wir jemanden, der uns selbst auffängt, so wie Jo die uns unbekannte Stahlarbeiterin in die Arme nimmt, als sie nach einem Telefonat plötzlich zusammenbricht. Solche Reaktionen, solcher Kontakt, die Beziehungen, die wir mit anderen eingehen, sind es, die alles möglich machen.

Das Glück liegt zunächst im Anderen. Unser Glück sind unausweichlich die Anderen, und wir können niemals beides: sie in uns einlassen und gleichzeitig uns selbst in Schutz nehmen. Sie werden uns ändern, im Guten oder im Schlechten: das steht auf dem Spiel, nicht direkt das Rennen. Die Pferde sind hier die Träger, die Übermittler – und gleichzeitig, mit ihren großen Augen, die Beobachter dieses Rennens um die Seelen der Beteiligten, die zwischen Tag und Nacht schweben. Die Pferde spüren die Erschütterungen kommen, bevor die Menschen es tun. Tag und Nacht. Luck erschüttert erneut die eigene dramaturgische Struktur, die wir erkannt zu haben glaubten, demonstriert aber damit meiner Meinung nach eindrucksvoll eine der eigenen Hauptaussagen: nämlich, dass unsere Existenz sich in jedem Sinne zwischen Tag und Nacht, zwischen Höhen und Tiefen, zwischen Neuanfang und Rückkehr abspielt.

Es scheint, als hätte Israel diesbezüglich den schwersten Job, denn er steht plötzlich im Mittelpunkt der brenzligen Beziehung zwischen Mike & Co und Ace Bernstein (Dustin Hoffman). Ace schickt Israel zu Mike und seinen Partnern, damit er sich von ihnen kaufen lässt und einen falschen Eindruck davon erzeugt, wen Ace in der Tasche hat und wen nicht. Währenddessen trifft sich Ace mit dem Inhaber Santa Anitas, der sich – genauso wie Aces Parole Officer – sicher ist, dass es für Ace um Persönliches geht. Dieser Inhaber wird übrigens gespielt von Jürgen Prochnow (Das Boot).

In dieser Episode sind es zwei Rennen, denen wir beiwohnen. Im ersten trägt Mon Gateau den Sieg davon, während Gettin’ Up Mornin’ im zweiten die Konkurrenz um Längen hinter sich lässt. Luck findet nach wie vor Wege, jedem Rennen eine persönliche Note zu verleihen und Variationen in der emotionalen Reaktion aller Beteiligten zu kreieren. Trotz Walters Anweisungen kann sich Rosie in der Hitze des Gefechts nicht bezähmen und sichert sich den Sieg, indem sie von der Gerte Gebrauch macht, was bei Walter einen Wutanfall auslöst. Auch Mon Gateaus Sieg, mit Leon als Jockey, gelingt mit ‚Unterstützung’: mit Hilfe eines angeblich versehentlichen Schubsers nämlich, so dass die Kommission über die Rechtmäßigkeit des Sieges entscheiden muss.

Nicht den Pferden, sondern den Menschen fehlt es hier an Vertrauen. Zwar versöhnt sich Walter mit Rosie, aber er hat mit viel schwerer wiegenden Problemen zu kämpfen, die ihm in einem Brief am Anfang der Episode bereits angekündigt wurden und sich an ihrem Ende materialisieren. Und Ace sitzt dieses Mal allein da mitten in der Nacht, da Gus viel zu müde ist, um Gesprächspartner zu sein. Ace kann nicht schlafen, er denkt an Pferde, an Claire… und erschüttert sich selbst mit dem Satz: „What the fuck is wrong with me?“

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