Homeland: Crossfire (1×09)

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Mit den letzten zwei Episoden gerieten wir Zuschauer ins Kreuzfeuer der Vermutungen, Verdächtigungen und Enthüllungen, so dass der eigene Blick und Verstand nirgendwo Ruhe finden konnte. Homelands Autoren nahmen uns mit dem plötzlichen, geradezu abrupten Tempo-Anstieg die Möglichkeit, auf Distanz zu gehen und die Ereignisse, Absichten und Handlungen der Figuren von dort aus zu beurteilen.

Durch die Geschwindigkeit, mit der sich alles abspielte, und die Verschiebungen einiger Figuren-Positionen innerhalb der Erzählung bekam man das Gefühl, der eigene Blick sei ein Spielzeug in den Händen der Autoren. Aber Homelands Ziel besteht nach wie vor nicht darin, Sensationslust zu befriedigen oder allererst zu wecken, sondern diese so genannten Verschiebungen zu erklären. Zwar erzeugt man Spannung durch die Ungewissheit und die unerwarteten Wendungen, aber diese Spannung ist eher ein Nebenprodukt. Warum Verschiebungen stattfinden, warum sie überhaupt möglich sind und wie leicht man Verschiebungen als Differenzen missversteht, als Aussage über einen Menschen als solchen – das sind die Hauptpunkte, die unter der Oberfläche einer Jagd nach Terroristen abgehandelt werden.

Es geht um Gemütszustände: Wie empfindet man, für wen, warum? Und wie wenig braucht es, um diese Empfindung von außen zu steuern? Wie zerbrechlich ist eine Gefühlslage? Vor allem Letzteres thematisiert Crossfire sehr deutlich – und damit auch die Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen und Beziehungen. „People are their own worst enemy“, sagt Saul (Mandy Patinkin); und anstatt wie ein Klischee zu klingen, trifft diese Aussage den neuralgischen Punkt und steht in direkter Verbindung zu einem anderen wichtigen Satz in dieser Episode, zu einer Frage nämlich, die Abu Nazir via Video-Konferenz Brody stellt: „Are we enemies now?“

Die neue Homeland-Episode konzentriert sich hauptsächlich auf Brody (Damian Lewis) und darauf, was unter der Oberfläche seiner Geschichte liegt – etwas, das ihn womöglich noch stärker geprägt hat als das physische Trauma der Gefangenschaft. Während Carrie (Claire Danes) gegen die Windmühlen des Apparats kämpft, innerhalb dessen sie selbst funktioniert, und den Imam zu überreden versucht, Informationen über Walker preiszugeben, wird Brody auf dem Supermarkt-Parkplatz überfallen und entführt. Der Rest der Episode schaukelt wie eine Wiege zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen unterschiedlichen Gefühlslagen hin und her – und die Hand an der Wiege gehört Abu Nazir.

Auf manche mögen die Rückblenden als billiger dramaturgischer Trick gewirkt haben, als eine allzu einfache Erklärung dafür, warum sich Brody gegen das eigene Land gewendet zu haben scheint… aber hat er das wirklich? Oder ist er noch immer frei in seinen Entscheidungen? Wie frei sind wir in unseren, wenn wir immer wieder an Dinge erinnert werden, die uns zu der Person gemacht haben, die wir sind? Sind solche Erinnerungen Manipulation oder Melancholie?

Erklärt die Erzählung über Abu Nazirs Sohn Isa Brodys Veränderung – eine Erzählung über ein Kind, dem Brody Englisch beibringen sollte, mit dem er sich anfreundete und das bei einem Treffer US-amerikanischer Bomben auf seine Schule getötet wurde? Vielleicht – teilweise. Nur: Hat sich Brody überhaupt verändert? Ist er jetzt auf der anderen Seite? Gibt es überhaupt eine andere Seite? Während Brody fünf Jahre lang eingesperrt und gefoltert wurde, starb er. Nicht Walker starb, sondern Brody. Um neu geboren zu werden!

Abu Nazir gab ihm ein neues Leben, Licht, Ruhe, die Freundschaft eines Kindes, das damals ungefähr ebenso alt war wie Brodys eigener Sohn. Man kann an dieser Stelle weiter spekulieren, ob Abu Nazir von der Attacke wusste und mit Absicht das eigene Kind sterben ließ, um Brody endgültig unter Kontrolle zu haben; aber für den Moment kommt es darauf nicht an. Viel wichtiger ist, was die Möglichkeit, solche Fragen überhaupt zu stellen, zeigt: Wir sind eigentlich schon längst nicht mehr im Stande, nach Recht und Unrecht zu fragen. Vielleicht haben alle Recht, denn im Grunde tut jede/r das Richtige – das, woran frau / man glaubt? Natürlich werden Interessen vertreten, aber es sind immer auch die eigenen; weniger materielle als emotionale.

Obwohl in Crossfire Schüsse fallen, ist die Erzählung mehr das Echo eines Schusses, der schon gefallen ist. Homeland hält sich an Sauls Worte, an die Erzählung über die Zerbrechlichkeit des Seins. Außerdem lässt uns die Showtime-Serie keinen Überblick gewinnen: Genauso wie die Kamera die Gesichter der Protagonisten liebt und sie gern in Close-Ups zeigt, bekommen wir alles – metaphorisch ausgedrückt – im Close-Up erzählt. Wir sind zu nah dran und kommen nicht weg! Die Kamera bewegt sich nicht vom Erzählten fort, zeigt uns keinen Establishing Shot vom Ganzen. Wir bekommen statt dessen Bildausschnitte zu sehen.

Ist Walker Abu Nazirs As im Ärmel, falls Brody doch zum “alten” Brody zurückkehren sollte? Es scheint so, als hätte Abu Nazir das Einschleusen von Brody in den Regierungsapparat geplant. Aber mit wessen Hilfe? Elizabeth Gaines? All unserem Wissen aus den letzten zwei Episoden zum Trotz sind wir unwissend. Schwer machen es uns die Verschiebungen in den Gefühlslagen der Protagonisten, die Homeland sensibel zeichnet. Als ob man die Saiten eines Instruments berührte, aber sich nicht sicher sein kann, welche Melodie erklingt – denn das hängt von der Berührung ab… Je nachdem, wie die Figuren auf einer rein persönlichen Ebene berührt wurden oder berührt werden, handeln sie.

Sie stehen im Kreuzfeuer der eigenen Empfindungen. Wer ist Freund, wer Feind? Carries und Brodys Wege werden sich bald wieder kreuzen, denn sie erfährt von Walkers Kontaktperson, dem Saudi-Diplomaten; und obwohl Nazirs Leute Brody ohne direkte Anweisungen gehen lassen, scheinen er und Walker auf unterschiedliche Art und Weise – unabhängig voneinander? – dasselbe Ziel zu haben. Carrie hatte wieder Unrecht: Zwei Soldaten haben die Seite gewechselt. Oder liegt ihr Irrtum eine Ebene höher? Gibt es denn noch Seiten?

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