Fringe: Brown Betty (2×20)

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Die Leser mögen mir bitte verzeihen, wenn es in diesem Text hin und her geht: aber Brown Betty kann eine Geschichte in jede mögliche Richtung führen und ziemlich heftigen Einfluss auf die Sinne nehmen, was wiederum Zeit und Raum verschmelzen lässt. Entweder man mag Brown Betty oder nicht. (Ich beziehe mich ausschließlich auf die Episode und nicht auf andere Vorlieben.) Brown Betty wurde als Musical angekündigt, aber die Episode wärmt nicht nur die Herzen der Musikliebhaber. Ganz allgemein! Sie bietet kein Spezialprogramm für Musical-, Film Noir- oder Possible-Worlds-Fans, sondern sie ist schlicht und einfach was fürs Herz.

Ich weiß, es klingt melodramatisch – die Episode ist es auch. Ein bisschen. Mir gefiel sie. Einverstanden: mit unserem Paralleluniversenkrieg kamen wir nicht weiter; trotzdem würde ich Brown Betty nicht als eine Füll-Episode sehen, die die Mythologie-Handlung wie der übliche „Fall der Woche“ aufschiebt und verzögert. Da Fringe in der zweiten Hälfte dieser Staffel immer tiefer und tiefer nicht nur in die Mythologie, sondern auch in die Beziehungen zwischen den Figuren hinein leuchtet, ist es an diesem Punkt durchaus angemessen, sich Zeit zu nehmen und auf eine interessante, audiovisuell stylische, Art und Weise (Dank an Regisseur Seith Mann – The Wire, Friday Night Lights, Sons of Anarchy) zu erzählen, wo alle zur Zeit stehen.

Und so sehr aus dem Kontext ist diese Episode nicht herausgerissen, dass sie „bloß“ Spaß machen würde. Brown Betty betont – wenn auch schwermütig und somit einem gewissen Noir-Feeling entsprechend –, wie wichtig Peter (Joshua Jackson) ist: nicht nur für seinen Vater, sondern auch für den Showdown, wie, wo und wann auch immer der stattfinden wird. Außerdem wird Olivias (Anna Torv) ungelöster innerer Konflikt verbildlicht und treibt ihr Unbewusstes (das Walter, wie wir sehen, gut zu kennen scheint – kein Wunder nach so vielen Experimenten…) an die Oberfläche: ihre Ängste und Wünsche. „For once I can touch what my heart used to dream of“, heißt es in Stevie Wonders „For Once In My Life“, das Olivia in Walters (John Noble) Geschichte singt. For the Record (und die Musikfans): Walter singt Tears For Fears’ „Head Over Heels“, Broyles Traffics „Low Spark Of High-Heeled Boys“”, Astrid (in Walters Kopf: Esther) singt „I Hope I Get It“ aus A Chorus Line und die Leichen in Walters Labor „Candy Man“.

Geschickt erzählen die Episodenmacher hier nicht nur die Vater-Sohn-Geschichte zwischen Walter und Peter, sondern im Grunde genommen alles. Walters Noir-Story ist weder ein Wunschgedanke noch eine Dokumentation. Sie filtert gleichsam die Beziehungskonflikte und ihre möglichen Lösungen heraus. Man kann sogar sagen, dass diese Episode einer Besprechung zwischen den Fringe-Produzenten (Walter) und den Zuschauern (Olivias Nichte Ella, der Walter die Story erzählt) gleicht:
Diskutiert werden mögliche Auswege und damit ein möglicher Gefühlsausgleich. Ob es manchen Zuschauer gefällt oder nicht: Fringe ist zur Herzensangelegenheit geworden, in welchem Sinne auch immer man es verstehen will. Zu Ende gedacht: Die Serie beleuchtet sogar das Unbewusste ihrer Produzenten – deren Angst nämlich, ihren Zuschauern die Herzen zu brechen, die sie ihnen (hoffentlich) schon gestohlen haben. Denn diese Herzen sind zerbrechlich, aus Glas, und man muss behutsam mit ihnen umgehen. Glas ist nicht immer durchsichtig, so dass man die Wünsche nicht unbedingt direkt ablesen kann. Soll es ein Happy End geben? Im Land der gestohlenen Kinderträume?

Denn Walter wirft sich in seiner Geschichte vor, mit seinen Erfindungen mehr Leid als Gutes verursacht zu haben – in unserer Welt und in einer anderen. Hiermit begibt sich Fringe auf einen alten Pfad, den schon großartige Autoren, wie zum Beispiel Stanislaw Lem, beschritten haben: den Pfad der vielen Fragen über Ethik und Technik, über Menschen und Maschinen, über Gut und Böse… Trotzdem darf über allen pop-philosophischen Abweichungen nicht vergessen werden, wie viel Entertainment Fringe anhand von kleinen Details den Fans immer wieder bietet: Die Operation-Referenz (das Spiel Operation, das Walter mit Ella spielt, ist gemeint) in der Peter-Olivia-Szene; Nina Sharps Parkplatz mit der Nummer 47 und die 147 Kinder, deren Träume Walter gestohlen hat; das Plakat des fiktionalen Films „The Glass Man“ im Zimmer der fiktionalen Rachel; Olivias Veronica Lake Look und ihre Erzählung über das gebrochene Herz, während sie ein Foto von Mark Valley in der Hand hält, von dem sich Anna Torv im wirklichen Leben gerade getrennt hat (in Fringe spielte er John Scott)– all das gibt dieser Episode mehr Gewicht.

Am Ende jedoch bleibt eine Frage unbeantwortet: Wo ist Peter?
Somewhere over the rainbow?!

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