Justified: Long in the Tooth (1×04)

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In Fire in the Hole wurden mehrere Fragen über Raylans Vergangenheit und seine daraus resultierende Beziehung zu den Figuren gestellt. Danach schaltete die Serie in den Modus der abgeschlossenen Episodenhandlung. Es sieht so aus, als hätte man plötzlich Panik vor der eigenen Courage, so einen bombastischen Start zu liefern und das Niveau nicht halten zu können. Aber keine Sorge, der Modus des „Stück-für-Stück“-Erzählens ist bei so einer Serie absolut angebracht, denn sonst würde man einfach einen zweistündigen Film produzieren – und fertig. Das ist eigentlich der Fall bei den meisten Elmore Leonard-Adaptionen.

Was Justified macht, und was mir persönlich so sehr an der Serie gefällt, ist die Inszenierung kleiner stimmungsvoller Momente, die immer ein zusätzliches Stück Figurengeschichte enthalten und weitergeben. Es sind keine großen Enthüllungen oder mythologischen Verflechtungen, sondern nur Töne, die sich irgendwann (hoffen wir) zu einer „Spiel mir das Lied vom Tod“-Komposition zusammenfügen werden. Natürlich nicht zu vergessen die brillanten Nebenfiguren, die typisch für Leonards Erzählweise ein großes Stück zum Zustandekommen der besagten Momente beitragen.

Long In The Tooth erzählt die Geschichte vom Zahnarzt und Ex-Mafiabuchmacher Roland Pike (Alan Ruck aus „Ferris Bueller’s Day Off“), genannt Rollie. Er ist nicht nur die bisher beste Figur der Woche, sondern auch eine Figur, mit der Raylan (Timothy Olyphant) eine gemeinsame Vergangenheit teilt. Die Episode setzt die bisherige Tendenz in Justified fort, in den Procedural-Episoden, die Geschichten von Figuren zu erzählen, die nicht einfach „böse“ sind, sondern eine böse Seite haben, sie zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben nicht kontrollieren konnten und bei dem Versuch, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen, in weitere Schwierigkeiten geraten.

Und Raylan ist derjenige, der den Schwierigkeiten ein Ende bereiten muss. Es ist nicht, wie vermutet, ein tödliches Ende. Stattdessen kann man es auch so sehen, dass er, mit Sarkasmus bewaffnet, tatsächlich diesen Menschen helfen will. Apropos Sarkasmus bzw. schwarzer Humor: Davon haben wir in dieser Episode eine Menge, angefangen mit dem Teaser, als Rollie dem Typen auf dem Parkplatz die Zähne zieht („You don’t want to pay me? That’s all right. But I’m going to take back what’s mine.“), über die Erzählung, wie Raylan damals Rollie aus seiner Obhut laufen liess (weil er Rollies Wunsch nachging und ihm Eis holen wollte), bis zu den zwei „Pulp Fiction“-Miami-Gangstern, die Raylan stalken:

„See that guy in the hat?“

„The tall one?“

„The one in the hat.“

Nicht zu vergessen Clarence Williams III (bekannt aus der Verfilmung von Leonards „52 Pick-Up“), der als behinderter Vietnam-Veteran mit Rollie die Autos tauscht:

Rollie: „Thank you for your service to our nation.“

Veteran: „I lost the leg to diabetes, but you are welcome!“

Er kreiert einen von diesen kleinen Momenten, die für die handlungsübergreifende Erzählung absolut unnötig und von keiner Wichtigkeit sind, aber zur Stimmung der Serie unglaublich viel beitragen. Der letztendlich Doch-Vietnam-Veteran ist die unleidlichste Person, die in letzter Zeit in einer TV-Serie aufgetreten ist – sexistisch und rassistisch (er ist ja selbst Afro-Amerikaner) auf jede erdenkliche Art, aber unglaublich amüsant. Man denke nur an das Gespräch mit den zwei Polizisten:

Polizist: „Where did you find it (the car)?“

Pause.

Veteran: „In your sister’s ass.“

Und Justified macht geschickt Gebrauch von Wiederholungsmustern: Wer auch immer Raylan in einem Auto nachstellt, findet ihn irgendwann wie aus dem Nichts auf seinem Hintersitz. So auch hier. Raylan gibt (vom Hintersitz aus) den Auftragskillern drei Möglichkeiten:

1) „Back to Miami.“

2) „I kill you.“

3) „I kill you in the car.“

Dass solche Szenen nicht trivial und aufgesetzt wirken, ist Timothy Olyphants Performance zu verdanken, der es schafft, mit jeder Nebenfigur in kürzester Zeit die so genannte Bildschirm-Chemie zu entwickeln. Außerdem liebe ich nach wie vor die Art, wie Raylan mit Zeugen oder Verdächtigen redet.

Neben slapstickartigen Gewaltausbrüchen beruht Justified nach wie vor auch auf einer Gewalt, die von viel dunkleren Orten kommt. Daran erinnern uns der Showdown zwischen Raylan und den Mafiatypen und Rollies Ausraster. Die Kenntnis von diesem dunklen Ort, das Gefühl, ihn in sich zu haben, ist der Grund, warum sich am Ende Rollie freiwillig von dem Scharfschützen niederschießen lässt. Ein überraschender, aber sehr gelungener Abschluss der bisher besten Episode nach dem Piloten. Zu wünschen bleibt nur übrig, dass, wenn Raylans Kollegen, wie hier Rachel (Erica Tazel) mehr Screentime bekommen – sie sollte eigentlich die Führung bei Rollies Fall übernehmen – sie ein bisschen mehr aus sich herauskommen, denn das Potential haben sie auf jeden Fall.

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