Fringe: 6B (3×14)

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Jeder Mensch weiß, was es bedeutet, eine Münze zu werfen – und hat es auch schon getan, im buchstäblichen oder übertragenen Sinne, um zu einem Entschluss zu kommen. Manchmal zeigt die Münze Zahl und manchmal Kopf. Können wir selbst aber den Fall der Münzen so beeinflussen, dass sie jedes Mal so fällt wie von uns gewünscht? Oder stehen die Chancen bei einem Münzwurf wirklich 50:50?

Coinflip ist ein Wort, das beim Pokerspiel des Öfteren fällt. In der Poker-Terminologie bezeichnet Coinflip eine Situation, in der ein Spieler alles setzt und sein Gegner mitgeht. Bevor die fünf Gemeinschaftskarten in der Mitte aufgedeckt werden, hat jeder von beiden eine 50-prozentige Gewinnchance. Aber trotzdem – es sei denn, beide haben zwei gleichwertige Karten (66 vs. 66), was so gut wie nie vorkommt – sind die Ausgangspositionen nicht gleich: Einer der Spieler hat die bessere Hand, das heißt die zwei besseren Karten, was seinen Sieg wahrscheinlicher macht.

Das Lustige daran ist nun, dass jeder Spieler – über die Zeitspanne aller von ihm je bestrittenen Spiele gesehen – 50% seiner Coinflips gewinnt und die andere Hälfte verliert: ganz egal, wie oft er mit den besseren Karten ins Rennen geht. Wenn er, sagen wir, 80% gewinnen würde, dann stimmte etwas nicht… Es geschähe etwas Unnatürliches (oder eben Betrug).

Tom Stoppards berühmtes Theaterstück “Rosencrantz and Guildenstern Are Dead”, das zum ersten Mal 1966 auf dem Edinburgh Fringe Festival aufgeführt wurde, beginnt mit einer Szene, in der die zwei Titelfiguren (die aus Shakespeares “Hamlet” stammen) eine Diskussion über die Realität als solche führen – und über die Un-Möglichkeit, das eigene Schicksal zu lenken. Immer wieder werfen die beiden in dieser ersten Szene eine Münze. Die Münze zeigt Kopf – neunzig Mal in Folge. Also kommen Rosencrantz und Guildenstern zu der Schlussfolgerung, dass in der Natur der Realität Unnatürliches zu beobachten ist. Wenn die Voraussetzungen für ein Ereignis gegeben sind, heißt das noch lange nicht, dass es tatsächlich eintritt – und umgekehrt.

Dasselbe stellt auch Walter (John Noble) fest: mit Hilfe mehrerer Münzwürfe in 6B. Beziehungsweise in 7C: in einer Wohnung des Rosencrantz Building, wo sich Seltsames ereignet hat. Am Abend zuvor sind sechs Männer vom Balkon heruntergefallen – genauer gesagt, durch den Beton des Balkonfußbodens hindurch. Auch andere merkwürdige Dinge haben sich in dem Gebäude ereignet, und man spricht von Spuk. Hamlets Geist oder der seines Vaters im Rosencrantz Building?Nun, nicht wirklich. Viel schlimmer: Von Panik ergriffen, verkündet Walter, dass im Rosencrantz Building das erste schwarze Loch zu erscheinen drohe – ein Wirbel, der die Welt in sich einsauge. Genauso, wie wir es aus der Geschichte der Welt-2 kennen. Die Ursache für diesen Sprung in den metaphorischen Spiegel zwischen den beiden Welten ist in der Wohnung Nr. 6B zu finden. Dort trauert Alice Merchant nach über 40 Jahren Ehe ihrem verstorbenen Mann nach. Derek Merchant ist in Folge eines Münzwurfs gestorben: mit einem solchen nämlich haben er und Alice entschieden, wer die Elektroleitung prüfen gehen soll. Ein Stromschlag machte Alice zur Witwe.

Aber nicht für lange. Denn seit einigen Monaten sieht sie Derek regelmäßig. Sie hält die Erscheinung für den Geist ihres verstorbenen Mannes, der sie trösten wolle – doch es handelt sich um eine Art Projektion: des Dereks aus Welt-2 nämlich, der dort den Münzwurf gewann und jetzt seiner Alice nachtrauert. Die Stärke der Emotionen auf beiden Seiten verursacht den Sprung in der Glaswand; ja, die Anziehungskraft auf beiden Seiten droht sie zum Bersten zu bringen.

Dabei beruhen diese Gefühle auf einer Verwechslung: Alice-1 und Derek-2 halten einander für den “richtigen” Ehepartner aus der jeweils eigenen Welt – und ausgerechnet Olivia und Peter müssen Alice davon überzeugen, dass der Derek, den sie sieht, nicht ihr Derek ist. In letzter Sekunde können sie das Schlimmste verhindern, nämlich dass Welt-1 wirklich wie Welt-2 wird – mit Quarantänezonen.

Bei Massive Dynamic hat man es geschafft, Amber herzustellen: Walter sieht sich gezwungen, Broyles (Lance Reddick) nahezulegen, dass man das Gebäude schlimmstenfalls mit Amber überziehen muss. An diesem Punkt geht es nicht so sehr um Spannung und “Rettung” in letzter Sekunde. Es geht um Walter und seine Erkenntnis, sich genau in Walternates Position zu befinden und – die gleichen Entscheidungen zu treffen. Also ist die Münze schon gefallen? Wird aber sie selbst bei dem Vorgang beeinflusst – oder nur das Ergebnis?

Zu viel Symbolik in Fringe und in diesen Reviews? Zu viele Referenzen? Nicht im Geringsten. Ich glaube, die Fringe-Autoren hinterlassen regelmäßig Spuren, um uns Zuschauer mitmachen zu lassen: um uns zum Nachdenken zu ermutigen und dazu, die Fringe-Erzählung selbst mitzukonstruieren. Darin steckt der Mehr-Genuss, der eine Serie über die normale (natürlich auch befriedigende) Ich-hab-die-Handlung-verstanden-Erfahrung hinaus hebt. Oder sind die weißen Tulpen in Alices Wohnung ein Zufall? Genauso wie der Name des Gebäudes? Oder aber der Münzwurf? Oder das Lied, das die Musik-Box in der Bar spielt, nachdem Peter (Joshua Jackson) eine Münze eingeworfen hat: For Once in My Life – das Lied, das Olivia in Brown Betty gesungen hat? Die Spuren, die Fringe uns finden lässt, kreieren das schwarze Wirbelloch, in das die Serie ihre Langzeitfans einsaugt.

Fringes Mischung aus Wissenschaft, Weltuntergang und menschlichen Gefühlen und Emotionen – und vor allem die Abhängigkeit, in die die FOX-Serie die ersten zwei Aspekte zu dem letzten stellt – sorgt bei manchen Kritikern und Zuschauern für Unzufriedenheit. Diese Ungeduld und Unzufriedenheit resultieren aus der Tatsache, dass sich Menschen immer wieder Erklärungen wünschen. Sie wollen erfahren, dass man Teil von etwas Größerem ist, dass hinter allem eine Antwort steckt, dass alles einen Sinn ergibt und irgendwohin führt.

Dem gegenüber zu erfahren, dass alles, was geschieht, letztlich Ergebnis unserer Gefühle und der aus ihnen sich ergebenden Handlungen ist, kann durchaus ein Empfinden von Nichtigkeit, von Verlorensein in dieser Welt hervorrufen. Daher der Vorwurf des Melodramas. Aber vom Melodramatischen – im negativen Sinne – ist Fringe sehr weit entfernt. Ich persönlich bewundere es, dass Fringe – als Sci-Fi-Serie! – den Mut aufbringt, seine Erzählung in diese Richtung zu lenken – anstatt “große” Antworten zu versprechen, die man sowieso nicht liefern kann. Haben JJ. Abrams und sein Team ihre Lektion gelernt?

„I’ve seen what the two of us look like, and it’s beautiful“, sagt Peter zu Olivia (Anna Torv). Am Anfang der Episode versucht Walter die beiden mit einem liebevoll vorbereiteten und inszenierten Frühstück – Kerzen und Pfannkuchen inklusive! – zusammen zu bringen: und für einen Moment denkt man, Olivia würde in den alten Zustand zurückfallen, dem mit der Mauer ums Herz. Doch so ist es nicht. Olivia möchte dieses Schöne sehen und erleben. Beim ersten Versuch – dem ersten Kuss der beiden, als sie in der Gaststätte auf Ausschläge der Seismographen warten – schreckt sie zurück: „You glimmered“, sagt sie, „I’m terrified“ – nur um Peter dann zu Hause aufzusuchen, als sich die Öffnung zu Welt-2 wieder geschlossen hat. Sie nimmt ihn bei der Hand und führt ihn die Treppe hinauf – zu Lou Reeds “Linger on… pale blue eyes.”

Und wieder bleiben wir mit Fragen und Überlegungen zurück. Olivia hat auf den Münzwurf verzichtet: sie entscheidet sich für Peter, aus eigenem Willen und mit großer Anstrengung, wie sie auch aus Welt-1 zurückgekehrt ist. Die Rückkehr gelang ihr, weil sie Peter sah, der ihr Mut machte – ebenso, wie es Derek für Alice tat. In Alices Fall jedoch lag dem eine Täuschung zugrunde: eine Fehl-Interpretation der Erscheinung, motiviert durch Trauer und Sehnsucht. Will uns diese Geschichte auch etwas über Olivia erzählen?

Fauxlivia wiederum wurde in Welt-1 hinein geworfen – auch sie hat die Rückkehr geschafft und… sich ebenfalls für Peter entschieden. Auch damit ist sie Olivia zuvor gekommen. Ungleich der Alice-Derek-Geschichte sind Olivias und Fauxlivias Peter tatsächlich eine Person: Peters einmalige Existenz stört das Gleichgewicht, zerstört die Symmetrie. Muss er daher “zwei Peters” werden, wie in der Episode Reciprocity beim Start der Maschine angedeutet? Und/oder: Was kann Fauxlivias Schwangerschaft bewirken? Eine neue Balance? Oder die andere Seite der Münze?

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