Homeland: Marine One (1×12)

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Coming Home. Damit begann Homeland, und damit endet die erste Staffel der Showtime-Serie. Nach acht Jahren Haft kehrte Brody nach Hause zurück, und im Finale Marine One kommt er tatsächlich an. Denn in meinen Augen ereignet sich Brodys Heimkunft erst nach dem Telefonat mit Dana, das Brody von einem zweiten Versuch, die Bombe hochzujagen, abbringen kann. Ganz abgesehen von seinen Erklärungen für Abu Nazir, warum er den Vizepräsidenten verschonte, hat sich Brody für sein Zuhause, für die eigene Familie entschieden.

Marine One endet nicht wirklich mit einem Cliffhanger, sondern mit einem Anfang: mit Homelands eigenem. Brody kehrt nach Hause zurück, und Tom Walker ist tot – so fing Homeland an. Und so endet die erste Staffel. Tom Walker wird von Brody getötet, und Brody findet den wirklichen Anschluss an seine Familie. Nach wie vor aber steht Carrie im Zentrum all dieser Verschiebungen, die am härtesten sie selbst getroffen haben. Es ist, als würde in dem Labyrinth aus dem Vorspann der Serie jedes Mal, wenn Carrie an sein Ende kommt, der Ausgang zugemauert, so dass sie weiter herumirren muss…

Das Problem besteht darin, dass Carrie immer schon die Tür gefunden haben wird – und auf metaphorischer Ebene verursacht genau diese Tatsache die Kurzschlüsse in ihrem Kopf. Carrie denkt und handelt zwar von einer gefühlsbetonten, emotionalen Ebene aus, aber diese ermöglicht ihr überhaupt erst jene Schlussfolgerungen, die sich, wie Sauls Nachforschungen in dieser Episode zeigen, als richtig erweisen. Denn auch Abu Nazir operiert, genauso wie Brody, auf dieser Ebene. Und das Gewicht von Nazirs Plan scheint vom Anfang an auf Brodys Schultern gelastet zu haben.

Er ist Marine One, Walker Marine Two. Walker sollte mit gezielten Schüssen die nötige Panik beim Vizepräsidenten-Auftritt hervorrufen, so dass Brody mit der Weste die Detektoren passieren könnte. Im Bunker sollte dann Brody die Bombe zum Detonieren bringen, aber es klappt nicht.

Die zunächst nicht funktionierende Bombenweste fungiert zugleich als Metapher für die Homeland-Staffel selbst, wobei es weniger ums Versagen geht – letztendlich repariert Brody die Weste -, sondern um das Versprechen, das man sich und anderen macht und das uns die Homeland-Autoren gemacht haben. „I’m coming home, Dana. I promise“, sagt Brody (Damian Lewis).

Wenn man nun behauptete, dass durch das Problem mit der Bombe Zeit geschunden und Brody künstlich am Leben erhalten statt der letzte Schritt gewagt würde, hätte man aus einer bemüht objektiven Perspektive zwar Recht, täte Homeland aber dennoch Unrecht. Homeland besaß nie eine direkte Handlung von A nach B, sondern erzählte ein Labyrinth, dessen Gänge jene Kartographie menschlicher Gefühle und Emotionen nachzeichnen, über die wir in den letzten Reviews sprachen. Eigentlich beweist ja die Serie, dass Brody bereit ist, den letzten Schritt zu machen.

Und interessant ist nun genau die Frage, ob es sich hier nur um eine Verzögerung handelt, wie Brody Abu Nazir klar macht, oder ob Brody Gefühle mit Plänen maskiert – und umgekehrt. Um solche Fragen kreiste Homeland von Anfang an – und nicht so sehr darum, wer Terrorist ist und wer nicht. Terrorist ist nur ein Wort, mit dem weniger gesagt und mehr verdeckt wird. Aus diesem Grund fand ich Brodys Ansprache in die Kamera, selbst gefilmt, am Anfang der Episode sehr passend. Während ich letzte Woche sagte, dass The Vest Claire Danes gehörte, muss ich nun betonen, dass Marine One Damian Lewis gehört.

Großartig bringt er die allmähliche Steigerung angesichts des sich nähernden Todes über die Bühne – die zunehmende Intensität, angefangen bei der Umarmung seines Sohnes bis zu hin zu dem verschwitzten und kaum zu Atem kommenden Mann im Bunker. Es ist derselbe Mann, in den sich Carrie verliebt hat, realisiert Saul (Mandy Patinkin) in einem frühen Gespräch mit ihr in dieser Episode.

Aber dennoch folgt Saul der Fährte, auf die Carrie ihn gesetzt hat. Wie Virgil es ausdrückt: „You are crazy, but I trust you.“ Innerhalb der sieben Tage, über die sich Marine One erstreckt, findet Saul heraus, dass David und der Vizepräsident damals den Befehl zu dem Angriff gaben, der Issa das Leben kostete. Aber er kann wenig tun, wie David ihm klar macht. So kommen wir zurück zu Brodys Ansprache auf dem Video. Er spricht über seinen Eid, Amerika vor internen und externen Angriffen, vor heimischen und ausländischen Terroristen zu schützen. Nur: wenn man die einen bekämpft, kreiert man automatisch andere.

Das sind die Regeln des Spiels. Ein Teufelskreis, der von reinster menschlicher Natur vorangetrieben wird – von Selbstsucht und Profitgier, maskiert mit Idealen. Aber die Linie des Polygraphen, die diesen Kreis zeichnet, zeigt immer wieder Abweichungen, Störungen: solche wie Carrie, die sich am Ende zu einem gefährlichen medizinischen Eingriff entschließt, um ihre Krankheit in den Griff zu bekommen. Nur die Gedanken, die sie unter Narkose heimsuchen, kann sie nicht loswerden: die Bilder von Brody und seinem Alptraum, als sie zusammen waren. Der Alptraum namens Issa.

Ob der Eingriff Carries Gedächtnis beeinträchtigen wird, bleibt abzuwarten. Eins ist sicher: Der emotionale Alptraum im unmöglich erscheinenden positiven Sinne des Wortes – der Alptraum namens Homeland – ist nicht vorbei. Die Showtime-Serie bleibt zusammen mit Game of Thrones der beste Neustart des letzten Jahres (2011) und darf ihre labyrinthische Reise fortsetzen.

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