Justified: Hatless (1×09)

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Es ist schon die zweite Episode, in der Raylan (Timothy Olyphant) eine komplizierte Situation ohne Gewalt entschärft. Nein, die Serie versucht nicht plötzlich, ihren Helden besser zu machen oder von einem Moment auf den nächsten zu ändern. Graham Yost und die Autoren um ihn machen etwas viel Besseres, sie schaffen es nämlich, eine Parallele zwischen Boyd (Walton Goggins) und Raylan zu herzustellen. Nein, Raylan hat nicht Boyds Erleuchtung erlebt, aber nachdem seinetwegen die Crowders früh entlassen wurden, die Miami-Mafia Auftragsmörder auf ihn gehetzt hat und seine Schießereien ernsthaft unter die Lupe genommen werden, scheint Raylan den Weg aus den Augen verloren zu haben.

Die Kontrolle über sich selbst zu erlangen ist das Problem, das im Kern aller Probleme steckt. Und das weiß er unbewusst. Sie zu erlangen ist Boyd anscheinend gelungen. Raylan, wenn er es auch nicht zugibt, hat sich Boyds Worte zu Herzen genommen. Raylan will auch dorthin. Aus diesem Grund ist es gar nicht so überraschend, dass er plötzlich ohne Gewalt Konflikte zu lösen versucht. Die Serie will uns gar nicht die Geschichte vorgaukeln, wie man die Welt friedlicher gestalten kann, sondern sie zeigt uns zwei Männer, die die Kontrolle über sich und ihre Umwelt erlangen wollen. Sie zeigt uns das Spiel, das Raylan und Boyd mit sich selbst spielen.

Das Interessante an der Entwicklung der Serie ist, dass, indem man die beiden in den letzten Episoden ruhiger und friedlicher zeichnet, die Gefahr eines regelrechten Ausbruchs viel größer wird. Denn durch die friedliche Haltung sind die beiden schwer einzuschätzen. Es ist so, als würde man den Finger am Abzug halten, aber immer noch nicht abdrücken. Was Justified damit erreicht ist eine immense Spannung, ohne außergewöhnlich spannende Ereignisse darzustellen. Es ist genau diese unerträgliche Spannung, diese Ungewissheit, dieses Verharren (wie der Lynch’sche Hund aus dem Comic „The Angriest Dog in the World“), die einem auch den letzten Atemzug rauben. Das ist der Grund, wenn auch nicht so deutlich ausgedrückt, aus dem Winona (Natalie Zea) Raylan verlassen und sich mit Gary eingelassen hat. In Hatless macht sie ihm das klar, da er unbedingt wissen will: Warum?

Diese Episode verzichtet nicht zufällig auf Ava, die Crowders und die Marshals, denn sie ist eine Art Selbstfindungstrip für Raylan. Sie präsentiert die Frage: Was ist der Mann ohne seinen Hut wert? Hatless zeigt Raylan in diesem Sinne „machtlos“, ohne Waffe, ohne Marshal-Stern und nach den ersten Minuten, in welchen er sich auf eine Kneipenprügelei einlässt, auch ohne Hut. Raylan ist für die Zeit beurlaubt, in der Internal Affairs seine Schießereien untersucht. Zeit, sich für Winona einzusetzen, die durch Gary immer tiefer in Schwierigkeiten steckt.

Dank Duffy (Jere Burns, Dear John) und seiner psychopathischen Besessenheit scheint es nur eine Lösung für die Probleme zu geben: Gewalt. Denn Duffy ist einer, der eigentlich gar nicht will, dass die Menschen ihre Schulden bezahlen, sondern im Gegenteil. Das Einzige, was er will, ist, sie bestrafen und so dem eigenen sadistischen Wesen Genugtuung verschaffen. Nichtsdestotrotz löst Raylan ohne Gewaltanwendung (mindestens seinerseits) den Konflikt.

Im Zuge dieser Lösung ist die Szene zwischen Raylan und Gary, als der Letzte sogar bereit ist, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen – da er versagt und Winona in Schwierigkeiten gebracht hat – eine der besten bisher. Raylan ist zwar böse auf ihn, aber er findet eine Gesprächsebene, auf der die beiden auf irgendeine Art ihren Frieden schließen können. Kann Raylan aber mit sich und seiner Vergangenheit Frieden schließen? Raylan fragt Billy (Duffys Prügelhelfer) als er ihn in seiner Wohnung konfrontiert: „You gonna bob and weave out of the path of a bullet?“ Wenn man der eigenen Leseart (siehe den Text zur achten Episode) treu ist, muss man fragen: Und du, Raylan?

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