Homeland: Representative Brody (1×10)

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Wie es die Linien in Rubicons Vorspann am besten verbildlichen, erstellt Homeland eine Kartographie von Handlungen und emotionalen Zuständen. Aber Homelands Karte ist eine ohne Ränder, eine, deren Grenzen verschwommen sind, dunkel, unerreichbar für den Blick. Genauso sind in Representative Brody oft Bilder mit nur einem beleuchteten Zentrum zu sehen, deren Grenzen im Dunkel verschwimmen: Saul (Mandy Patinkin) in seinem Office, Carrie (Claire Danes) im Krankenhausbett etc. – als wäre unser Blick eine Taschenlampe, die immer nur Ausschnitte des Bildes beleuchten kann.

Will Homeland einen Tunnelblick kreieren oder simulieren? Die Showtime-Serie liefert jedenfalls eine exzellente Kritik des Tunnelblicks ab, indem sie seine Unausweichlichkeit demonstriert, vorangetrieben davon, was uns als Menschen ausmacht. Menschen streben nach Über-Blick – nur um wie die Motten vom Licht im Bildzentrum angezogen zu werden und sich die Flügel zu verbrennen. Menschlich daran ist, nicht aufzugeben, ganz egal, wie sehr es weh tut, denn vielleicht ist dieses Licht im Zentrum ja doch das wahre – auch wenn eine schmerzhafte Erfahrung mit dieser Erkenntnis einhergehen muss.

Carrie verbrennt sich ihre Finger immer wieder, aber sie macht weiter. Sauls Lektion für Carrie bezüglich Verhörsituationen lautet: „You’re trying to find what makes them human – not what makes them terrorists.“ Homelands kartographische Bewegungen können kaum besser beschrieben werden. Mit den Pinselstrichen von Miles Davis’ My Funny Valentine zeichnet die Serie wie ein Polygraph nicht nur die nächsten Handlungsschritte nach, sondern auch und vor allem die damit verbundenen Gemütszustände. Wie alles ineinander fließt, demonstriert metaphorisch das Ineinanderfließen von Sound / Worten und Bildern, die zu unterschiedlichen Szenen gehören und als Ganzes inszeniert werden.

Am Anfang der Episode sehen und hören wir Carrie bei Jazz in voller Lautstärke Auto fahren, während Sauls Stimme Details über das Leben des Saudi-Diplomaten Ramsey Faragallah mitteilt. Aber Saul befindet sich im CIA-Gebäude und nicht bei Carrie, wie nach einem Schnitt zu sehen ist. Nach seinen Ausführungen kehren wir zurück zu Carrie, und Sauls letzte Worte ertrinken in Miles Davis. Genauso wie Saul in Einsamkeit zu ertrinken droht.

Wir sehen ihn in dieser Episode sehr oft mit einer Wasserflasche in der Hand und hören das F-Wort mehrmals aus seinem Mund. Man kann sogar behaupten, dass Sauls Herangehensweise an seine Arbeit seit Miras Abreise aggressiver geworden ist, verbissener – und ebenso seine Art, Verdächtige zu behandeln: als ob die an seiner privaten Misere schuld wären. Aber es ist ja sein Job, der ihm Mira wegnahm. Wegnehmen und geben: Zwischen diesen beiden Worten springt die Polygraph-Nadel dieser Episode hin und her, zwischen Carries und Brodys (Damian Lewis) Manipulationskunst.

Carrie kann Ramsey überzeugen zu kooperieren, und Brody gelingt dasselbe mit Jessica (Morena Baccarin) und Mike. Beide folgen Sauls Ratschlag und suchen nach dem wunden Punkt. Carrie entdeckt ihn, als sie Ramsey damit droht, ihm die Zukunft seiner geliebten Tochter wegzunehmen – und Brody, indem er sich selbst als besseren Ehemann und besseren Vater für die Zukunft verspricht, damit Jessica einwilligt, ihn für den Kongress kandidieren zu lassen. Ausgerechnet der Vize-Präsident unterstützt die Kandidatur und kommt höchstpersönlich vorbei, um mit Brody in seinem Haus zu sprechen.

Im Grunde ist Homelands Plan durchaus gelungen – wie auch immer Abu Nazirs Plan aussehen mag: Die Serie benutzt Walker als Bedrohung auf kurze Distanz, während Brody die Bedrohung auf lange Sicht bleibt. So kann man die Sache mit Walker vielleicht im Finale lösen und sich dann in der zweiten Staffel mit Brodys Kongresskandidatur beschäftigen. Aber man weiß bei Homeland ja nie… Vielleicht habe ich selbst den Tunnelblick? Vielleicht ist ein Tunnelblick per se nicht falsch?

Carries Fixierung auf Brody vom Anfang an hat sich letztendlich ja auch als richtig erwiesen. Aber sie hat für Carrie persönlich nicht zum richtigen Ausgang gefunden. Als er anruft und sie um ein Treffen bittet, denkt sie sofort an ein Date. Das bleibt nicht unbemerkt von Virgil (ja, endlich wieder Virgil!), der Carrie gerade in ihrer Wohnung bei der Vorbereitung auf Ramseys Verhör hilft. Die beiden Punkte, zwischen welchen sich die Episode bewegt, treffen aufeinander: Carrie und Brody. Wegnehmen und geben.

Die Positionen sind aber vertauscht, nur in diesem einen Augenblick des Treffens: Carrie, reizend zurechtgemacht, erwartet Brody mit Miles Davis und Wein. Sie ist bereit zu geben, aber er nimmt ihr diese Möglichkeit weg. Er will keine Intimität, sondern nur ihre Versicherung, niemandem von dem gemeinsamen Wochenende zu erzählen – obwohl Jessica, wie wir hören, ihre Schlussfolgerungen gezogen hat. Ich habe dieses Review mit einem Vergleich zu Rubicon begonnen, und mit einem solchen will ich es auch beenden. Henry Bromell gilt als Autor von Representative Brody; es überrascht uns daher nicht, dass diese Episode ihren Höhepunkt am Brunnen im Farragut Park findet.

Während in Rubicon Katherine Rhumors (Miranda Richardson) Tod beim Treffen an dem Brunnen und, damit verbunden, Aufbau und Entladung der Spannung nicht besonders gut funktionierten, gelingt das Meeting zwischen Ramsey und Walker als eine in die Länge gezogene Agonie der Unausweichlichkeit: Spannung kombiniert mit ansteigender Hektik. Die Bombe geht hoch, tötet fünf Menschen – darunter Ramsey – und schickt Carrie ins Krankenhaus. Aus My Funny Valentine wird My Bloody Valentine, und jede Verbindung zu Walker, aber auch zu Brody (aus Carries Sicht) verpufft in dünne Luft – so wie der Rauch nach der Explosion, den wir mit Carries Augen in den Himmel steigen sehen, während sie am Boden liegt…

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