Justified: For Blood or Money (2×04)

Standard

Eigentlich braucht eine Justified-Episode nur zwei Szenen zu enthalten, um großartig zu sein: eine Unterhaltung zwischen Boyd (Walton Goggins) und Raylan (Timothy Olyphant) und eine Szene mit Mags (Margo Martindale) und einer beliebigen anderen Figur. Boyd ist nach wie vor das As im Ärmel der Justified-Autoren: das störende Element, das die Erzählung unvorhersehbar macht. Ausgerechnet das Element, das nach dem Piloten nicht mehr da sein sollte, ist zum Antrieb geworden – und reflektiert gleichzeitig die Ereignisse. In Boyd findet die Erzählung einen Ruhepunkt, der immer auch Auge des Hurricans ist…

In , der schwächsten der bisherigen vier Episoden, sehen wir Boyd wieder gegen die Verführung ankämpfen, sich in den alten Boyd zurückzuverwandeln. Ein Gespräch mit Raylan findet in dieser Episode nicht statt, aber seine Unterhaltungen mit Ava (Joelle Carter) sind kaum weniger faszinierend. Eigentlich verhält es sich mit Boyd wie mit Mags oder auch mit Raylan: Die Interaktion dieser Figuren – egal mit welcher anderen – wird stets zum Kammerspiel mit literarischer Vorlage.

Bücher freilich gibt es in Kentucky noch nicht allzu viele. Wenn welche auftauchen, dann in Boyds Händen: In der vorigen Staffel setzte er sich mit der fiktionalen Erzählung der Bibel auseinander (wobei stets große Schwierigkeiten entstehen, wenn der Leser ihre Fiktionalität ignoriert); in dieser Episode liest er eine andere fiktionale Erzählung, die zumeist ebenfalls nicht als solche verstanden wird: W. Somerset Maughams “Of Human Bondage”. Maughams Roman taucht nicht zum ersten Mal in einer audiovisuellen Erzählung auf (von seinen Verfilmungen einmal abgesehen).

In dem Film „Seven“ wird der Roman erwähnt, Detektiv Somerset (Morgan Freeman) wurde nach dem Autor benannt. Außerdem taucht “Of Human Bondage” auch in der Buffy the Vampire Slayer-Episode The Freshman auf. Warum sich Boyd mit einem Bildungsroman auseinandersetzt? Vielleicht, weil er als einzige Figur in der Kentucky-Erzählung seinen Werdegang reflektiert, sich mit den Höhen und Tiefen dieses Werdegangs auseinandersetzt?

Diese Auseinandersetzung spiegelt gleichzeitig den Prozess, dem die Autoren Boyd seit dem Anfang der Serie unterziehen und der noch lange nicht abgeschlossen ist. Boyd verspricht Ava, keine kriminellen Tätigkeiten mehr auszuführen: aber wird er das Versprechen halten können, wenn ihm sowieso keiner zu glauben scheint?

Der “fehlende” Entwicklungsprozess mehrerer Figuren wird zum Kritikpunkt an der US-Serie, dem ihre neue Episode offenbar nacharbeitet. Es geht um Raylan Givens’ Kollegen Tim (Jacob Pitts) und Rachel (Erica Tazel). Über die komplette erste Staffel agierten sie mehr oder weniger als Raylans “Mitfahrer”; als Figuren wurden sie zu keinem Zeitpunkt klar und distinkt definiert. Während Tim letzte Woche ein wenig aus dem Schatten treten durfte, kommt diesmal Rachel an die Reihe.

Der Fall der Woche dreht sich um Rachels Schwager Clinton (gespielt von Larenz Tate), der vor Jahren den Unfalltod ihrer drogensüchtigen Schwester verursachte und jetzt aus dem Resozialisierungszentrum flieht, um zum zwölften Geburtstag seines Sohnes gehen zu können. Er hinterlässt eine Spur der Gewalt: Die Sache eskaliert. Im Standoff / Shootout ist nun Rachel diejenige, die blitzschnell zieht und einen Menschen erschießt – nicht ihren Schwager, sondern den Ex-Drogendealer Flex, der von Clinton für den Schuss in die Hand Wiedergutmachung verlangt („I was going to be a magician, you dick“).

Somit darf Art (Nick Searcy) mit vollem Recht die Frage stellen: „Why do I have the office where the deputies shoot people?“ In einer schönen Szene in Arts Office trinken die Marshalls einen, und man erkennt, dass sie alle im Grunde vor ihrer Vergangenheit und ihren Familien wegliefen… und noch immer laufen. Tim zu Raylan: „At least you got to shoot your father. Mine had the nerve to die before I got back from basic with skills and a loaded weapon.“ Was aber macht Art zur Vaterfigur dieser Gruppe? Vielleicht erfahren wir bald auch mehr über ihn?

Das Wichtigste jedoch kommt zum Schluss – in diesem Text: in der Episode nämlich geschah es gleich zu Beginn, in ihrem Teaser. Wir drehen also die Zeit zurück vom Shootout zu Mags Family-Cookout mit Live-Musik: Die Familien-Idylle wird von Raylan gestört, der Mags und ihren Söhnen klar macht, dass Auseinandersetzungen mit der Dixie-Mafia in Harlan künftig nicht mehr erwünscht sind. Dennoch gehört die Szene Mags, die von der netten Gastgeberin bis hin zur wütenden Mutter alle Register zieht, aber zugleich die beschützende Mutter und die Geschäftsfrau in die Waagschale wirft. Sie erinnert ihre Jungs daran, dass sie größere Pläne haben. Worum es geht und wie die Dixie-Mafia darauf reagieren wird, bleibt abzuwarten. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir Wynn Duffy bald wieder sehen werden.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s