Homeland: The Weekend (1×07)

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Wenn man einen Teebeutel ins heiße Wasser tauchen und die nächsten zwei Minuten filmen und in Slow Motion abspielen würde, dann sähe man das Aroma langsam Besitz vom Wasser ergreifen, seine Klarheit sich in eine undurchsichtige Wolke Genuss verwandeln, – mehr und mehr, bis die Mischung vollkommen ist und der Tee somit fertig. Was hat aber Tee mit einer Erzählung über Terrorgefahr zu tun? Welchen Einfluss übt eine Tasse Tee auf Verschwörungstheorien aus?

In Homelands neuer Episode The Weekend wird Tee Carrie zum Verhängnis. Nicht weil sie sich daran die Zunge verbrennt, sondern weil sich ihre Zunge für einen Moment, auf einer Genuss-Wolke schwebend, löst und in Brodys Gemüt verbrannte Erde hinterlässt. Am Ende der letzten Episode nahm Brody sie in seinem Auto mit; Carrie bestätigt ihm, dass er den Test bestanden habe – und da er am Wochenende familienfrei nehmen will, machen sie zusammen einen kleinen Ausflug.

Der führt von Billardspielen und Trinken über eine Neonazi-Schlägerei und Trinken zur Waldhütte von Carries Eltern. Dort, im Halbdunkel des Waldes, wird nicht nur der Sex, sondern auch die seelische Bindung zwischen den beiden immer inniger. Zum ersten Mal hören wir von Carrie, was ihr in Bagdad passiert ist; umgekehrt kann sie dem von Alpträumen gequälten Brody Trost spenden.

Anfangs hat sie noch etwas von der CIA-Agentin, die Brody verdächtigt, aber mit jeder Sekunde scheint diese stärker durchmischt zu werden von einer Frau namens Carrie, die etwas genießt. Ihr Tee-Ausrutscher demonstriert diese Vermischung. An diesem Punkt hat man das Gefühl, jemand habe plötzlich das Licht angeknipst und uns Zuschauer dabei ertappt, eine Liebesgeschichte zu genießen und darüber vergessen zu haben, worum es hier geht.

Auf mich persönlich wirkte Carries Unaufmerksamkeit nicht aufgesetzt; ich würde auch nicht die ausgegangenen Tabletten dafür verantwortlich machen. Es sieht eher danach aus, als fände Carrie zum ersten Mal ohne Tabletten Ruhe und Frieden – und somit lügt sie nicht, als sie im Gespräch dieses Empfinden Brodys teilt. Ruhe und Frieden strahlt auch die andere Hälfte der Episode aus, die sich um Saul und Aileen dreht. Auch diese beiden machen eine Art Ausflug: Aileen flieht nach Mexiko und wird dort abgefangen. Saul bringt David dazu, ihm Zeit zu geben, um mit ihr zu sprechen und sie sprechen zu machen.

Wieder einmal eine großartige Leistung von Mandy Patinkin – und auch von den Autoren und Produzenten der Serie! Als Zuschauer wird man so sehr in die Geschichte hineingezogen, dass sogar die langen Momente der Stille im Auto zwischen Saul und Aileen sich unheimlich spannungsgeladen anfühlen. Saul spricht genau den Mechanismus an, dem wir in Carries Fall beim Funktionieren zusehen.

Ich behaupte damit nicht, dass sie in Brody so verliebt wäre wie Aileen in Faizel; es geht um die Unmöglichkeit, zwischen sich und der “Sache” differenzieren zu können: nicht im Sinne vollständiger Überlappung, sondern im Sinne eines Schwebezustands, bei dem man / frau nicht genau weiß, warum er / sie wirklich an etwas glaubt oder glauben will.

Diese Szenen sind nicht nur Aileen gewidmet, sondern sie erzählen uns viel über Saul, über Isolation und Einsamkeit – wie auch Brody sie fühlte, bevor Abu Nazir ihn herausholte. Nachdem sich Carrie durch ihr Wissen um Brodys Lieblingstee verraten hat, folgt eine Szene, die die Serie von der ersten Minute an vorbereitet hat. Zuerst erzählt Carrie die Wahrheit über ihre Verdächtigungen. Dann packt Brody aus: dass er Moslem geworden sei, um ein wenig seelischen Frieden zu finden, dass er Walker getötet habe, um selbst zu überleben, dass er Abu Nazir geliebt habe für den Trost, den er ihm gab.

Alle Flashbacks haben sich bewahrheitet – aber wir sahen sie in einem anderen Kontext, in Carries Kontext des Verdachts, und in Brodys Kontext ergeben sie genauso viel Sinn. Wie wir schon immer sagten: Es ist der Blickwinkel, der die Interpretation entscheidet. Man erinnere sich an das Interview, das Brody gab, und an all die Winkelzüge, um ihn zu brechen. Als sich durch Aileens Kooperation herausstellt, dass nicht Brody, sondern der tot geglaubte Walker der Terrorist ist, ergeben Brodys Worte mehr Sinn.

Aus Walkers Sicht hat sein Freund Brody versucht, ihn totzuschlagen, die Marines kamen nie, um ihn zu retten, und seine Frau heiratete erneut. Als Carrie ihren “Fehler” realisiert, scheint es schon zu spät zu sein: Parallel dazu, dass sie und Brody sich in der Gesellschaft eines anderen Menschen endlich einmal wieder gut fühlten, haben sie einander emotional zerstört. Am Ende bricht alles zusammen – wegen der Erkenntnis über Walker, doch viel explosiver wirken nicht direkt die Enthüllungen als Informationen, als Bewegung des Plots nach vorne, sondern die stillen Momente, die leisen Zusammenbrüche im Innern: Carries (Claire Danes) und Brodys (Damian Lewis), der nach Hause zurückkommt, sich allein im Dunkeln aufs Sofa setzt und zu weinen anfängt.

 

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