Justified: Moonshine Wars (2×01)

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„Fire in the Hole!“ Mit diesem Ausruf heiße ich die Leser willkommen zum Start der zweiten Justified-Staffel. Die grandiose FX-Serie könnte keinen besseren Wiedereinstieg in die Erzählung anbieten als Moonshine Wars.

Gleich zu Beginn tut Justified etwas Ungewöhnliches: Die Serie dreht die Zeit um ein paar Minuten zurück und setzt nahtlos mit den Schlussszenen aus dem Finale Bulletville wieder ein. Kein “Previously On”: Das Leben in Kentucky geht weiter – mit Boyd (Walton Goggins), der die Nichte des Drogenkartell-Bosses verfolgt, und mit Raylan Givens (Timothy Olyphant), der… Boyd verfolgt.

Mit diesen beiden Protagonisten verhält es sich für mich so wie mit Hank und Britt aus Terriers: Stundenlang könnte ich ihrem Dialog-Kammerspiel zusehen… und -hören! Einen solchen Dialog führen Raylan und Boyd im Singsang des Kentucky-Dialekts unter dem strömenden Regen. Alles fließt: Die Sprache, das Wasser und das Blut aus Boyds Wunde. Um diesen Fluss geht es in Justified: um die fließenden Grenzen zwischen dem, was wir als “gut” oder “böse” bezeichnen. Gewaltdarstellung in Justified geschieht nicht um der Gewalt Willen, sondern ist immer eingebettet in einen Kontext, der uns zum Denken herausfordert und an den fließenden Grenzen entlang führt.

Wer die überschreitet, kann sich eine Kugel einfangen – oder aber einen lakonischen Monolog von Raylan Givens. Raylan hindert Boyd daran, die Mafia-Nichte zu erschießen; stattdessen bringt er sie eigenhändig zu ihrem Onkel, dem Drogenboss aus Miami. Sie müssen reden. Ja, man redet miteinander in Justified – und sagt dabei mehr, als man ausspricht. Hierdurch entsteht der Kontext der explodieren wollenden Gewalt. Wer es schafft, den Rahmen zu setzen, ihn zu bestimmen, der gewinnt. Raylans Rahmen hat dabei stets klar definierte Zeitgrenzen: „You give me your word in ten seconds or I shoot you in the head“, sagt er zum Kartellboss.

Der Deputy Chief der Miami-Polizei taucht auf und unterbricht die Konversation mit den Worten: „Let us talk.“ Das folgende “Gespräch” aber entpuppt sich als Ein-Satz-Monolog des Chiefs: Sollte der Drogenbaron Raylan weiterhin belästigen, würde er selbst ihn eigenhändig erschießen. Sogar Raylan scheint überrascht.

Anschließend bietet ihm sein ehemaliger Vorgesetzter seinen alten Job wieder an – aber Raylan will nur nach Hause: nach Harlan, in sein Zimmer, dessen Tür mit Absperrband verklebt ist und auf dessen Boden die Kreide-Umrisse der Leichen prangen. Im Vergleich zur ersten Staffel befindet sich Raylan nun deswegen in Kentucky, weil er es will. Um mit Ava (Joelle Carter) zusammen zu sein? Eher nicht. Vielleicht mit seiner Ex Winona (Natalie Zea)? Mögliche Antworten folgen nach dem Vorspann.

Ohne aufgesetzt zu wirken, schafft es Justified, den besagten Erzählfluss (wieder) aufzubauen: Unauffällig erinnert die US-Serie den Zuschauer daran, wo man sich befindet und welche Figuren an dem Spiel teilnehmen. Warum sage ich Spiel? Weil Justified nicht nur lakonische und pointierte Beobachtungen mit beinahe Shakespeare’schem Klang präsentiert, sondern auch ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel inszeniert, bei dem es nur darum geht festzulegen, wer am Ende welche Rolle spielen darf.

Raylans Interaktion mit den Antagonisten basiert genau auf diesem – nicht als solches definierten – Missverständnis: Man redet über alte Zeiten, trinkt gemütlich ein Glas zusammen und umgarnt einander mit Apple-Pie-Sätzen. Die Konversationen in Justified gleichen dem Apfelkuchen und dem selbst gebrannten Schnaps, für den Raylans neue Antagonistin berühmt ist: süß und köstlich – bis man dadurch vergiftet wird…

Mags Bennett (Margo Martindale), die Matriarchin des Bennett-Clans, der die örtliche Marihuana-Produktion in festen Händen hält, hat drei Söhne, die in sich Sadismus, Hinterlist und Dummheit vereinen. Apropos Dummheit: Im Fall der Woche müssen Raylan und Rachel (Erica Tazel) einen Sexualstraftäter ausfindig machen, der für den Bennett-Clan arbeitet und der vierzehnjährigen Loretta McCready (großartig in ihrer Rolle: Kaitlyn Dever) nachstellt.

Das junge Mädchen aber erweist sich in jeder Hinsicht als Rose mit Dornen, die dem Angreifer sowohl verbal als auch physisch Kopfschmerzen bereitet. Raylan schafft es schließlich, Jimmy Earl Dean zu stellen: „Now, look, normally I would have shot you myself the second you pulled, but I am doing my level best to avoid the paperwork and self-recrimination that comes with it. Lord knows you’re the kind who makes it worth it more.“

Was tut Raylan hier? Er konfrontiert sein Gegenüber mit dessen eigener Dummheit – und setzt damit den Rahmen, den Kontext, in dem die Auseinandersetzung stattzufinden hat. Das gelingt ihm eigentlich immer – nur in einem Falle nicht: Boyd! Dennoch – gerade deswegen – kann Raylan nicht aufhören, den Dialog mit Boyd zu suchen. Boyd ist aus dem Krankenhaus geflohen, und Raylan versucht ihn ausfindig zu machen.

Am Ende der Episode sehen wir, wie Boyd etwas in die Luft jagt; der Staub der Explosion umhüllt ihn und verdunkelt den Bildschirm. Damit begrüßt Boyd nicht nur die Zuschauer zur zweiten Justified-Staffel, sondern beschreibt auch seinen besten Freund, Raylan Givens, und die Ereignisse in Kentucky. „Fire in the Hole!“

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