Homeland: Blind Spot (1×05)

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Hat nicht jeder Mensch einen „blind spot“? Eine Stelle, an der er Sachen durchgehen lässt – oder aber übersieht, eigentlich nicht anders kann, als sie zu übersehen? Man sieht – und ist blind für das Gesehene. Ist es trotzdem da? Homeland handelt vom Über-sehen: über etwas hinwegsehen, nicht sehen können und zu viel sehen zugleich. In solchen Geschichten gibt es keine Balance; sie leben von ihren Störungen, von der Spannung, die sie erzeugen.

Aber man muss selbst einen „blind spot“ für solche Erzählungen haben, um sie vollständig genießen zu können. Man muss den eigenen Bedarf für eine Geschichte übersehen, die von A nach B führt; man muss aufhören, nach geraden Linien zu suchen, und statt dessen das Zickzackmuster genießen, wie man es aus Rubicons Logo kennt – oder aus der Jazzkomposition in Homelands Vorspann. Jeder Mensch bildet ein solches Zickzackmuster, das unmöglich objektiv beschrieben werden kann: Wer wäre in der Lage, aus sich selbst hinauszugehen, um diese Beschreibung zu leisten?

Wer könnte eine Aussage machen, die nicht subjektiv wäre? Jedem Blick auf die Welt ist ein blinder Fleck eingeschrieben. Die Stelle, an die wir nicht blicken können, ist unsere eigene in dieser Welt. Sie stört den objektiven Blick, verwischt ihn, macht ihn bruchstückhaft – so wie in Homeland jede Information über jede Figur Fragment bleibt.

Mit Blind Spot füllt die Showtime-Serie manche Lücke, aber das Bild ist nicht komplett. Das aber gibt an dieser Stelle auch nicht wirklich den Ausschlag. Was die Terroristen planen und ob Brody selbst ein Terrorist geworden ist, scheinen mir im Moment sekundäre Fragen zu sein. Konnte ich bei Rubicon für Stunden den Gesprächen zwischen Truxton Spangler und jedweder anderen Figur zuhören oder Wills stillem Nachdenken zusehen, so könnte ich nun stundenlang die Stimmungsbilder von Saul, Carrie oder Brody betrachten, welche Homeland mit großer Sorgfalt und einem dysfunktionalen Pinsel “malt”.

In Blind Spot kommen weitere Pinselstriche dazu. Wir bekommen mehr Einblick ins Sauls Privatleben, das dem Teppich auf seinem Bürofußboden gleicht: Alles scheint glatt und gemächlich vonstatten zu gehen, aber die umgeschlagene Ecke stört den Blick und weist darauf hin, dass etwas nicht stimmt. Wir sehen Saul in dieser Episode bei dem Versuch, die Ecke aus dem Bild zu schaffen: Während er mit Carrie (Claire Danes) spricht, klappt er die Teppichecke wieder um, an ihren Platz. Später lernen wir seine Frau / Lebensgefährtin Mira (indischer Herkunft) kennen, die zwar die Wichtigkeit von Sauls Arbeit versteht, aber dieses Leben trotzdem nicht mehr ertragen kann; ihr ist klar, dass es in Sauls Leben immer eine hoch stehende Ecke geben wird, die er schleunigst wieder in die richtige Position bringen muss.

Die Szene zwischen den beiden ist großartig gespielt – und wird im nächsten Moment durch Carries Eintreten in Sauls Haus von einer noch besseren gefolgt. Die Auseinandersetzung zwischen Carrie und Saul verläuft rasend und endet damit, dass sie ihn blindwütig als „pussy“ bezeichnet. Sauls stille, fast geflüsterte Antwort „I think you should leave now“ wird von Mandy Patinkin mit solcher Wucht beladen, dass sie Carrie und uns Zuschauer erschüttert. Carrie weiß, was sie gerade tat – und konnte doch nicht anders. Beide sind in dieser Situation blind füreinander, da ihre jeweiligen Schwachpunkte (Mira, Brody) sie emotional instabil gemacht haben. Beide verlieren den Boden unter den Füßen.

Ausgelöst hat dies die zentrale Handlung dieser Episode, die sich um das Verhör des Terroristen namens Affy (ich glaube, so lautet die verwendete Abkürzung) dreht: den Mann, der jahrelang Brodys (Damian Lewis) Wächter und Hauptfolterer war. David holt Brody und Carrie als Beisitzer zum Verhör, während Saul den direkten Kontakt mit Affy übernimmt. Brody wünscht mit seinem damaligen Folterer zu sprechen, aber das wird ihm zunächst untersagt. Tatsächlich gibt Affy Informationen preis, aber erst nachdem er die Nacht über mit lauter Musik und Licht gequält wurde. Carrie versicherte Brody zuvor, dass nicht gefoltert würde, aber Affys Behandlung ist nicht unbedingt als human zu bezeichnen…

In den meisten Szenen um das Verhör herum wird nicht gesprochen. Sie verbinden aber mittels Schnitten sämtliche beteiligten Figuren: Saul, Carrie, Brody und Affy. Es wird von Affys zitterndem Gesicht auf Carrie geschnitten, die darauf wartet, dass er einbricht; dann auf Brody, der sich vor dem Spiegel rasiert. Stets hält die Kamera die Gesichter eine Weile im Close-Up, so dass man sich als Zuschauer fragt, woran die Figur gerade denkt: Was geht ihr durch den Kopf, was genau verbindet die eine mit der anderen?

Brody geht es nach seinen Worten um die Chance, das Kapitel hinter sich zu lassen, die Tür zu schließen. Das überzeugt David, und er gewährt Brody ein kurzes Treffen mit Affy, das in eine handgreifliche Auseinandersetzung einmündet. Kurze Zeit später findet man Affy tot auf: Mit Hilfe einer eingeschmuggelten Rasierklinge hat er sich die Pulsadern aufgeschnitten. Woher kam die Klinge? War es wirklich Brody?

Auf den Aufnahmen kann man es nicht sehen, denn die Auseinandersetzung findet an einem „blind spot“ statt – dem zweiten, den Brody in der Serie benutzt; zum Beten ging er immer in die Garage, wo keine Kamera positioniert war. Trotz Carries Überzeugung, für die schon wieder – immer noch – Beweise fehlen, wissen wir also schon wieder – immer noch – nicht, ob es Brody war. Wollte Brody die Tür schließen – oder dafür sorgen, dass sie weit offen bleibt? Alles deutet darauf hin. Aber wir wissen es nicht.

Die Email-Adresse, die Affy preisgab, verbindet Faisel direkt mit den Terroristen, aber Carries Leute kommen zu spät: Faisel und seine Frau sind weg. Wer hat sie gewarnt? Und was hat Carrie übersehen, während ihr Blick auf Brody fixiert war? Am Ende bricht sie buchstäblich zusammen. Schon am Anfang der Episode lernten wir Carries Vater (James Rebhorn) kennen und sahen, wie sie in das Haus ihrer Schwester ging, um heimlich Tabletten zu holen. Diesmal sucht Carrie ihre Familie auf, um sich das zu holen, wofür Familie wirklich da ist: Geborgenheit und Trost.

Carries Zusammenbruch geht eine sehr schöne Szene voran, als sie in ihrem Haus die Fotos von der Wand abnimmt. Zwar sieht der Raum plötzlich größer aus, aber zugleich auch flacher, leerer – so wie Carries Leben aussehen würde, falls sie ihren Job nicht mehr hätte. Diese kleine Szene verdeutlicht am besten das Gefühl des Alleinseins, vor dem sie dann in die Arme ihrer Schwester und ihrer Nichten flieht. Trotzdem findet sie keine Ruhe. Carrie muss sich selbst überzeugen, richtig zu liegen: denn was würde ihr sonst übrig bleiben? Doch sie schaut auf die Ereignisse mit einem Blick, der nur noch Bestätigung sucht für etwas, was er schon gesehen hat oder zu haben glaubt – für das, was Carrie bereits glaubt. Der feste Glaube ist das, was Carrie treibt.

Und was treibt Brody? Auch Glaube? Wir sehen in dieser Episode mehrere Szenen, wo gebetet wird: Ganz am Anfang ist es Brody, später Saul und gegen Ende der Episode Brody zusammen mit seinem Sohn. Es ist nicht unbedingt die Religion als solche, die hier als treibende Kraft zu sehen ist, sondern Religion als Metapher für eine Überzeugung, die den Menschen an gewissen Stellen zusätzlich blind machen kann. Indem wir Zuschauer das Blind-Werden streckenweise beobachten, sehen wir die Gefahren, die jenes Über-sehen birgt: sei es auf Carries Seite oder auf der der Terroristen…

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