Fringe: Do Shapeshifters Dream of Electric Sheep? (3×04)

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Am Ende dieser Episode sitzt man mit gemischten Gefühlen da. Warum? Nicht etwa weil Do Shapeshifters Dream of Electric Sheep? schlecht gewesen wäre, sondern weil diese brillante dritte Fringe-Staffel von FOX für zwei Wochen in die Pause geschickt wird! Es ist, als würde einem der Philip K. Dicks Roman “Do Androids Dream of Electric Sheep?” nach vier Kapiteln weggenommen – oder als würde der Film „Blade Runner“ nach dreißig Minuten unterbrochen. Aber Geschäft ist Geschäft – und während der World Series-Übertragungen kann FOX höchstens Shapeshifter durchs Live-Bild laufen lassen.

Apropos fiktionale Figuren in Live-Übertragungen: Diese Idee bringt mich zu einer Frage. Wo bleiben die Observer? Bislang haben mich die Ereignisse der neuen Staffel derartig gefesselt, dass ich ganz vergessen habe, nach ihnen Ausschau zu halten. Falls ihr welche gesehen habt, dann würde ich mich über einen Hinweis freuen – denn ich habe das dumpfe Gefühl, dass sie noch eine gravierende Rolle spielen werden!

Zurück zu dieser mit Sci-Fi-Philosophie und Fringe-Herz angefüllten Episode. Obwohl es ziemlich reizvoll erscheint, werde ich mich davor hüten, mit diesem Review die Fringe-Grenzen zu verlassen und mich in Meta-Territorien zu begeben: „Blade Runner“, Philip K. Dick, Stanislaw Lem, Isaac Asimov… Vielleicht mal in einem Sonder-Artikel des Titels “Ist Don Draper ein Shapeshifter?”

Wenn man eine neue Identität annimmt: wie viel bleibt von der alten erhalten, wie viel wird von der neuen übernommen? Wenn man fremde Erinnerungen übernimmt – übernimmt man dann gleichzeitig auch die fremden Gefühle, den verschachtelten emotionalen Kontext des anderen Individuums, seine kognitiven Fähigkeiten? Bei den Shapeshiftern scheint das der Fall zu sein, wie wir in dieser Episode erfahren: Das macht sie besser in ihrem Job, setzt sie aber mit der Zeit der Gefahr aus, dass das Herz den Verstand davon überzeugt, tatsächlich ein anderer zu sein.

Thomas Jerome Newton aka Omega Head sucht einen gewissen Ray auf, der gerade das Abendessen mit seiner Familie genießt. Ray ist wie Newton Shapeshifter, aber seit fünf Jahren nicht mehr aktiviert worden. Jetzt erhält er von Newton den Befehl, sich zu verwandeln, seine Familie zu beseitigen, bei Massive Dynamic einzubrechen und etwas Wichtiges zu holen. Es handelt sich um einen Speicher-Chip im toten Senator James Van Horn, der bei einem Autounfall ums Leben kam – und auch ein Shapeshifter war.

Direkt nach dem Unfall versucht Newton, den noch lebenden Senator aus dem Krankenhaus zu entführen, aber das misslingt ihm. Er tötet Van Horn. Fauxlivia (oder Bolivia – wie ihr wollt!) ist nicht unbedingt zufrieden mit Newton, aber er auch nicht mit ihr: Newton teilt ihr mit, dass der Senator über jede Operation Bescheid wusste; er äußert Bedenken an Fauxlivias (Anna Torv) Fähigkeit, ihren Auftrag erfolgreich durchzuführen, und warnt sie vor den Emotionen, die sogar Shapeshifter vom “richtigen” Pfad abzubringen scheinen.

Das demonstriert uns die Szene zwischen Ray und seinem Sohn, der sich im Dunkeln vor Monstern fürchtet. „Sometimes monsters aren’t all that bad“, sagt Ray zu ihm – diese Selbstreflexionen erinnern durchaus an die letzten Szenen aus „Blade Runner“! Ray erledigt den Job: ohne seine Familie zu töten und ohne sich zu verwandeln. Dafür bekommt er von Newton eine Kugel zwischen den Augen.

Man sollte Newton für einen Gegenpol zu Ray halten: unberührt von seinem langen Aufenthalt “diesseits”. Aber seine Unterhaltungen mit Bolivia in dieser Episode und sein mehr oder weniger freiwilliger Abschied lässt mich überlegen, ob dies nicht Newtons Art ist zu rebellieren. Er weiß, dass Bolivia auf sich allein gestellt sein wird, falls er geht – und noch empfänglicher für die Gefahren, vor welchen er sie selbst gewarnt hat. Bevor Newton am Ende im Gefängnis den Selbstmord-Chip an sich nimmt, sagt er beinahe genussvoll ihr Versagen voraus…

Ein zweischneidiges Schwert: Bolivia versucht, Peter (Joshua Jackson) emotional an sich zu binden – um vor ihm zu verbergen, dass sie eine andere ist. Gleichzeitig läuft sie dadurch Gefahr, tatsächlich eine andere zu werden! „I’m sorry I didn’t know you were gone“, sagt Van Hornes Frau zu ihrem Nicht-Mann, der in Walters High-Tech-Massive-Dynamic-Labor liegt. Wie viel von ihm war tatsächlich gegangen – und wie viel ist geblieben? Wie viel hat sich sogar zum Positiven verändert, so dass man den Unterschied gar nicht als “monströs” empfand? Auch Fauxlivia bekommt von Peter zu hören, dass sie sich zum Positiven hin verändert habe.

Walter will Patricia Van Hornes Hilfe, um das Gehirn des toten Shapeshifters zu stimulieren. Über die Emotionen hofft er an Informationen aus dessen Erinnerungen zu gelangen. Walters (John Noble) Beschäftigung mit dem Gehirn in dieser Episode – sei es durch seinen LSD-gesteuerten Vortrag in Massive Dynamic über die Wunder des menschlichen Gehirns, seien es die Stimulationen von Van Hornes Gehirn – stehen in enger Verbindung mit Newton: Die Kartographie von Van Hornes Erinnerungen, die Walter zu erstellen versucht, erinnert an Newtons Versuch aus der Episode Grey Matters, als er dasselbe mit Walter tat. Es sind die fehlenden Teile aus Walters Gehirn, die ihn davor bewahren, ein Monster zu sein – eines von denen, die Rays Sohn unter seinem Bett fürchtet.

Die Episode endet mit einem Close-Up von Newtons Kopf und der grauen Quecksilber-Gehirnmasse, die nach seinem Tod ausläuft. Wessen Identität ist in ihr gelöst? Newton aka Thomas Jerome? Newton aka Omega Head ? Niemandes Ich mehr?

Diese Episode stellt die umgekehrte Frage: Do Electric Sheep Dream of Shapeshifters?


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