Fringe: 6:02 AM EST (3×20)

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Fringe startet mit der neuen Episode eine Art Trilogie zum Abschluss der dritten Staffel. Und wenn eine Episode eine Zeitangabe zum Titel hat, dann weiß man, auch ohne die Handlung zu kennen, dass etwas Weltbewegendes – oder in diesem Fall: Weltzerstörendes – geschehen wird und dass den Beteiligten die Zeit davon läuft, sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite der Fringe-Erzählung.

6:02 AM EST besteht aus einem temporeichen Wechsel zwischen den beiden Welten, die sich mittlerweile sehr ähnlich geworden sind. Genauso ähnlich wie die Menschen, die dort leben. Deutlich wird das auf visueller Ebene durch die kleinen Details in den Bildern: Sowohl “hüben” als auch “drüben” sind in nahezu jeder Szene blaue und rote Flecken zu sehen, wie zum Beispiel die Kleidung von Baby Henry Dunham, die Vierecke in Walternates Büro oder aber die Kegel in Sam Weiss’ Bowling-Club.

Vor allem aber werden die beiden Olivias einander immer ähnlicher, in ihrem Denken und in ihren Handlungen. Beide sind bereit, alles zu tun, um die Welten zu retten, denn die Verbindung zwischen ihnen ist stärker als je zuvor: auf beiden Seiten pumpen Herzen rötliches und bläuliches Blut durch Venen und Arterien. Olivia (Anna Torv) ist mit Peter zusammen, und Fauxlivia hat einen Sohn von ihm. Beide Frauen haben den Punkt ihrer Wandlung erreicht, und diese hat sie in gewissem Sinne einander ähnlicher gemacht. Am deutlichsten wird das in den ersten Szenen mit Olivia, die neben Peter im Bett aufwacht und völlig entspannt den Augenblick genießt, den Start in einen neuen Tag… bis sie im Korridor auf einen (außer überdimensionalen Plüschpantoffeln) nackten Walter trifft. Peter teilt ihr mit: „It’s Tuesday. He always cooks naked on Tuesdays.“

Diese humorvolle Ablenkung ist eine absolute Rarität in dieser Episode, ein vorgezogener Kontrapunkt zu dem, was darauf folgt. Denn die Apokalypse hat schon begonnen; die Zeit läuft davon. Man könnte die Nummer 6:02, den Episodentitel und die Startzeit der Ereignisse als einen Verweis auf die Bibel sehen, genauer: auf die entsprechenden Kapitel der Apokalypse (von 6.2. bis 6.5). Um genau 6:05 ist die blaue Welt nicht mehr dieselbe. Mit Sam Weiss sehen wir, wie eine rote Kugel plötzlich und ohne fremden Einfluss gegen eine andere (dunkelblaue?) zu stoßen anfängt.

Später sieht man ihn Formeln berechnen und einen ähnlichen transparenten Bildschirm benutzen wie derjenige, durch den damals Walter Walternate beobachtete. Weiss’ Rechnungen ergeben Null. Bedeutet das ein Ende, einen Anfang, das Schließen eines Kreises? Das hängt vermutlich von der Position des Betrachters ab. Nachdem Nina Sharp Olivia die Wahrheit über Sam Weiss erzählt hat, begibt sich Olivia auf die Suche nach ihm, aber er ist derjenige, der sie am Ende der Episode findet – und Zugang zu der Maschine verlangt.

Als in der roten Welt Fauxlivia von der Aktivierung der Maschine erfährt, will sie den Übergang in die blaue Welt riskieren, um die Apokalypse irgendwie zu verhindern. Aber Walternates Leute können sie aufhalten – und sie findet sich in der Zelle wieder, in der damals Olivia saß. Walternate lässt sie in der Dunkelheit auf ihr Schicksal warten. Aber welches ist das?

Obwohl uns noch immer Einiges an Informationen fehlt, so dass wir wohl erst nach dem Ende der Staffel die Ereignisse und ihren Verlauf wirklich einschätzen können, gefällt es mir, wie die US-Serie zum Staffelfinale hin unterschiedliche Erzählmotive wieder aufnimmt. Damit überträgt sie deren Bedeutung und Wichtigkeit von der Mikroebene einer einzelnen Episode auf die Makroebene der Gesamterzählung – wie etwa die Bedeutung des Observer-Satzes Richtung Walter (John Noble): „Give him the keys and save the girl.“ Walter muss Peter (Joshua Jackson) opfern, um die Welt zu retten, denn Walternate aktiviert mit Hilfe von Henrys DNA die Maschine “von drüben” – und die blaue Welt wird von den Wirbellöchern („vortex“) heimgesucht, die organisches Leben auslöschen.

Walternate gesteht Fauxlivia nicht nur den Angriff, sondern auch seine Bereitschaft, den eigenen Sohn zu opfern. Zu derselben Haltung sieht sich Walter auf der anderen Seite gezwungen. Die Episode nimmt sich die Zeit, viele kleine “Pausen” einzubauen: kleine Sequenzen, in welchen die Beziehungen und die Gefühle zwischen den Figuren hervorgehoben werden, sei es zwischen Walter und Peter oder aber zwischen Lincoln und Fauxlivia.

Peter will sein ursprüngliches Schicksal annehmen und Kontakt mit der Maschine herstellen, um sie irgendwie zu stoppen. Aber die Maschine lehnt ihn ab, ja stößt ihn von sich, so dass er ins Koma fällt. Beide Väter, Walternate und Walter, opfern Peter. In einem Augenblick der Offenbarung und der Abrechnung mit dem eigenen Tun zitiert Walternate J. Robert Oppenheimer, den Erfinder der Atombombe, welcher seine Erfindung später bereute: „Now I am become Death, the destroyer of worlds.“

Walternate hat, ebenso wie Walter, einmal Gott gespielt und erkennt nun, dass er dieses Spiel weiter spielen muss – als ein Gott, der eine Welt zerstören muss, um die andere retten zu können. „I have to be pragmatic.“ Walter hingegen hat es aufgegeben, das Spiel bestimmen zu können; wir müssen daran denken, was ihm Bell im Cartoon sagte: „You have learned the wisdom of humility.“ In der Krankenhauskapelle bittet er Gott um Rettung, um eine Richtung, um ein Zeichen, um eine weitere weiße Tulpe. Sind dieses Zeichen nicht die zwei Kegel auf Sams Kegelbahn, rot und blau, die nach dem Kugelschlag als einzige stehen bleiben, nebeneinander?

Kann es Übereinstimmung beider Welten geben? Ein Verschmelzen miteinander – oder wenigstens eine synchrone Taktung der zwei Pulsschläge? Kann es diese prekäre Harmonie nur auf der Mikroebene geben, in der Liebe zweier Menschen zu einander – oder lässt sie sich auch auf der Makroebene zweier Welten etablieren?

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