Justified: Bulletville (1×13)

Standard

Bulletville macht seinem Titel alle Ehre! In dieser Episode ist es schwer, sich keine Kugel einzufangen, denn es fliegen deren etliche in der Gegend herum. Nachdem der Pulverdampf verflogen ist, bleiben nur noch zwei stehen. Oder doch nur einer? Denn die Serie schafft es, einen Erzählkreis zu vollenden und uns zu zeigen, dass Raylan (Timothy Olyphant) und Boyd (Walton Goggins) zwei Seiten derselben Münze sind: Kopf oder Zahl, Raylan oder Boyd. Während wir die ganze Zeit argwöhnten, Boyd würde mit allen spielen, spielte Justified mit uns. Die Serie gab vor, uns den folgenden Witz zu erzählen:

Es handelt sich um einen völlig „normalen“ Soldaten, der nur die Besonderheit zeigt, jeden Fetzen Papier, der ihm unter die Augen kommt, untersuchen zu müssen, was er mit einem „Das ist es nicht!“ begleitet. Das geht einige Zeit so, bis man ihn zu einem Psychiater schickt, wo er ebenfalls alle Papierstücke bis hin zu denen im Papierkorb durchwühlt, immer sein „Das ist es nicht!“ wiederholend. Der Psychiater, überzeugt von der Dienstuntauglichkeit des Mannes, stellt ihm schließlich die Bescheinigung aus, die ihn vom Militärdienst befreit. Daraufhin wirft der Soldat einen Blick auf das Papier und sagt: „Das ist es!“

Was alle Beteiligten im Witz verkennen, ist die Tatsache, dass sie von vornherein ins Spiel des Soldaten mit einbezogen sind. Die Illusion der Beteiligten besteht darin, dass sie vergessen, ihr eigenes Tun der Situation hinzuzurechnen. Mit Boyd verhält es sich ähnlich – aber da die Serie die Aufmerksamkeit und den Verdacht der Zuschauer mit einbezieht, vermag sie doch die Überraschung, dieses „Das ist es!“ im Finale hervorzurufen. Ja, sie liefert die Erkenntnis, dass Boyd tatsächlich (mehr oder weniger) auf Raylans Seite kämpft. Sehr geschickt schließt Justified den Kreis – noch in den ersten Minuten:

Boyd geht zu Ava – das korrespondiert mit seinem Besuch bei ihr im Piloten! -, um sich zu entschuldigen für das, was er getan hat, und das, was er nicht getan hat (nämlich den eigenen Bruder davon abzuhalten, Ava zu misshandeln). Genau an diesem Punkt erkennen wir Zuschauer, dass wir doch an der Nase herumgeführt wurden – dass Boyd tatsächlich die ganze Zeit „Das ist es!“ gesagt hat und wir „Das ist es nicht!“ zu hören glaubten! Unser „Mit-Tun“ bestand darin, Boyd nicht zu glauben. Kann ihm Raylan tatsächlich vertrauen? Diese Frage nämlich bildet den Cliffhanger am Ende.

Die Serie liefert keinen herkömmlichen Cliffhanger-Abschluss. Justified macht reinen Tisch: Fire in the hole, indeed. Wenn Väter beschließen, ihre Söhne zurecht zu rütteln – nun: there will be blood. Justified machte in den letzten Episoden keine leeren Versprechungen. Zwar habe ich die Toten nicht gezählt, aber man bewegt sich im Finale von einer Abrechnung zur nächsten – und das mit einer Intensität, die den Zuschauer in den Nebel von Kentuckys Wäldern geraten lässt: als bliebe die Zeit stehen.

Genau in diesen Wäldern fängt es an: „Who am I kidding? I can’t hurt my own son. Johnny, hurt my son.“ Wie geschickt sich Bo (M.C. Gainey) auch linguistische Unschuld verschafft – tatsächlich hat er ein Problem. Mit der Rache, die er an Boyd nimmt – ihn von Johnny brutal zusammenschlagen zu lassen und alle von Boyds Jüngern umzubringen -, verkennt er den Wahrheitsgehalt seiner eigenen Worte, die er zu seinem Sohn sprach und die ungefähr so lauteten: „When you hurt me, you hurt yourself!“ Und Boyd, während er die ganze Zeit davon profitierte, dass alle ihm einen perfiden Plan unterstellten, muss er am Ende genau die gleiche Erfahrung machen: dass es Konsequenzen gibt, auch dann, wenn man rechtmäßig gehandelt hat.

Dieselbe Erfahrung hat Raylan bereits gemacht. Aus der Not heraus tun sich Raylan und Boyd zusammen, um das Bündnis der Väter zu zerschlagen. Boyds Annahme, alles geschähe seinetwegen, hält Raylan entgegen, dass seine Schüsse in Miami der Auslöser seien… Offenbar hat er im Laufe der Geschichte erkannt, dass die Kugel, die er abschoss, nach ihm sucht.

Zuerst aber verpasst er Arlo eine, da dieser ihn selbst anschießen und Bo übergeben will. Es folgen Schuss-Sequenzen wie aus dem Kinematographie-Lehrbuch, vor allem diejenige, in der Raylan vor Bos Hütte in Bulletville (unglaublich, dass Ortschaften so heißen) Bos Helfer mit der eigenen Waffe erschießt und Bos Revolver aus seiner Hand kickt: Awesome! Bo seinerseits wird von der Miami-Mafia erschossen, bevor Boyd es selbst tun kann – ein Vater weniger. Dafür schaffen es Boyd und Raylan, die Miami-Killer einen nach dem anderen auszuschalten (bis auf die Frau, die fliehen kann): „Deputy Marshal Givens. I’m going to need an ambulance… and a coroner.“

Boyd besteht darauf, hinter der Miami-Frau her zu gehen. Seine Abschiedsworte an Raylan: „You are my only friend on this earth!“

Zum Abschluss machen wir einen kleinen Schritt zurück in die Episode – weil’s so schön war. Als Boyd, Raylan und Ava (Joelle Carter) unter Beschuss stehen, ruft Boyd den Miami-Leuten zu: „I am Raylan Givens!“ Nun: wenn man unsere Überlegungen hier mit einbezieht, sagt er mit diesem Scherz eigentlich die Wahrheit. Im selben Sinne können wir den folgenden kleinen Dialog (von mir zusammengestellt) zwischen Raylan und Boyd als Paraphrase lesen:

Raylan: „You are tellin’ the truth?“

Boyd: „Am I? Maybe I’ve been talking to myself this whole time.“

In Anbetracht des allerletzten Bildes von Raylan ist genau das der Cliffhanger, den ich oben meinte.

Was denkt ihr: bleibt Raylan in der zweiten Staffel hutlos? Kommt er mit Winona (Natalie Zea) wieder zusammen? Und wird Boyd auf Raylans Seite bleiben?

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s