Justified: Brother’s Keeper (2×09)

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Nach der letzten Episode The Spoil habe ich mich gefragt, ob Justified noch besser werden kann – und postwendend kommt mit Brother’s Keeper die Antwort: Ja! Während wir in der ersten Staffel nur die Konturen von Generations- und lokalen Konflikten wie mit einem Bleistift skizziert erblickten, bekommen diese Konflikte in der zweiten Staffel klare Umrisse, und wir werden immer tiefer ins Herz Kentuckys geführt. Das ist nicht so sehr geographisch gemeint, sondern zielt ab auf die Mentalität, die Traditionen, die Regeln dieser Gesellschaft – und die Beziehungsgeschichten zwischen den Figuren selbst.

Die Bleistiftzeichnung wird zum vollständigen Bild; hervorstechende Farbe: Rot. Man kann buchstäblich Episode für Episode sehen, wie sich die Farbe verdichtet, bis sie unausweichlich blutrot wird. In Brother’s Keeper schaffen es die Autoren, gleichzeitig herzzerreißend und leichtfüßig zu erzählen. Einerseits wird Blut vergossen, andererseits gesungen und getanzt. Mags Bennett bildet das Zentrum dieser faszinierenden Episode. In ihrer Figur verbinden die Autoren Zufriedenheit und Triumph anlässlich des Vollbrachten und gleichzeitig tiefe Trauer über ein persönliches Misslingen, ja Versagen.

Nicht nur an ihren eigenen Kindern – vor allem an Coover -, sondern vor allem an ihrem “Ersatzkind”, der ersehnten “Tochter”: Loretta (Kaitlyn Dever). Margo Martindale spielt Mags Bennett mit unheimlicher Wucht, aber lässt immer im passenden Augenblick ihre innere Zerrissenheit spüren. Aus der Kombination dieser komplexen Gefühlslage mit dem Lauf der Ereignisse in dieser Episode ergibt sich die Frage danach, ob Mags hier mehr gewonnen als verloren hat.

Wie in der letzten Episode angekündigt, treffen nun alle zusammen: anlässlich Mags’ “big ‘ole whoop-de-do”. Während Raylan sich mit kleinen Auseinandersetzungen beschäftigt, findet die große zwischen Mags, Carol und Boyd (Walton Goggins) statt. Carol fragt Raylan (Timothy Olyphant) im Zuge ihrer hartnäckigen Flirtattacken, ob er tanzen könne. Sie ahnt nicht, zu welch heißem Tanz sie hier geladen wurde. Während Carol glaubt, Mags ein Angebot zu machen, das diese nicht ablehnen kann, sind es tatsächlich Mags und Boyd, die umgekehrt ihr ein solches Angebot unterbreiten.

„But then, you pick the devil you run with“, sagt Mags – zu Recht: Ausgerechnet Carols Auftraggeber ließ sie über gewisse geographische Umstände im Dunkeln, während Mags und seit der letzten Episode auch Boyd alle Tatsachen beleuchten können. Black Pike muss Transportwege bauen, um die geförderte Kohle abtransportieren zu können. Die fraglichen Areale um den Berg gehören Mags – und, überraschender Weise, Boyd. Anscheinend hat er einen Deal mit Arlo gemacht, damit die Givens’ an ihn verkaufen. Carol steht da wie vom Blitz getroffen – nicht nur wegen ihrer Auftraggeber, sondern wegen der Kaltblütigkeit der beiden und Mags’ Schauspieltalent: in beiderlei Hinsicht sieht sie ihre eigenen Fähigkeiten übertroffen.

Der Händedruck zwischen Mags und Boyd besiegelt folgerichtig nicht etwa eine Freundschaft oder einen Nichtangriffspakt, sondern bringt einfach gegenseitige Anerkennung zum Ausdruck. Während Mags schließlich zum Gitarrenspiel ihres Sohnes “High On The Mountain” singt, legt Boyd mit Ava (Joelle Carter) einen Freudentanz hin. Es bleibt aber die Frage, welchen Deal er mit Arlo gemacht hat – und inwieweit die Verhandlungen Raylan involvieren…

Nun, was Loretta betrifft, kann Raylan nicht außen vor gelassen werden. Die Szene aus dem Teaser, als Mags Loretta feierlich anzieht und ihr die Haare kämmt, zeigt eine andere Mags. Die liebkost Loretta nicht aus Schuldgefühlen, sondern aus dem Wunsch heraus, eine Tochter zu haben – ein hübsches, aufgewecktes Mädchen: zum Liebhaben, zur Gesellschaft und, matriarchisch gedacht, als eine Art Nachfolgerin. Coovers Eifersucht, die sich – wie alles bei ihm – auf kindlichem Niveau äußert, führt zum Eskalieren der Ereignisse, nachdem Loretta die Uhr ihres Vaters an Coovers (Brad Heneke) Handgelenk erblickt hat.

Alles endet mit Coovers Tod durch Raylans Hand und mit einer großartigen Szene zwischen Mags und Raylan. Voller Trauer erscheint Mags am Tatort: nicht so sehr wegen Coover, sondern weil sie Loretta verloren hat. In ihren Augen ist Raylan derjenige, der ihr die Möglichkeit auf eine Zukunft mit Loretta nimmt, indem er Mags sogar den persönlichen Abschied von dem jungen Mädchen untersagt. Sie wäre nicht Mags, wenn sie ihm das verzeihen könnte.

Eine Art Bürgerkrieg in Harlan County scheint mit dieser Episode eröffnet. Dadurch aber, dass jeder letztendlich auf seiner eigenen Seite steht, hängt der Ausgang dieses Krieges wohl nur von den möglichen Bündnissen ab.

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