Fringe: Everything In Its Right Place (4×17)

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Wie kommt man aus einem Labyrinth hinaus – bzw. findet in sein Zentrum? Vor ein paar Jahren erklärte Tim McManus, eine prominente Figur aus HBOs Drama-Serie Oz, dass man sich nur mit einer Hand an der Wand entlangtasten müsse, um irgendwann ins Freie zu kommen. Was aber, wenn ein Labyrinth keine Wände hat – so wie “The Maze”, das McManus auf den Boden des Gefängnisses malte? Oder wie dasjenige, das an einem gewissen Armband zu sehen ist, welches Lincolns durch die Shapeshifter getötetem Partner gehörte? Woran soll man sich halten, wenn sich der Irrweg im eigenen Kopf, gar im eigenen Herzen befindet? Eigentlich sind solche Labyrinthe dazu gedacht, meditative Wirkung zu entfalten; sie sollen dabei helfen, zu einer Antwort oder überhaupt  zu sich selbst zu finden. Keeps you from floating away, wie Lincoln es ausdrückt. Oft liegt das Problem gar nicht in der konkreten Frage, vor der man steht – und erst recht nicht in der Gefahr, keine zufrieden stellende Antwort zu finden. Nein, das Problem liegt dazwischen. Es besteht darin, davonzuschwimmen, sich treiben zu lassen: Wenn das geschieht, beraubt man sich selbst der Möglichkeit, Land zu finden, aufs Trockene zu kommen, Wurzeln zu fassen.

Das Zuhause – das Herz: Fringe hat uns gelehrt, dass diese beiden nicht nur als Worte, sondern auch als Inhalte äußerst fragil sind, aber zugleich die einzigen verlässlichen Wände im Labyrinth unseres Daseins darstellen. So dass man vom Herzen zum Zuhause gelangen kann, indem man beides verbindet – indem man etwa ein Blatt Papier mit zwei Punkten (warum nicht einem roten und einem blauen?) so an den Rändern zusammenfaltet, dass die Punkte zusammenfallen. Dabei entsteht nicht unbedingt etwas Neues, sondern es kommt etwas zusammen, was sowieso zusammen gehört hat. Wie findet man aber heraus, wohin man gehört – oder zu wem? Nachdem Olivia (Anna Torv), Peter (Joshua Jackson), Astrid, Walter (John Noble) und Jean (die Walter und Peter mit FBI-Cap und -Überwurf zum Ausgang vorbereiten, um sie von ihrer angeblichen Depression zu befreien) als perfekte Familie zusammengefunden hatten, merkte man schon in der letzten Episode, dass Lincoln Lee außen vor steht, dass er nicht richtig dazu gehört bzw. dazugehören kann: Es gibt keinen Platz mehr für ihn. Der Wunsch der Fringe-Fans, mehr von Lincoln zu sehen, wird mit dieser neuen Episode erhört, indem man die in der letzten Episode eingefädelte Handlung weiterführt. Lincoln fühlt sich nicht am richtigen Platz, nicht gebraucht, nicht vermisst. Er überzeugt Broyles, an Astrids Statt ihn nach drüben gehen und mit dem “roten” Fringe-Team zusammenarbeiten zu lassen. Man sieht und fühlt buchstäblich, wie sich Lincoln im Labyrinth voranbewegt, Kurve für Kurve. Als er mit Fauxlivia Details des Falles besprechen will, meldet sich “der Fall” selbst: Mehrere Kriminelle wurden in letzter Zeit von einem Unbekannten getötet, und mit Hilfe ‚unseres‘ Lincoln gelangt das Team – trotz Rot-Broyles‘ Bemühungen, es zu vertuschen – zu der erschreckenden Enthüllung, dass es sich bei dem Mörder um einen Shapeshifter handelt. Die Verfolgungsjagd beginnt – und man kann wirklich behaupten, dass Welt-2 immer für Actionsequenzen gut ist! Während in Welt-1 mehr nachgedacht wird, wird in Welt-2 mehr gehandelt. Alles verläuft schneller. Natürlich wissen wir, dass auch andere Unterschiede existieren, wie zum Beispiel die Superhelden-Figur Mantis anstatt Batman. Allen Unterschieden zum Trotz jedoch können Welten zusammengehören, ohne einander zu überlappen oder gar auszuradieren. Rot und Blau können zusammentreffen und, wie die Farbe Lila, etwas Neues entstehen lassen – neue Partnerschaften, neue Zeiten, neue Wände im Labyrinth jedes Einzelnen. Herz-Wände: erinnert ihr euch noch an Paul Celans Gedicht, über das wir bezüglich Fringe schon einmal sprachen?

Denn – und hier visiere ich Lincoln an – man kann eine neue Wand finden, wo man bisher eine vermisst hat. Wenn wir auf das metaphorische Blatt mit dem roten und dem blauen Punkt vom Anfang des Artikels zurückkommen wollen, dann können wir behaupten, dass die Brücke, die die Welten zueinander aufgebaut haben, ein solches Zusammenfalten darstellt – denn tatsächlich: „Our world is healing“, sagt Walternate auf dem Bildschirm in Fauxlivias Auto; mehr und mehr mit Amber versiegelte Areale in Welt-2 können wieder geöffnet werden. Für die Menschen hier sind die Agenten aus Welt-1 Helden, während sie in der eigenen Welt mehr oder weniger heimlich, beinahe unsichtbar existieren. Vor solche Unsichtbarkeit sah sich auch ein gewisser Canaan gestellt, der jetzt als Shapeshifter herumgeistert und auf die Erfüllung von Jones‘ Versprechen wartet, ihn wieder “heil” zu machen. Canaan: Kaum vorstellbar, dass Fringe diesen Namen zufällig gewählt hätte. Viel zu dicht liegen in ihm – historisch-biblisch sowie etymologisch – Sehnsucht nach dem Gelobten Land (dem Zuhause!), Niedergeschlagenheit sowie die Farbe Lila – Rot und Blau – beieinander… Nachdem das Fringe-Team Canaan verhaftet hat, erzählt er Lee-1 von dem Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht aus dem Labyrinth herauszukommen, kein Zuhause zu finden. An diesem Punkt kehrt Fringe zurück zu der Frage, ob es nicht die kleinen Entscheidungen sind, die kleinen Schritte, die uns definieren und gleichzeitig voneinander unterscheiden. Das mehrmals wieder aufgenommene Gespräch zwischen den beiden Lees darüber, wie gleich ihr Leben verlief und wie unterschiedlich sie dennoch geworden sind – teilweise mit Fauxlivias Hilfe amüsant in Szene gesetzt -, unterstützt diese Fragestellung. Die Lincolns können ihr Gespräch nicht zu Ende führen, denn auf Broyles-2s Befehl versucht ein Scharfschütze, den Shapeshifter zu töten. Er trifft Lee-2 – tödlich, wie sich später herausstellt.  Ein hoher Preis dafür, an Nina heranzukommen? Denn mit Canaans Hilfe wird ihr Standort entdeckt: ironischerweise Fort Lee, New Jersey, wo sie denn auch verhaftet wird. Lincoln und Fauxlivia finden viel versprechende Beweise für und Spuren zu Jones’ Gesamtoperation, als die Nachricht von Rot-Lees Tod eintrifft.

Dieses Ereignis scheint für unseren Lincoln die letzte Biegung des Labyrinths zu sein, die ihn nach Hause bringt. Am Ende geht er zu Fauxlivia und bietet seine Unterstützung an, was auch und gerade bedeutet: seine Anwesenheit in Welt-2. Beide haben durch die Shapeshifter-Story einen Partner verloren. Können sie jetzt Partner sein? Ja. Vielleicht hat es das Fringe-Universum, das auf so faszinierende Art (erzählerische) Logik mit den Regungen des Herzens verbindet, so “vorgesehen”? Jede/r muss die Wand für sich finden, auch wenn sie sich auf einer Seite befindet, wo man sie nicht vermutet hätte. Es ist die Wand, die verbindet, anstatt zu trennen, die Wand des eigenen Herzens… Nur folgerichtig also, dass Olivia zu Beginn der Episode Lincoln das Labyrinth-Armband zurückgab: Sie braucht es nicht mehr, sie hat ihr Zuhause gefunden. Innerhalb derselben Logik kann Lincoln es am Ende der Episode an Canaan weitergeben, mit dem er die Seiten tauscht: Everyone in his/her right place…

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12 responses »

  1. Was ich immernoch nicht ganz verstehe: Broyles-2 ist doch tot, wie kommt er jetzt wieder in Welt 2 vor!? Irgendwie scheint immer ein kleines Puzzleteil zu fehlen – kannst Du aufklaeren? ,0)

  2. Danke, Vlado, dass es hier das “richtige” Review zu lesen gibt, während sich der SJ-Kollege lang und breit über Nicht-Batman auslässt… 😉

    Und vielen Dank auch für die Anmerkung mit dem Herzen, das bei Fringe eine große Bedeutung hat. Unter diesem Blickwinkel habe ich die Sache noch gar nicht betrachtet und nun freunde ich mich mehr und mehr mit dem Gedanken an, dass das Universum tatsächlich für ein Happy End für Lincoln und Fauxlivia sorgen möchte.

  3. Danke Vlad. Das Review ist wie 1000 zu 1. Dein “Nachfolger” scheint sich in Fringe nicht so sehr zurecht zufinden. Daher ist es immer noch schön deine Reviews zu bekommmen und zu lesen 🙂

  4. Danke Vlado….das ist eine Review wie man sie bei/für Fringe erwartet. Dein Nachfolger bei SJ hat einfach nicht das Feeling dafür. Diese Review ist nicht unbedingt schlecht aber auf dem Niveau einer Folge CSI Miami. Ich fande diese kleine Info über Mantis/Batman ja ganz interessant, diesbezüglich aber eine ganze Interpretation zu geben, ist doch etwas übertrieben. Es wird absatzweise über Batman philosophiert, aber die Logik und Geschichte hinter Fringe komplett aus dem Fokus genommen. Die “roten” und “blauen” Vergleiche sind immer die Highlights.
    Ich bin froh, dass du hier in deinem eigenen Blog weitermachst.

    An der Stelle gleich eine Frage. Gibst du auch noch zu Supernatural Reviews? Ich weiß, die Woche kam nur eine Wiederholung, aber das wäre richtig genial. Supernatural ist gleich nach Fringe und Bones eine meiner Lieblingsserien.

  5. Danke für das hochwertige Review!
    Was ich interessant finde, ist, dass Olivia dadurch “nach Hause” gekommen ist, indem sie ihr “altes” Leben aufgegeben hat und – aus der Sicht der Anderen – sich hat davontreiben lassen. Also genau das, was du hier als Gefahr bezeichnet hast. Und Lincoln macht in dieser Folge das Gegenteil. Somit zeigt uns Fringe mal wieder, dass so viele (vielleicht sogar alle?) Wege uns früher oder später nach Hause führen.

  6. @patze – ich würde gern die Staffel mit weiteren Artikeln zu den Episoden beenden 🙂 Wird alles nachgereicht.
    @alle – freut mich, dass euch die Texte gefallen und dass ihr hier seid 🙂

  7. Ich bin zwar keiner der zu allem und jedem einen Kommentar verfasst, also eher der Stille genießer deiner Reviews Vlad, aber auch ich möchte jetzt einmal danke sagen dafür das du deine Reviews hier weiterhin schreibst. Die gehören für mich einfach zu einer Fringe Folge dazu, und ich freue mich jedesmal aufs neue wenn das Review dann online ist und du uns Sachen erklärst die mir in der Folge selbst meist nichteinmal richtig auffallen.
    Deine Reviews und auch dieses hier ist wiedereinmal Top!
    Ich hab mir auch das neue Review auf SJ gelesen und muss sagen das war definitiv das letzte Fringe Review was ich mir dort angeschaut habe.
    Also nochmal ein großes Danke schön an dich.

  8. Ich finde es sehr beeindruckend wie deine Reviews es schaffen, eine Folge Fringe noch einmal in einem völlig anderen Licht erscheinen zu lassen und einen zum Nachdenken anregen. Viele Dinge, die man beim Sehen der Folge nur am Rande mitbekommt, die aber in Wirklichkeit eine große Rolle spielen (wie z.B. Lincolns Anhänger in dieser Folge oder auf die Episodentitel), nimmt man erst wirklich in ihrer vollen Beudeung wahr nachdem man sich dein Review durchgelesen hat. Fringe hat so viel mehr zu bieten als das, was man auf den ersten Blick sieht. Danke dafür, dass du das so schön hervorzuheben und zu erklären weißt!

  9. Aha, da hat sich das Herumklicken doch gelohnt, das war wieder lesenswert!

    Ich gestehe, ich finde Deine Fringe-Reviews manchmal etwas überfrachtet, und eine philosophische Drehung weniger würde sie noch präziser werden lassen.

    Trotzdem freue ich mich, Deinen Blog gefunden zu haben, denn Du bist ein kluger Beobachter. Deine Texte sind immer eine tolle Ergänzung der eigenen Wahrnehmung einer Fringe-Folge.

    Also auch von mir vielen Dank fürs Weiterschreiben!

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