Fringe: And Those We’ve Left Behind (4×06)

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„He is a Fringe event“, sagt Broyles über Peter (Joshua Jackson) am Beginn dieser Episode. Aber wie soll man Menschen klar machen, was sie vermissen, wenn sie gar nicht “nach Hause” wollen zu sich? Denn warum sollten sie es wollen? Vermissen sie wirklich etwas? Ist Peters “Fehl-am-Platz-Sein” direkt mit dem Fehlen verknüpft, das man bisher durch das Anderssein des Ohne-Peter-Universums geschaffen hat? Oder vermissen einfach wir Zuschauer die “alte” Fringe-Welt, oder besser gesagt die “alte” Fringe-Erzählung und ihre Figuren?

Denn Fringe bildet, wie wir schon letzte Woche besprachen, eine Verbindung zwischen dieser fiktionalen Welt und unserer realen, da wir Zuschauer die Figuren so vermissen, wie sie waren. Allem voran vermissen wir die emotionalen Bindungen zwischen ihnen, die Beziehungen. So führt uns die Serie erneut an einen Punkt, wo Zeit und Raum dem Herzen im Wege stehen. Mit Hilfe der Geschichte um Raymond und Kate verdeutlich Fringe dieses Gefühl. Wenn das Physische bzw. auch Physikalische dem Seelischen im Weg steht, darf man dann Verschiebungen, Änderungen vornehmen?

Natürlich erinnert man sich als Fringe-Zuschauer sofort an White Tulip, denn diese Episode ist mehr oder weniger zu einem Fringe-Manifest geworden, zur Seele der Serie. Es wird erzählt von Verbindungen zwischen Menschen, davon, wie sehr man miteinander verbunden ist, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. Es geht nicht so sehr um moralische Fragen, sondern um tragische Feststellungen: darum, dass wir Verbindungen übersehen, übersehen müssen, damit Ketten von Ursachen und Wirkungen entstehen und alles vorantreiben. So übersehen wir auch unsere Beteiligung daran, die Spur, die wir selbst hinterlassen.

Peters Situation lässt uns umgekehrt fragen, was geschieht, wenn eine Spur auftaucht, die nicht da sein dürfte. Wenn die Erinnerung an Verbindungen, an Beziehungen abhanden gekommen ist, dann werden auch die Beziehungen selbst ausgelöscht.

Nur: Wenn etwas nie geschehen ist, dann kann es keine Erinnerung daran geben! Das Tragische an diesem Fehlen ist, wie in Raymonds und Kates Fall, dass die Ereignisse nur einseitig ausgelöscht sind, genauso wie in der Konstellation “Peter – alle Anderen”. Wenn man so will, ist die Situation spiegelverkehrt: Kate hat als einzige “vergessen”, während sich Peter als einziger “erinnert”. Die Ereignisse dieser Episode dienen Peter als Beweis dafür, dass er nach Hause muss, dass er tatsächlich ein Fringe-Event ist: fehl am Platz, verfangen in einer anderen Zeit. Genauso wie wir Fringe “so wie früher” haben wollen, will auch Peter alle so haben, wie sie waren.

Jeder will nach Hause, so wie Dorothy nach Kansas will. „Snails! Nautilus shells. Ram’s horns. These all have one thing in common. Fibonacci’s Golden Spiral“, lautet Walters (John Noble) Lösung, als das Fringe-Team zusammen mit Peter die Zeitsprünge zwischen dem Jetzt und dem Damals vor genau vier Jahren vergeblich an Peters Erscheinen festzumachen versucht. Übrigens: Im Zauberer von Oz nimmt Dorothy die „Yellow Brick Road“ nach Hause, die einer goldenen Spirale gleicht – wie der, die Walter zeichnet. Ist diese Episode der erste Schritt? Vielleicht.

Auf jeden Fall ist sie ein weiterer faszinierender Schritt der Serie, der uns etwas über Zeit lehrt. Nicht nur darüber, wie schnell sie verläuft, oder über ihre physikalischen Aspekte, sondern darüber – wenn es auch melodramatisch klingt -, was Zeit über-dauert. Peter und Oliva (Anna Torv) liegen im Park. Während Walter fröhlich auf der Kinderschaukel schaukelt, tauschen sie Liebkosungen aus. Plötzlich ändert sich Olivias Laune. Sie verwandelt sich von der Olivia, die wir kannten, in die “neue” Olivia. Auf Peters Frage, was nicht in Ordnung sei, antwortet sie, dass er das Nicht-in-Ordnung sei, das Problem.

Danach wacht Peter plötzlich auf im kühlen Halbdunkel von Blau und Schwarz, und ein Lichtstreifen kommt herein in seinen Raum bei MD: Olivia kommt ihn besuchen. Zunächst sehen wir nur ihren Schatten an der Wand neben Peter. Diese Szene ist für mich visuell direkt mit derjenigen verbunden, die wir im Previously On sahen, nämlich als die schlafende Olivia von einem hellen Licht geweckt wird, das Peters Auftauchen signalisiert. Die gegenwärtige Olivia ist der Schatten derjenigen, die Peter kannte. Und wenn auch Licht auf sie geworfen wird: Sie wird ein Schatten bleiben oder ganz verschwinden.

Ein schönes visuelles Spiel, das spiralförmige Gedankengänge verursacht. Diese Episode ist gefüllt mit den typischen Fringe-Spielchen, angefangen mit den 47 Minuten (Alias und Rambaldi lassen grüssen!), die Raymond (Stephen Root) für seine “Zeitkammer” mit Kate (gespielt von Roots tatsächlicher Ehefrau Romy Rosemont) gewinnt, über die Referenz auf das “Burlap Bear”-Buch bis hin zu Styx’ “Too Much Time on My Hands”, das Walter im Labor hört. Wo war Peter? Ist er “zeitlos” gewesen?

Oder befand er sich in einer Art Zeitkammer, wie Raymond und Kate? Raymond versucht, eine eigene Zeit zu erzeugen, eine Zeit, in der Kate so bei ihm ist wie vor der Alzheimererkrankung – abgeschirmt von dem Raum und der Zeit, wo als Ergebnis Andere sterben werden. Kate sagt ihm, dass die Maschine, an der sie damals arbeitete, nie gebaut werden, dass Manches Theorie bleiben solle wegen der möglichen Konsequenzen. Hätte auch die „Doomsday Machine“ Theorie bleiben sollen? „You can’t go back“, sagt Kate zu Raymond.

Dasselbe gilt für Peter: Er muss nicht buchstäblich zurück; keine der Figuren kann zurückkeren zu dem Zustand, in dem sie ihn geliebt haben. Aber die Verbindung existiert auch physikalisch: Raymonds Maschine begann zu funktionieren, und zwar genau mit Peters Eintritt. Peter wiederum erinnert sich selbst nicht daran und kann sich nicht erklären, warum er sowohl Olivia als auch Walter vor seinem Auftritt erschien. Auch Peter wird nun von Zeitsprüngen betroffen, was zu ein paar amüsanten Szenen führt und zu Peters Reaktion darauf: „This is gonna start getting annoying.“ Neben dem Humorvollen steht seine Reaktion als Exempel dafür, wie er diese veränderte Welt aufnimmt: Er geht gefühlvoll mit den anderen um, hat Verständnis für Walter und sagt kein Wort darüber zu Olivia, was sie in seiner Zeit für ihn bedeutet hat, obwohl sie in dieser Episode selbst das Thema anspricht.

Peter erscheint als eine Art Emotionsführer. Wir sind Peters Blick, er löst Emotionen aus, um eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Ohne Peter sahen wir zwar Veränderungen in der Fringe-Welt, aber ohne Bezugspunkt, da Peter nicht existierte; wir registrierten sie lediglich auf der Basis unserer Kenntnis der Welt von vorher, nicht wegen fehlender Emotionen. Jetzt, mit Peter, erinnern sich nicht die Figuren, sondern wir als Zuschauer an die emotionalen Bindungen. Joshua Jackson leistet Großartiges in dieser Episode. Peters Reaktionen und der entspannte Umgang mit der veränderten Welt führen dazu, dass wir sie empfinden wie zum ersten Mal. Er leitet diese Gefühle, die er nicht an Ort und Stelle zeigt, weiter an uns Zuschauer.

„He can’t even look at me“, sagt er, als Walter sich weigert, anders mit ihm umzugehen als wie mit einem „subject“. Die emotionsgeladene Atmosphäre, den Schmerz des Verlusts kreiert die Serie hier mit Hilfe von Peters stiller Gelassenheit – und mit Hilfe des Falls der Woche, mit den visuellen Eingriffen: Wohnungsbrand, Tunnel, Kates mit Schwarz gelöschte Notizen usw. Dies alles zeigt, was Peter fühlen muss und wie schwer es wiederum allen Beteiligten fallen muss, das nachzuvollziehen. „I hope you get back to her“, sagt Olivia ihm am Ende. Wir auch…

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