Homeland: Achilles Heel (1×08)

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Mit Achilles Heel kommt zum ersten Mal bei Homeland das Gefühl auf, was die Achilles-Ferse der Showtime-Serie werden könnte. Das ist keine wirkliche Kritik, sondern einfach eine Mutmaßung, für die es keine Beweise gibt und die kaum mehr als eine Woche lang wird standhalten können. Nach dem Finale von Achilles Heel fragte ich mich: Lassen die Wendungen und Enthüllungen der Serie, die jetzt im Vergleich zum langsamen Aufbau vorher sehr rasch aufeinander folgen, uns Zuschauer inzwischen auf negative Art empfinden, dass wir ständig an der Nase herumgeführt werden?

Stellt sich der Verdacht ein, die Serie manövriere sich in eine Sackgasse? Nun, dem entgegen steht erstens: Nach dem bisher Gezeigten setze ich völliges Vertrauen in den Langzeitplan der Homeland-Autoren. Und zweitens: Wenn man versucht – wie ich es gerne tue -, die Handlung nicht nur als Handlung zu verfolgen, sondern auch die kreierte Atmosphäre, den “Klang” der Serie zu beschreiben, dann kommt dieser dramaturgische Aufbau nicht von ungefähr. Wir wissen, dass Jazz Carries (Claire Danes) große Liebe ist und dass sowohl der Vor- als auch der Nachspann einer jeden Episode aus Jazz-Versatzstücken bestehen. Auf den ersten Blick.

Auf den zweiten zeigt sich, dass diese improvisiert wirkenden Versatzstücke Muster aufweisen; sie bestehen, wenn meine Lektüre mich nicht falsch informiert hat, aus zahlreichen Stücken mit höchst unterschiedlichem formalem Aufbau. Sehr häufig erscheint nun das Muster der allgemeinen Liedform AABA (“song form” – auf deutsch: Reprisenbarform); diese besteht in der Regel aus 32 Viervierteltakten, die in vier achttaktige Abschnitte unterteilt sind. Wenn man das auf Homeland überträgt, befinden wir uns gerade im Abschnitt B. Die Enthüllungen in der sechsten und siebten Episode der Serie kommen ziemlich überraschend, da man als regelmäßiger TV-Zuschauer an ein anderes Muster gewöhnt ist: nämlich solche Handlungsbewegungen in der vorletzten und letzten Episode einer Staffel anzutreffen (wohlgemerkt: bei Kabelsendern!).

Homeland zieht die Bewegungen gleichsam vor: Anscheinend hat die Serie “größere” Pläne. Natürlich bleiben diese Gedankengänge bislang Spekulation, aber in meinen Augen lohnt sich der Versuch zu beschreiben, wie die Autoren uns Zuschauer durch die Erzählung manövrieren. Wie ein amerikanischer Kollege betonte, macht es Spaß, bei Homeland in die Irre geführt zu werden. Ich frage mich allerdings, wie man bei Homeland “in die Irre führen” definieren kann. Hat uns die Serie denn wirklich in die Irre geführt?

Achilles Heel ist in ihren ersten ca. dreißig Minuten und den letzten zehn eine ruhige, stille Episode, die Carrie als eine Art Schnittpunkt zwischen Saul / Mira und Brody / Jessica einsetzt, um den neuen / alten Stand der Dinge zu dokumentieren. Im dritten, mittleren Episodenteil – meiner rein subjektiven Aufteilung nach – wird der Allgemeinrhythmus “gebrochen”, und das Tempo steigert sich ins Zehnfache. Es geht um die Jagd nach Walker, nach dem Mann, der als Obdachloser posiert, um sich von einem uns bisher Unbekannten einen Schlüssel für einen Lagerraum zu holen.

Man zweifelt im Grunde keine Sekunde lang daran, was in diesem Raum auf Walker wartet – ein Scharfschützengewehr. Aber was Homeland mehr interessiert, ist die persönliche Frage danach, was Walker generell erwartet. An der Oberfläche arbeitet Homeland mit der Prämisse, dass alles, was wir zu wissen glaubten, falsch war – aber wenn man aufmerksamer “zuhört”, erkennt man ein schematisches Motiv dahinter. Dieses Motiv verdreht im Grunde die Prämisse und erzählt uns, dass alles, was wir zu wissen glaubten, stimmt – nur wissen wir es nicht!

Carries Stimme aus dem Vorspann und aus dem Piloten sagt zu Saul, dass sie es sich nicht leisten könne, wieder etwas zu übersehen. Trotzdem übersieht sie wieder etwas. Aber was? Die Möglichkeit, dass Brody kein Doppelagent sein könnte? Nein – sie übersieht eher sich selbst. Carrie trifft Entscheidungen, bereut sie später und kann doch nicht anders, als weiterzumachen.

Genauso wie Saul: Ständig plagt ihn Reue, seine Versprechen Mira gegenüber nicht halten zu können, aber er trifft seine Wahlen bewusst. Es macht ihn traurig, aber immer wieder wird er dem Job den Vorzug geben. So sind Carrie, wie sie selbst feststellt, und Saul allein: jede/r auf ihre / seine eigene Art und Weise, aber dennoch allein. Als Carrie zu Saul (Mandy Patinkin) geht und ihm die Wahrheit über Brody erzählt, wandelt sich in seinen Augen die Wut in Verständnis, in beinahe väterliche Besorgnis um Carrie.

Und auch Walkers Frau Helen wandelt sich, überraschend und im negativen Sinne: von der Frau, die von Jessica beschuldigt wurde, den Glauben an Tom aufgegeben zu haben, zu der Frau, die ewige Liebe zu Tom schwört. Im letzten Moment wird Walker also gewarnt, bevor die Falle von Saul und Carrie zuschnappen kann. Ich weiß nicht, ob man diese Warnung als vorhersehbar einstufen kann oder nicht, aber auf dem Hintergrund der Erzählung an sich erschien sie mir erzwungen. Glaubhaft? Nicht wirklich. Homeland benutzte Helen einfach als Mittel zum Zweck, um die Situation um Walker zum Eskalieren zu bringen und gleichzeitig eine mögliche Lösung hinauszuschieben.

Trotzdem funktioniert die Episode sehr gut, indem sie sowohl Walker als auch Brody (Damian Lewis) gleichsam positioniert: im Rampenlicht, aber jeweils auf der anderen Seite. Elizabeth Gaines lädt nicht nur Familie Brody zu einer Party ein, sondern hegt größere Pläne für Brody, während der nur den Plan zu haben scheint, wieder mit seiner Familie zusammen zu sein. In einer sehr schönen Szene schaut die ganze Familie Brody zusammen „Ice Age“ – und für einen Moment ist Brody wirklich auf der “richtigen” Seite. Bis zur letzten Szene der Episode, als er im Haus des Mannes wartet, der Walker den Schlüssel gab. Brody stranguliert ihn fast zu Tode und übermittelt eine Nachricht an Abu Nazir: „It is over.“

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