Justified: The I of the Storm (2×03)

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Es geht einfach nicht anders: Diese kleine Abhandlung der neuen Justified-Episode muss mit einem Lob anfangen. Nein, ich brauche nicht zu erzählen, wie gut die FX-Serie ist. Lobenswert ist einfach die Entscheidung des Justified-Schöpfers Graham Yost, die Figur Boyd Crowder zum festen Bestandteil der Serienerzählung zu machen.

Hier sieht man zum wiederholten Mal, wie gut Walton Goggins seine Figur verkörpert. Faszinierend spielt er Boyds Gratwanderung zwischen Vergangenheit, Zukunft und einer Gegenwart, die ihn ständig mit seinem Dilemma konfrontiert: mit der Frage, wer er wirklich ist und wer er sein will. Während wir uns in der ersten Staffel fragten, was er im Schilde führt, bilden die ersten Episoden der zweiten Staffel eine Art Versuchung, sich von der Vergangenheit einholen zu lassen.

Zwar kehrt Boyd selbst in diese Vergangenheit zurück, indem er wieder in der Mine arbeitet, aber innerhalb der Mine wählt er einen Abschnitt, der mit einer schönen Zeit verbunden ist – als er dort nämlich Seite an Seite mit seinem Freund Raylan Givens (Timothy Olyphant) arbeitete. Schon vor diesem Hintergrund muss Boyd die Erkenntnis, dass Raylan seine Rückkehr nicht akzeptiert, ihm nicht vertraut, als schmerzvoll empfinden, was in den Unterhaltungen zwischen den beiden in dieser Episode deutlich wird.

Raylans Misstrauen macht Boyd, wenn man so will, verletzlich, anfällig für die Versuchungen des Alltags. Sein Ruf verfolgt ihn: Sobald ein Verbrechen geschieht, wie hier der Busüberfall, denkt man sofort an ihn. Kyle, einer seiner Arbeitskollegen, spricht ihm seine Anerkennung aus – Boyds Reaktion: „I never killed any Jews, Kyle. In fact, I don’t think I’ve ever met a Jew.“ – und versucht Boyd ein Angebot zu machen, ihn auf die dunkle Seite seiner Vergangenheit zurückzuholen.

Das Ganze endet zwar schmerzvoll für den Minenarbeiter, aber wieder einmal sehen wir den seit der ersten Staffel berühmten mehrdeutigen Boyd-Gesichtsausdruck, aus dem sich im Grunde jede Emotion oder auch gar keine heraus lesen lässt: Boyd ist für uns Zuschauer “unlesbar”. Auch sein Aufschrei im Auto, nachdem er in voller Fahrt den am Fenster hängenden Kyle hat fallen lassen, ist nicht nur kathartisch, sondern zugleich voller Frust darüber, dass man ihn nicht in Ruhe lässt. Andererseits scheint es in Boyds Herzen einen “soft spot” für Dewey zu geben; er rettet ihm in dieser Episode erneut das Leben.

Der Plot der Woche um Dewey und den Busüberfall zeigt uns nicht nur, wie großartig Justified den Fall der Woche mit seiner Dauerlauf-Erzählung verbindet, sondern auch den liebevollen Humor und die tragische Ironie, mit denen die US-Serie die Schicksale ihrer Beteiligten erzählt. Arts Spruch Richtung Raylan bezüglich der durchgehenden Show in Kentucky, „We need to sell tickets“, bewahrheitet sich im überaus sehenswerten Fall der Woche. In diesem überfallen Kriminelle andere Kriminelle, die gestohlene Medikamente in einem Bus (The Oxy Bus) mit der Aufschrift “God Saves” transportieren. Die Ironie dieser Worte liegt in den unterschiedlichen Möglichkeiten ihrer Deutung. Auf der einen Seite liegt die Hoffnung, diese kriminellen Selen noch zu “retten” – und auf der anderen Seite kann sich Gott die Mühe “sparen”.

Eine weitere Bedeutung von “save” wäre “vor etwas bewahren”: nämlich vor Dummheit. Aber Justified erzählt uns schon seit seiner ersten Episode, dass viele Menschen davor nicht bewahrt werden können. Dewey schon gar nicht. Also macht er sich daran, die entwendete Lieferung wieder zu beschaffen. Wie er Boyd mitteilt, hat er einen grandiosen Plan, den er auch tatsächlich durchzieht. An dieser Stelle aber möchte ich – nicht nur wegen des erneut drohenden Lachanfalls – keine weiteren Details erzählen, sondern euch einfach nahelegen, die zweite Hälfte der Episode mehrmals zu sehen… – Nur dass Boyd Raylan anruft, rettet Dewey das Leben. Raylan zu Dewey: „I always figured you for a special kind of idiot, but what you’ve done in the past 12 hours is light years beyond any stupidity even I thought you capable of.“

Auch diese Episode endet nicht ohne Leichen. Wir erfahren, dass Mags’ Söhne Dickie und Coover die eigentlichen Auftraggeber des Überfalls sind; der dritte Bruder Doyle, der als Polizist arbeitet, bewahrt sie davor, erwischt zu werden. Im Gegensatz zu all den Filmen und Serien mit kriminellen Masterminds hält Justified seine Figuren bodenständig: Jeder macht Fehler – und macht sie häufig. Es geht nicht darum, wer den einen Fehler macht, sondern es geht darum, wer einen Fehler weniger macht als die anderen – und dann das Spiel gewinnt. Es stellt sich heraus, dass auch die Dixie Mafia aus Frankfort in das Drogengeschäft involviert ist. Wir dürfen wohl annehmen, dass die zweite Season nicht weniger blutig verlaufen wird als die erste – und dass sich auch diesmal das Blatt mehrmals wenden wird.

So auch in der Beziehung zwischen Raylan und Winona (Nathalie Zea). Diese Woche ist sie diejenige, die die Beziehung geheim zu halten versucht, obwohl Gary Bescheid weiß und Winona in der letzten Episode Raylan vorwarf, nicht bereit für eine Bindung zu sein. Die beiden haben ein Date außerhalb Harlans und genießen ein Stück Live Performance des Country-Gitarristen Dave Alvin. Ja, der ist echt: Er trägt sein neues Lied “Harlan County Line” vor, das er als Fan der Serie den Produzenten als Angebot schickte – nur um zu erfahren, dass sie ihrerseits seine Fans sind.

Und das Fazit der Abhandlungen über diese Episode? Die Ironie des Lebens haust in Justifieds Kentucky! Denn dort zeigt sich besonders deutlich, wie sich jedes Ich zum Auge seines Hurricans macht…

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