Homeland: Grace (1×02)

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Ein Spiel, das vielleicht keines ist… oder doch? Großartig hält Homeland die Balance: sowohl zwischen Sicherheit und Unsicherheit auf Zuschauerseite, was eigentlich genau mit Brody und Carrie geschieht, als auch zwischen der Gefahr der Terrorattacken selbst und den Gefahren, die entstehen, wenn man sie um alles in der Welt zu verhindern versucht.

Mit Grace wird der Zuschauer komplett verunsichert, weil in die Position der dritten Ecke eines Dreiecks manövriert, dessen zwei andere Ecken Brody (Damian Lewis) und Carrie (Claire Danes) bilden. Natürlich drängt sich die Frage auf, welche Stellung die Serie zur Überwachungsthematik im Allgemeinen beziehen will. Nach Grace aber kristallisiert sich in meinen Augen eine andere für Homeland zentrale Frage heraus, nämlich die nach der Interpretation des Beobachteten.

Wenn Überwachung tatsächlich unausweichlich wäre, um sich vor möglichen Gefahren zu schützen: wie könnte man sicher gehen, dass das Gesehene richtig gedeutet wird? Wo verläuft die Grenze zwischen Analyse und Interpretation? Wie kann man etwas objektiv auswerten, wenn man selbst in die Sache involviert ist? Ist es überhaupt möglich, eine objektive Position zu beziehen, um die Wahrheit auszusprechen? Denn von dieser hängen mehrere Leben ab!

Diese Fragen passen natürlich zum Thema der Serie, denn wie wir wissen, ist Carrie CIA-Analystin und hält etwas für wahr, wofür sie nicht den geringsten Beweis beibringen kann. Sie glaubt bzw. wünscht geradezu, dass Brody ein Terrorist ist, und versucht dies zu belegen, was sie schon in der Pilotepisode fast ihre Existenz kostete. Eine kleine Beobachtung, eine kleine Rhythmussequenz wie aus einem Jazzstück, gab ihr Aufschub.

Ein Muster, das sich wiederholt, wenn Brody in der Öffentlichkeit die Finger seiner rechten Hand bewegt, ist für Carrie der Beweis. Will er tatsächlich Kontakt mit jemandem aufnehmen? Ist die Bewegung ein Code – oder doch nur ein nervöser Tick bei einem Mann, der brutalster Folter ausgesetzt wurde und acht Jahre in Gefangenschaft verbrachte? Aber – war er wirklich die ganze Zeit über in Gefangenschaft?

Wieder einmal musste ich an Rubicon denken – vor allem an Ed Bancroft, den alten Analytiker mit der Vorliebe für Schach und Jazz. Er bewegte seine Finger auf ähnliche Art und Weise, als würde in seinem Kopf immer wieder dasselbe Musikstück spielen. Grace heißt die zweite Homeland-Episode: Grace wie Gnade, Gunst, Huld, Anmut – oder aber Tischgebet. Oder alle Bedeutungen auf einmal? Der Vorspann der Showtime-Serie kreiert eine unübersichtliche Mischung meist schwarz-weißer Bilder. Der Sound wird von Jazzmusik beherrscht, von sich wiederholenden Sequenzen.

Ein roter Faden ist immer da – nur gilt es ihn zu finden! Zwischen all den wechselnden Ausschnitten politischer Reden und Kriegsbilder ist immer wieder der Rücken eines blonden Mädchens mit zwei Zöpfchen zu sehen. Oder man sieht Carrie mitten in einem Labyrinth. In einem der letzten Bilder befindet sich noch jemand anders darin, während wir die Stimmen der Protagonisten hören, die für die Zuschauer die Ereignisse der Pilotepisode gleichsam zusammenfassen: Brody taucht im Labyrinth auf. Was für ein Labyrinth ist das aber? Eines, das auf eine mögliche Verschwörung hinweist – oder eines, dessen Sackgassen in den Köpfen der beiden enden?

Die Verbindung zwischen Brody und Carrie bekommt in den ersten Minuten der Episode erschreckend-verwirrende Züge, als wir in Flashbacks sehen, wie Brody ein Grab für die Leiche seines Partners aushebt und dann selbst an dessen Rand kniet, die Waffe eines seiner Peiniger am Hinterkopf. Brody singt “Marines’ Hymn”, der Mann mit der Waffe wird immer wütender und schreit ihn an, dann ertönt ein Schuss – und in diesem Moment folgt das Aufwachen. Doch nicht Brody wacht auf, sondern Carrie: als ob sie geträumt hätte, was Brody widerfuhr, als ob sie für die Dauer eines Traums in seinem Kopf gewesen wäre. Der nächste schnelle Schnitt nämlich zeigt tatsächlich Brody, der schweißgebadet aufgewacht ist.

Das könnte nun allerdings auch heißen, dass umgekehrt Brodys plötzliches lautes Erwachen Carrie aufgeschreckt hat, die vor den Monitoren eingeschlafen war… Nichtsdestotrotz ist diese vertauschte Reihenfolge mehr als verwirrend für die Zuschauer: Sie ist bezeichnend. Die Verbindung zwischen den Protagonisten wird im Laufe der Episode immer enger, denn Brody und Carrie werden mehrmals durch schnelle Schnittfolgen miteinander verbunden, manchmal sogar durch dieselben Bewegungsabläufe.

Carrie verbringt die meiste Zeit mit Beobachten, während Saul (Mandy Patinkin) mit Hilfe eines befreundeten Richters (Michael McKean) vier Wochen Zeit für ihre Arbeit herausschlägt – so dass sie nicht vollkommen illegal handelt, sondern immerhin “legal-ish”. Auch Sauls Vorgehen ist grenzwertig, denn er erpresst den Richter, um die richterliche Anordnung zu erwirken. Die Unterstützung ihres Vorgesetzten freilich bekommt Carrie nicht, als sie von einem ihrer Kontakte mit bahnbrechenden Informationen versorgt wird.

Das Elite-Callgirl Lynne, das mit einem Saudi-Prinzen liiert ist und für seinen Harem Mädchen auszusuchen pflegt, arbeitet zugleich als Informantin für Carrie und bringt ein Beweisfoto von einem Treffen des Prinzen bei: mit keinem Geringeren als Abu Nazir. Lynne braucht Schutz, da sie um ihr Leben fürchtet. Carrie gibt ihr das Versprechen – halten kann sie es nicht, ebenso wenig wie die Versprechungen, die sie ihrer Familie gibt. Sie besucht ihre Schwester und ihre zwei Nichten; wir erfahren, dass ihr Vater unter derselben Krankheit leidet wie Carrie selbst und dass ihre Schwester Carrie heimlich mit den grünen Tabletten beliefert, ohne die sie ihren CIA-Job nicht machen könnte. Aber für wie lange kann Carrie ihr Geheimnis vor der Welt schützen?

Ablaufende Zeit: diese Problematik betrifft nicht nur Carries Arbeiten-Können und Arbeiten-Dürfen, sondern auch Brodys Geheimnis. Oder hat er gar keines? Auf Brodys Freund Mike wird von den höheren Rängen Druck ausgeübt: Er soll Brody in die Öffentlichkeit bringen, um die Notwendigkeit eines Krieges gegen den Terror zu betonen und den Militärs auf diese Weise den Rücken zu stärken. Nur denkt Brody zunächst nicht daran. Ein Journalist, der das Grundstück betritt und Brody mit Fragen belästigt, wird von diesem kurzerhand außer Gefecht gesetzt, bevor Brody in die Wälder und dann in die Stadt verschwindet.

Zwar wird Brody die ganze Zeit über von Carrie beobachtet und von Virgils Bruder verfolgt, aber er bleibt dennoch ein blinder Fleck im Sichtfeld. So wie die Garage der Familie, in die sich Brody nach seinem Ausflug begibt und in der Virgil keine Überwachungskameras installiert hat. Auf diese Art und Weise erhalten wir Zuschauer einen Wissensvorteil gegenüber Carrie – von dem man allerdings noch nicht sagen kann, ob er sich wirklich als Vorteil erweist oder uns nur noch mehr in die Irre führt! Denn Brody, den zuvor die neue Familienregel des Tischgebets vor dem Abendessen ziemlich befremdet hatte, nutzt die Garage, um… zu beten.

Im vielleicht wichtigsten Flashback dieser Episode sehen wir, wie Brody plötzlich die Tür seiner Zelle offen findet und unbehelligt hinaus ins Licht gehen kann, bis er durch einen Türspalt kurz vor dem Ausgang die Terroristen beim Gebet erblickt. Im Vergleich zu den vorherigen Rückblenden zeigt diese Ruhe, Genugtuung, Trost, Gnade, Gunst… Grace! Brody öffnet das Garagentor nur so weit, dass die Strahlen der Morgensonne von Osten her hineinströmen und ihn umgeben: wie in den Erinnerungen. Dann beginnt er auf Arabisch zu beten. Offenbar ist er Muslim geworden.

Aber macht ihn das zum Terroristen – oder hat er einfach in dem rituellen Gebetsakt damals die Gnade gefunden, die er brauchte, die Rettung aus seinen grauenhaften Erlebnissen? Das, was wir sehen, ist immer nur die Hälfte des Ganzen, während die andere sich dem Licht entzieht: in dem blinden Fleck, den wir selbst als Teil des Bildes darstellen, was uns darin hindert, objektiv die ganze Wahrheit zu erblicken.

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