Homeland: Clean Skin (1×03)

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Homeland ist eine Serie über Terrorismus, Terrorzellen, Verschwörungen etc. Das kann man überall lesen. Wie wäre es zur Abwechslung mit Homeland als einer Serie über Familienzellen, über Familienbeziehungen – darüber, solche zu pflegen, neu zu bilden oder aber auf die Probe zu stellen? Ein Großteil der Episode beschäftigt sich damit, die atmosphärischen Nuancen innerhalb der Brody-Familie zu untersuchen und kleine Details eines Familienpuzzles zu präsentieren.

Jessica Brody hatte geglaubt, das Puzzle ihrer Familie nach dem vermeintlichen Tod ihres Mannes unter Kontrolle bzw. durch ein neues Puzzleteil vervollständigt zu haben. Aber war das wirklich so? Was, wenn nun plötzlich kein Platz für das Teil mehr da ist? Wobei: für welches eigentlich? Für Mike, für Brody (Damian Lewis) – oder vielleicht gar für Jessica selbst? Jessicas irritierte, sogar etwas missgünstige Blicke auf Brodys Umgang mit den Kindern – und vor allem auf Danas und … positive Reaktionen – bringen sehr gut eine Überraschung zum Ausdruck: die Überraschung darüber nämlich, sich plötzlich selbst in der Position des Puzzlestücks zu sehen, das übrig bleiben könnte.

Diese Empfindung trägt den Beigeschmack eines Rückschlags mit sich. Nicht dass sich Jessica über Brodys Rückkehr nicht freute – aber es ist schwer, wieder von vorne anzufangen, nachdem man etwas bereits hinter sich gelassen, sich von jemandem verabschiedet hat. Alles auf Anfang – und das mit einem Mann, den Jessica nicht mehr kennt, mit dem sie vielleicht gar nichts mehr zu tun haben will? Die Sexszene ohne Sex zwischen den beiden ist nicht nur verstörend, sondern wirft gleichzeitig Licht auf die Figuren. Während Brody in einer Welt zwischen Licht und Schatten schwebt wie unter einem Bann, kann Jessica (Morena Baccarin) auch nicht den winzigsten Zugang zu dieser Welt finden. Ob sie es aber wirklich will?

Brody wiederum findet Zugang zu seinen Kindern – vor allem zu Dana, die ihrer Mutter den Seitensprung mit Mike vorwirft. Wir wissen, dass es nicht wirklich ein Seitensprung war, da sie ja Brody tot glaubte. Genau dies gelingt Homeland: differenzierte, je für sich berechtigte Blickwinkel auf alles und jeden zu kreieren. Hierauf passen Brodys Worte, die er im Interview zu Lawrence O’Donnell (der sich selbst spielt) sagt: dass man ihm in der Gefangenschaft klar zu machen versucht habe, sein Staat, seine Frau und alle ihm nahe Stehenden hätten ihn aufgegeben, allein gelassen. Nun: letztendlich erweisen sich diese Worte als wahr.

Damit baut Homeland sehr geschickt Brücken zwischen den beiden Ebenen der Erzählung, zwischen dem Politischen und dem Privaten. Jemand kann sich gegen das eigene Land wenden, während sich im Familienalltag Menschen gegeneinander wenden können – auch innerhalb der eigenen Familie. Was ist wichtiger, wo beginnt das eine und wo das andere? Virgil hält die Tatsache, dass Dana von Mike und Jessica weiß, für wichtig, während Carrie es als Nichtigkeit abtut. Ihr geht es nur um Abu Nazir – und wie man schon letzte Woche ahnen konnte, bezahlt nun Lynne mit ihrem Leben für ihre geheime Tätigkeit. Oder hat diese mit ihrer Ermordung gar nichts zu tun? Hier beginnen die Verschwörungspuzzles, die in Clean Skin nicht zu kurz kommen.

Einen von Homelands mittlerweile typischen Übergängen von Szene zu Szene und dadurch von Plot zu Plot werde ich benutzen, um zum zweiten Teil dieser Episode zu kommen. Um dem Stil treu zu bleiben, kehre ich den zeitlichen Verlauf um. Es wird von der tot daliegenden Lynne auf die im Bett liegende Jessica geschnitten, aber wir werden uns in die umgekehrte Richtung bewegen. Bei diesem Schnitt sind die körperlichen Positionen der beiden Frauen gleich, nur spiegelverkehrt. Vor einen Spiegel stellt der Saudi-Prinz Lynne, als er ihr eine Diamantkette schenkt. Später wird sie zu einem Gast des Prinzen geschickt, doch sie endet in einer Seitengasse: tot, ohne Kette um den Hals. Carries (Claire Danes) Versuch, sie zu retten, nachdem sie Lynne fälschlich Schutz zugesichert hatte, kommt zu spät.

Dieses Ereignis zieht Carrie endgültig den Boden unter den Füßen weg. Sie hat niemanden außer Saul (Mandy Patinkin), an den sie sich wenden kann – seiner ablehnenden Haltung zum Trotz. In einer sehr schönen Szene der beiden kommt Carrie die Erleuchtung, dass vielleicht Lynnes Kette den eigentlichen Geldtransfer darstellte! Schnitt – und wir sehen diese Vermutung bestätigt: Die rechte Hand des Prinzen (der anscheinend vom Ganzen nichts mitbekommen hat) verkauft die Kette; nach einem weiteren Schnitt sehen wir eine junge Familie (der Mann ist arabischer Herkunft) vor ihrem nagelneuen Haus nah dem Flughafen. Clean-Skin-Terroristen: das ist ein Begriff für die Terroristen von nebenan, die legale Papiere besitzen und eine unauffällige Existenz führen…

Mit dieser Episode erweitert Homeland beinahe unauffällig seine Möglichkeiten und erhöht genauso unauffällig die Spannung, auf jeder Ebene.

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