Fringe: A Short Story About Love (4×15)

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Haben wir in den Fringe-Reviews nicht immer schon davon gesprochen, dass Fringe in seinem Kern eigentlich eine Erzählung über die Liebe ist und von Anfang an war? Liebe unterliegt keinen wissenschaftlichen Gesetzen, sie ist die Neuerfindung des Lebens im Sinne eines Unterschieds. Sie führt uns zur Grunderfahrung dessen, was den Unterschied im Leben ausmacht, und damit zu der Vorstellung, dass man die Welt vom Gesichtspunkt des Unterschiedes aus erfahren kann.

Das schreibt der französische Philosoph Alain Badiou in seinem Buch Lob der Liebe (2009) – das und noch mehr: “Wahrhaftig ist Liebe dann, wenn sie dauerhaft, manchmal unter Schwierigkeiten über die Hindernisse triumphiert, die der Raum, die Welt und die Zeit ihr in den Weg stellen.” Vor Olivia (Anna Torv) und Peter (Joshua Jackson) türmten sich beinah unüberwindbare Hindernisse auf. Ihr Überwinden führt nicht nur zu und zeugt von einer wahrhaften Liebe, sondern sagt auch allgemein etwas über die Liebe aus, die sich heutzutage in Gefahr befindet.

Man versucht gegenwärtig, entweder Liebe von vornherein risikofrei zu gestalten (sprich: die eigenen Interessen zu verfolgen) oder aber ihr die Wichtigkeit abzusprechen. Entweder ist man bemüht, sich auf die Liebe vorzubereiten, die Identität des potentiellen Liebespartners “auszuwählen” (wie im Online-Katalog zum Beispiel); man möchte die eigene Person dadurch vor Leiden schützen, den eigenen Blickpunkt auf die Welt sichern. Oder aber man reduziert die Liebe gleich auf den sexuellen Genuss. Die Angst vor Identitätsverlust entspringt der Auffassung, Liebe bedeute das Eins-Werden zweier Menschen. Doch Liebe ist von Beginn an eine Trennung, ein Unterschied, eine Zweiheit.

Die Liebesbegegnung besteht darin, den anderen, so wie er ist, mit mir gemeinsam existieren zu lassen. Man lernt dabei, dass man die Welt vom Unterschied aus erfahren kann und nicht nur von der eigenen Identität aus. Darin liegen Gefahren und Schwierigkeiten, aber darin liegt eben auch die einmalige Chance, die Welt buchstäblich mit anderen Augen zu sehen – auch die eigene Person. Laut dem Psychoanalytiker und Philosophen Jaques Lacan versucht das Subjekt in der Liebe, “Das Sein des Anderen” zu erreichen. In der Liebe geht das Subjekt über sich, über seinen Narzissmus hinaus.

Und die neue Fringe-Episode handelt nicht so sehr vom Überwinden der Schwierigkeiten, die Zeit, Universen und Raum Olivia und Peter in den Weg stellen, sondern vom Überwinden des jeweils eigenen Selbst.

Diese vierte Fringe-Staffel handelt von Peters Versuch, nach Hause zu kommen, in seine Welt zurückzufinden. Er sucht nach seiner Olivia. Aber wie es sich erweist, sucht sie auch nach ihm. Ihre Begegnung ist im Grunde unausweichlich, denn sie ist eine Liebesbegegnung, eine Zwei: Auch wenn Welten, gar Identitäten ineinander zu fließen drohen, ergibt Eins plus Eins noch immer Zwei. Das Ergebnis eines Paradoxes, eines identischen Unterschieds: Wenn man in einer Welt lebt und in das Gesicht desjenigen Menschen blickt, den man liebt, weiß man zugleich, dass dieser Mensch dieselbe Welt sieht und dass diese Identität Teil der Welt ist.

Beide sehen dieselbe Welt – doch sie sehen sie als vollständig, als Ganzes (= 1) mit dem jeweils Anderen darin, der ihr Sinn gibt. Das Bild wird vollständig, wenn man beide Seiten zusammenzählt: als Paradox eines identischen Unterschieds. Genau dann, wenn das geschieht, existiert die Liebe. Sie existiert in einem Strauß weißer Tulpen, vor dem Olivia am Anfang der Episode allein sitzt: in einem Restaurant, wo sie auf Nina wartet, um ihr von ihrer Liebe zu Peter zu erzählen. Sie spricht davon, von einer Welt zu wissen, die sie mit ihm zusammen erfahren hat und die nicht diejenige ist, in der sie ohne Peter lebte. Sie erinnert sich an eine Welt, die nicht existiert hat – von ihrer Position in “ihrer” Welt aus betrachtet. Aber ist diese Perspektive die richtige?

Olivias “eigene” Erinnerungen schwinden; ironischerweise wird sie zu einer Fremden in ihrem bisherigen Leben mit den Menschen, die sie kennt, mit denen sie aber die Erfahrung dieser Welt nicht teilt. Sehr bezeichnend für Olivias Reise ist ein Bild aus der Szene etwas später, als Walter ihr im Labor von dem Überwachungvideo erzählt. Die Kamera hatte er in einem Teddy versteckt, und als er sich ans Entziffern der Aufnahmen macht, steht Olivia für kurze Zeit ganz allein im Bild, mit dem Teddy im Arm. Das erinnert – so wie die weißen Tulpen – stark an “unsere” Olivia, an die Olivia, die ihrer Nichte Ella “Burlap Bear goes to the Woods” vorlas.

Ella fragte sie damals, ob es wirklich Monster gäbe. Olivia verneinte. Nun hat uns Fringe in den Fällen der Woche mit so vielen “Monstern” konfrontiert, dass Olivias Aussage falsch erscheint. Aber ist sie das wirklich? Denn hinter den allermeisten monströsen Akten, die von den so genannten “mad scientists” begangen wurden, stand die verzweifelte Suche nach Liebe. Auch Anson Carr (Michael Massee), der entstellte Wissenschaftler in dieser Episode, tötet Pärchen, die durch wahre Liebe miteinander verbunden waren. Er will einen Extrakt herstellen: den ultimativen Liebestrank. Was bringt Menschen dazu, einander zu lieben, so viel zu riskieren, sich so verwundbar zu machen? Ist Liebe so einfach festzuhalten, herausdestilliert in einem Tropfen Chemie?

Ein potentielles Opfer sagt zu Olivia: „It is a difference between loving someone and being in love with them.“ Die Kamera nähert sich währenddessen abwechselnd Olivia und Lincoln, indem der jeweils andere im Fokus steht, aber die beiden nie im Bild zusammenkommen. Liebe ist ein extremes Close-Up, und davon sehen wir viele in dieser Episode – als wollte man versuchen, diese Essenz im Bild festzuhalten, sie uns nahe zu bringen. So wie Carr sie in einem kleinen Tropfen festhalten will. In einer weiteren eindringlichen Szene mit Nina entscheidet sich Olivia, an der Liebe festzuhalten und nicht an “ihren eigenen” Erinnerungen an die Welt ohne Peter. Und Peter?

Er will zunächst nach New York, weg von Olivia, wie Walter es von ihm forderte; in Walters Augen erfüllt er damit eine Forderung, die vor langer Zeit Peter selbst auf Griechisch aussprach: ein besserer Mann zu sein als sein Vater. Nur geht Peter dabei von der Voraussetzung aus, dass diese Welt und diese Olivia nicht seine sind. Olivias Veränderungen sieht er – wie auch Walter – als ein Überschreiben ihrer “wahren” Identität. Eigentlich jedoch ereignet sich bei Olivia eine Rückkehr zu sich selbst, um die Liebe zu Peter leben zu können. Die Rückkehr zur vorherigen Normalität, die Peter ihr durch seine Abwesenheit ermöglichen will, hat er ihr mit dem Beginn seiner Anwesenheit bereits unmöglich gemacht.

Peters Augen werden zum wiederholten Mal von September geöffnet, den er aus der Verbannung zurückholt. September hat ihm seine Adresse hinterlassen – ironischerweise in Peters Auge. Mit Hilfe einer Art “Leuchttürmchen”, dessen Koordinaten Peter durch die Geräte in Septembers Koffer findet, taucht September auf, um Peter die Geschichte über die Liebe zu Ende zu erzählen: Peter sei längst zu Hause, und er habe nicht ausradiert werden können, da die Bindung zu den Menschen, die er liebte und die ihn liebten, zu stark war. „I believe you call it… love.“ Die Reise von Olivia und Peter scheint beendet: in den Armen des jeweils anderen. Nicht das Verschmelzen der Welten, nicht die Eins bildet das Ergebnis, sondern die Zwei, die den Unterschied / die Differenz gemeinsam erfahren…

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One response »

  1. Ich hab deinen Review grade zum was-weiß-ich-wie-vielten-Mal durchgelesen und es ist immer noch dein bester. Das ist höchstes Fringe-Niveau!!!

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