Justified: The Spoil (2×08)

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Welcome to the Grand Kentucky Shakespearean Redneck Theater! FX hat Justified um eine weitere Staffel verlängert, und The Spoil zeigt, warum. Alles in dieser Episode, von der ersten bis zur letzten Minute, ist Emmy-reif.

Vor allem Margo Martindales Auftritt auf der Harlan-Bühne in der Rolle der Lokalmatriarchin (ja, irgendwie auch -matadorin) Mags Bennett. Während Martindale in den kleinen Auftritten zum Anfang der Staffel ahnen ließ, was in ihr und ihrer Figur steckt, kommt dieses Potential in The Spoil zur vollen Entfaltung. Justified verzichtet diesmal auf den Fall der Woche und benutzt die Episode, um alle für die kommenden Ereignisse in Position zu bringen. Die Serie wirbelt Staub auf – und zeigt, nachdem sich dieser gelegt hat, wer wo steht.

Wie Carol Johnson (Rebecca Creskoff) zum Anfang ihrer großen Ansprache in The Spoil erklärt, ist Kohlenstaub immer schmutzig gewesen und wird es immer sein. Es ist sehr schwer, Harlans Dreck auszuweichen. Diese Tatsache (und nicht nur sie) bereitet Raylan Givens (Timothy Olyphant) Kopfschmerzen. Geschickt macht die Serie erst jetzt, in ihrer zweiten Staffel, Gebrauch von den gesellschaftlich-historischen Hintergründen Kentuckys, die vor allem durch den Kohleabbau geprägt wurden.

Prominent wurden diese Zustände durch die Oskar-prämierte Dokumentation von Barbara Kopple aus dem Jahre 1976. Die Dokumentation berichtet von der gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen streikenden Minenarbeitern und der Minengesellschaft Duke Power Company. In der Welt von Justified wird eine ähnliche Auseinandersetzung ausgetragen, nur viel feinfühliger – obwohl es an Gewalt auch hier nicht mangelt. Der fiktionale Gott im fiktionalen Kentucky hat es vermutlich schwer, Durchblick durch die Staubwolken zu erlangen, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Ich glaube, er steht eher auf Raylans Seite: „Far as I’m concerned, y’all deserve each other.“ Das Problem ist, dass Menschen wie Boyd (Walton Goggins) es weder Gott noch Raylan gestatten, sie aus der Sache auszuklinken.

Wie wir aus der ersten Staffel wissen, ist Raylan unter Alkoholeinfluss etwas wackelig auf den Beinen: im literarischen und im übertragenen Sinne. Das Verbergen seines inneren „angry man“ scheint ihm dann viel schwerer zu fallen. Zur Flasche greift er diesmal aus Scham und Schuld wegen der Sache mit Winona (Nathalie Zea): Im Teaser wird Raylan bei einer kurzen Begegnung mit Art (Nick Searcy) klar, dass sein Vorgesetzter über das Geld Bescheid weiß oder die Wahrheit zumindest ahnt. „Guess you should know how to obey the law“, sagt der Teenager zu Raylan und Art im Baseball-Trainingskäfig, als die beiden sich dort gegen die Regeln ohne Helm aufhalten und ihm als Antwort einfach ihre Dienstmarken zeigen.

Gott (den lasse ich jetzt auch nicht in Ruhe), die Wahrheit und alles Mögliche stecken im Detail. Diese kleine Randbemerkung des empörten Teenies enthält die Beschreibung der gesamten Problematik, die Beschreibung von Raylans Kopfschmerzen. Die nämlich entstehen nicht nur durch den Kater, sondern durch den Staub, den die Ereignisse in Harlan vor Raylans Augen aufwirbeln und auch auf ihn herabsinken lassen. Alle haben Dreck am Stecken, sogar Raylan selbst. Oben habe ich aus seiner kleinen Rede auf dem Revier, als Carol und er den von Doyles Leuten verhafteten Boyd einsammeln, bereits zitiert. In diesem Monolog versucht er, seine eigene Randposition zu markieren, sich selbst aus der Harlan-Gruppe herauszunehmen. Womit habe ich das alles verdient?, scheint sich Raylan zu fragen. Der Dreck am eigenen Stecken jedoch bleibt Tatsache – man denke etwa an die Vorgeschichte mit den Bennetts -, und seine Wut, über die Winona in der ersten Staffel sprach, kommt in The Spoil wieder hoch.

Als er über Carols Tätigkeit in Kentucky vor sich hin murmelt: „There you go poking the bear and it’s his fault when you get bit.“, übersieht er sich selbst ironischer Weise erneut. Sein Bär in dieser Episode ist Coover Bennett (Brad Henke), der Raylan regelrecht zusammenschlägt. Wie ich schon gesagt habe: zeigt Raylan wackelig auf den Beinen, sowohl physisch als auch seinen Gemütszustand betreffend.

Ganz anders Mags Bennett. Wenn jemand fest verwurzelt auf Kentuckys Boden steht, dann sie. Und Mags weiß auch, wie man mit dem Fuß aufstampft, so dass der Staub in die gewünschte Richtung treibt. Die Figur Mags Bennett erinnert ein wenig an Truxton Spangler (Michael Cristofer) aus Rubicon. Selbstsicherheit, Manipulation und Rhetorik: Die Macht steckt im Detail. Die Stärke von Mags’ Auftritt wird gewährleistet durch die darunter liegende Gnadenlosigkeit. In ihrer Rede erklärt sie nicht nur im übertragenen Sinne Carol den Krieg, sondern lädt auch noch alle zu einer Bennett-Party ein. Wir wissen, was es bedeutet, Mags’ Selbstgebrannten zu trinken: Schmeckt süß, ist aber tödlich. Sowohl Boyd als auch Raylan erkennen die Intentionen der Beteiligten, sind aber selbst darin verstrickt.

Zum Ende der Episode fallen Schüsse: nicht die Böller, die die Versammlung in der Kirche beenden, sondern echte Schüsse. Die ersten sind für Carol und Raylan gedacht, der nächste… eigentlich für Coover. Er und sein Bruder wollen Boyd in Avas (Joelle Carter) Haus eine etwas schmerzhaftere Drohung verpassen. Sie wollen Charlie aus dem Sack lassen, auf Boyd los, aber Ava beendet mit ihrem Gewehr die Szene – und auch Charlies Leben, sehr zu Coovers Leiden. Ich schätze, das macht nun auch Ava zur Zielscheibe für die Bennetts.

Man darf gespannt sein, was die Justified-Autoren noch in der Tasche haben. Und ich glaube, es gibt keinen Zuschauer, der das kommende „a big ‘ole whoop-de-do“ verpassen möchte.

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