Fringe: Alone in the World (4×03)

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Während man sich bei Fringe nicht wirklich sicher sein kann, welche Richtung als nächste eingeschlagen wird, hat die Serie Eines seit ihrer dritten Staffel unmissverständlich klar gemacht: Fringe handelt zwar von Herz und Verstand, aber das Herz treibt alles voran. Nicht in dem Sinne, dass die FOX-Serie vom Sieg des Herzens über den Verstand erzählte oder Ähnliches: Fringe versucht nicht, beides voneinander zu trennen, sondern aufzuzeigen, wie menschliche Beziehungen und Emotionen die Welt immer aufs Neue gestalten.

Dabei bleiben Spuren, Narben, Erinnerungen, die tatsächlich manchmal den Verstand bedrohen. Fringe zeigt einen unaufhaltsamen Prozess, dessen Motor die Emotionen sind – und so wird auch bei den Fällen der Woche die Lösung oft mit und im Herzen gefunden. Immer wieder aber baut Fringe dabei Brücken: zwischen Herz und Verstand, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen einem Universum und dem nächsten, zwischen Vater und Sohn.

In meinen Augen treibt Alone in the World – vom Ende der Episode einmal abgesehen – weder die Handlung voran, noch bringt sie Neues über die Peter-Situation. Eher tritt sie auf der Stelle. Letzte Woche sprachen wir über Fringes Stillleben mit weißen Tulpen; diesmal können wir das Sinnbild erneut benutzen, aber als Aussage über die komplette Episode: Alone in the World präsentiert ein schmerzvolles Stillleben, bildet die Schaubühne für John Nobles exzellentes Kammerspiel in der Rolle des Walter Bishop.

Walter sehnt sich nach Stille, aber er kann Peters (Joshua Jackson) Stimme nicht aus seinem Kopf vertreiben – und auch nicht Peters Gesicht aus dem Clipboard des Psychiaters, der Walter seinen monatlichen Besuch abstattet. Als Walter später mit Broyles spricht, übertönt Peters Stimme alles. Es ist ein Hilferuf: „Walter, do you see me? Don’t be scared. I want to come home.“ Walter fürchtet den Verstand zu verlieren. Offenbar wurden durch Peters Verschwinden Verbindungen gekappt, von deren Vorhanden-Gewesensein die Beteiligten nichts mehr wissen, deren Fehlen sie aber dennoch schmerzlich spüren. Wir sehen am Anfang der Episode, dass Olivia (Anna Torv) eine Zeichnung von Peter anfertigt und heimlich die Datenbanken nach seinem Gesicht durchsucht.

Seit Peters Verschwinden erleben wir Olivia stiller und zurückgezogener denn je. Eine der besten Szenen der Episode ereignet sich am Beginn zwischen ihr und Lee, als beide leise miteinander sprechen und Olivia ihm seine Hilfe anbietet, falls die veränderte Weltwahrnehmung – seitdem Lee von den beiden Universen weiß – ihm Kopfschmerzen bereite. „I am here“, sagt sie. „Here?“, fragt er vorsichtig. Genauso vorsichtig und langsam wechselt die Kamera von ihm zu ihr und umgekehrt. Das Zusammenspiel der beiden ist exzellent – und was man dieser Episode diesbezüglich vorwerfen kann, ist, nicht mehr daraus zu machen! Denn Olivia und Lee untersuchen zwar den Fall der Woche gemeinsam, aber sehr schnell wechselt der Fokus zu Walter und seiner Interaktion mit dem kleinen Aaron.

Aaron, ein einsamer Junge, der kein richtiges Zuhause hat bzw. es nicht als solches empfindet, hat eine für ihn unerklärliche Verbindung zu einem seltsamen Organismus ausgebildet: einem sich schnell verbreitenden Pilz, den Walter später „Gus“ nennt (als Abkürzung für „fungus“, Pilz). Aaron ist sich dieser Verbindung nicht wirklich bewusst, aber sie hat bald tödliche Konsequenzen für Andere. Und wie es sich bei Fringe gehört, müssen wir Zuschauer uns dessen bewusst sein, dass wir Hinweise auf die Ereignisse einer kommenden Episode häufig in der vorherigen finden.

So führt uns auch One Night in October zu Alone in the World, nämlich als die Bücher des Psychologieprofessors im Close-Up zu sehen sind: Killer Mindscapes von S. Pores, Neuropsychiatric Disorders von Dr. Gus Lathey, Fundamentals of Structural Engineering, Psychology of the Human Brain, Surgical Principles. S. Pores – „spores“, Pilzsporen; Gus – (fun)gus… Zufälle? Eher nicht – ebenso wenig wie die Buchtitel, die sich rückblickend nicht nur auf Walters psychischen Zustand beziehen, sondern auch auf die hirnartigen Strukturen und Funktionen des Pilzorganismus.

Für diese übrigens gibt Fringe auch einen visuellen Hinweis, nämlich bevor es in den Tunnel geht, wo sich Aaron versteckt hatte: Man sieht das gesprayte Wort „MIMIC“ (wenn ich es mir nicht eingebildet habe). Walter findet heraus, dass der Pilz Aarons Emotionen erfasst und sie reproduziert, nachahmt: Mimikry. Auf emotionaler Ebene sind Aaron und der Pilz einander gleich. Die Verbindung besteht über das limbische System, die Emotionsleitungen. Wenn Aaron traurig ist, ist es der Pilz auch – und wenn das Fringe-Team den Pilz zu vernichten versucht, droht es gleichzeitig Aaron zu töten.

Zu Aaron baut auch Walter nach anfänglichen Schwierigkeiten eine Verbindung auf, die ihn sogar erzählen lässt, was mit seinem Sohn passiert ist. Peter-1 starb an der Krankheit – und Peter-2 ertrank im eiskalten Seewasser, als Walter ihn zu holen versuchte. Walter gibt Aaron Peters kleine Spielfigur – wie ich glaube, dieselbe, die Peter dem kranken Kind in Inner Child überreichte. Man kann sagen, dass Walters Austausch mit Aaron den Vater in ihm hervorbringt – und gleichzeitig darauf referiert, wie emotionale Verbindungen zu einer Art Symbiose führen: Sie erzeugen das Empfinden eines Ganzen, das keines mehr ist, dem etwas fehlt und das die fehlenden Teile schmerzlich vermisst, die es seiner Ganzheit für immer berauben. Walter kann zwar die Verbindung zwischen Aaron und Gus trennen, nicht aber die zwischen ihm selbst und Peter.

Wie sich herausstellt, steht Walter damit nicht allein. Wie Olivia in Lysergic Acid Diethylamide den Mr. X aus ihrem Traum malte, ohne zu wissen, wer er war, geschieht es jetzt auch mit Peter… Ebenso zeichnete Aaron die Strukturen des Pilzes, ohne es zu wissen: unbewusst mimetisch. „Do you like to draw?“, fragte ihn Olivia, nachdem er zur Fringe Division gebracht worden war. „Me too.“

Falls auch auf der anderen Seite solche Träume oder Visionen von Peter existieren – bei Walternate und Fauxlivia -, hieße das dann, dass sie mit vereinten Kräften eine Brücke bauen sollten, über die Peter nach Hause kommen kann? Aber wo wird dieses Zuhause sein? In welcher Variante wird Peter die Welt vorfinden, falls er wieder auftaucht? Zwar kommt die Episode mit diesen vielen Fragen nicht weiter, und Welt-2 bleibt außen vor – aber Fringe hat eine Verbindung zum limbischen System seiner Fans etabliert, die die Serie zur Herzensangelegenheit macht und gelegentliche Unzulänglichkeiten nichtig erscheinen lässt…

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