Justified: Blowback (1×08)

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Blowback ist nicht nur ein perfektes Beispiel dafür, wie eine Balance zwischen serialisierter und abgeschlossener Erzählform gefunden werden kann – sie enthält auch einen Ereignis-Punkt innerhalb des Justified-Narrativs, den ich als einen Brief bezeichen möchte, der immer seinen Bestimmungsort erreicht.

Was bedeutet das?

Auf der sichtbaren Ebene heißt es: Papa Bo ist ein freier Mann, der in einer äußerst eklig-liebevoll-hasserfüllten Ansprache innerhalb der ersten Minuten bedroht. Raylan Givens (Timothy Olyphant) ist der indirekte Grund für seine vorzeitige Freilassung, da alle Fälle, die der Sheriff (Angestellter der Miami-Mafia) hatte, angezweifelt und fallen gelassen werden. Raylan ist der direkte Grund dafür, dass auch Boyd frei gelassen wird, da er eine Beziehung mit Ava angefangen hat. Und es ist immer noch Raylan, der die Geiselnahme-Situation im Marshalls Office mit Hilfe von „fried chicken and bourbon“ friedlich löst.

Übrigens: W. Earl Brown, der hier den Geiselnehmer Cal Wallace spielt, ist der nächste in der Reihe ehemaliger Deadwood-Castmitglieder, die in Justified auftauchen. Insider-Joke oder gute Freundschaftsbeziehungen zwischen Timothy Olyphant und seinen ehemaligen Kollegen?

Boyd nun überbringt Raylan im Gespräch am Ende der Episode eine Nachricht: den besagten Brief. Welche Nachricht ist das, die gleichzeitig die Kernaussage der Serie enthält? Wir befinden uns nun auf der ‘unsichtbaren’ Ebene, der der Interpretation. Ich bitte die Leser um Verzeihung – die folgenden Ausführungen mögen verwirrend scheinen; aber manche von euch finden sie bestimmt interessant:

Im berühmten Schluss von Lacans Seminar über E. A. Poes Erzählung „Der entwendete Brief“ heißt es, „ein Brief erreiche immer seinen Bestimmungsort“ (Lacan 1973, S.41). Was das Ganze mit Justified zu tun hat? Wir nehmen an, dass der Brief bzw. die Nachricht hier gewissermaßen „das Lied vom Tod“ ist: Raylan ist der Adressat, den der Brief nicht verfehlen sollte, aber zugleich auch – und nun wird’s interessant – sein Absender. Wir haben es mit einer Geschichte über Gewalt zu tun, einer Geschichte über Figuren, deren Beziehungen letztlich nur auf Gewalt basieren. Oder auf Liebe? Auf einer gnadenlosen Liebe, die unausweichlich in Gewalt mündet? Man könnte sagen, dass hier eine Todeskugel zwischen den Subjekten kreist: als Objekt, das die Erhaltung der symbolischen Ordnung begründet. Die Struktur des symbolischen Austauschs zwischen Subjekten kann nur dann funktionieren, wenn ein rein materielles Element sie verkörpert und damit garantiert.

Ein Beispiel aus Hegels Dialektik – nicht erschrecken, es ist ganz einfach: Der Staat als rationale Totalität existiert bei Hegel nur, insofern er sich in der stumpfsinnigen Präsenz des Körpers des Königs darstellt; der König „ist“ – in seiner nicht-rationalen, biologischen Präsenz – der Staat; erst in seinem Körper erreicht der Staat seine Wirklichkeit. Entsprechend die Kugel in Justified: Als Akt der Gewalt und ihr expliziter Inhalt (den Tod, den sie bringt) verkörpert sie die konstitutive „Gewalt“ der symbolischen Ordnung. Auf Raylan gemünzt, heißt das: Die Kugel, die er selbst schon abgeschossen hat, irrt umher und sucht nach ihrem Adressaten – ihm selbst.

In diesem Sinne kann man sagen, dass der Brief seinen Bestimmungsort in dem Augenblick erreicht, da wir begreifen, dass „der Postbote“ (Raylan als tödlicher US-Marshal) nicht mehr bloß Überbringer des Briefes, sondern selbst der wahre Brief ist. Der Brief erreicht immer seinen Bestimmungsort: nicht nur deshalb, weil sein Bestimmungsort eben dort ist, wo er ankommt, sondern weil der Sender (Raylan) seine Botschaft vom Empfänger (Boyd) in umgekehrter, nämlich wahrer Form zurückbekommt.

Damit ist das Katz-und-Maus-Spielchen zwischen Raylan und Boyd gemeint. Aber Boyds und Raylans Gespräche sind keine Ablenkungsmanöver, sondern ein Ver-sprechen im Sinne von Ver-sprechern: Sobald die Subjekte das, was sie sagen wollen, in Worte fassen, ver-sprechen sie sich; und genau darin, diesem ‚falsch’ Gesprochenen, spricht sich erst die Wahrheit aus. Das Subjekt sagt immer etwas mehr oder weniger als das, was es sagen wollte: und in diesem Zusatz liegt seine ihm selbst verborgene Wahrheit.

Was Boyd offenbar erkannt (aber damit nicht gleich akzeptiert!) hat, ist die Tatsache, dass keiner seinem Schicksal entrinnen kann. Jedes Subjekt muss seine symbolische Schuld bezahlen: Der Brief ist auch ein Schuldbrief, eine Rechnung. Das versucht er Raylan klar zu machen. Raylan aber arbeitet hart daran, ausgerechnet den Tod zu verhindern, den andere fordern und sogar wünschen. Er versucht so, den Inhalt des Briefes – „Liebe deinen Nächsten? Nein, danke!“ umzuschreiben: in „Du sollst deinen Nächsten nicht lieben? O doch!“ Kann man seine Rechnung so begleichen? Gnadenlose Liebe halt…

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