Fringe: Forced Perspective (4×10)

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Im typischen Fringe-Stil wechselt mit Forced Perspective der Fokus von Peter (Joshua Jackson) zu Olivia (Anna Torv). Die (Selbst-)Ironie im Titel ist genauso offensichtlich wie die Verbindung zwischen Septembers Aussage und dem Fall der Woche um das Mädchen Emily (Alexis Raich), die tödliche Ereignisse in der Zukunft vorhersehen und Standbilder davon zeichnen kann, kurz bevor sie eintreten.

Nachdem uns in den letzten Wochen vorwiegend das Ereignis Peter in der “neuen” Fringe-Welt beschäftigte, konzentriert sich die neue Episode auf Olivia und darauf, was ihr Kopfschmerzen bereitet: ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, ihre Kindheit und ihr zukünftiger Tod. Dazwischen, in der Gegenwart, bleibt nur der Schmerz der Gewissheit, dass etwas nicht stimmte, nicht stimmt und nicht stimmen wird: das Schicksal. Aber ist das zu ändern? Gegen diesen Schmerz helfen Olivias Medikamente nicht.

Septembers Aussage über ihre Zukunft wird umso grausamer, als ihr Peter mehr über die Observer mitteilt, die in dieser Welt der Fringe Division so gut wie unbekannt sind. Die Observer sind außerhalb wie die Fringe-Autoren, die als einzige den Überblick über die komplette Zeitlinie, gar die unterschiedlichen Zeitlinien haben. Observer empfinden Zeit als ein Ganzes und scheinen gleichzeitig in allen Zeiten zu existieren, erklärt Peter Olivia. Ergibt es dann überhaupt einen Sinn, gegen das Schicksal anzukämpfen, wenn dieser Kampf schon mit in die Zeiten eingeschrieben ist?

Wir Zuschauer jedoch wissen, dass die Observer letztendlich selbst die Geschichte verändert haben: ob man sie nun als Schicksal bezeichnen will oder nicht. Seitdem versuchen sie, einen Fehler zu korrigieren, der sich wider Erwarten doch nicht von allein korrigiert. Nach wie vor bleiben die Observer eine unbekannte Größe in der Fringe-Gleichung.

Sie sollen ihr objektives Gleichheitszeichen bilden, aber wir haben schon erlebt, dass auch die Observer gewisse Vorlieben, wenn nicht Gefühle entwickeln – und selbst hervorrufen; sowohl Oktober als auch September umgibt eine herbstliche Melancholie. In diesem Sinne würde Fringes Lektion lauten, dass die Gefühle, die wir empfinden, und die Beziehungen, die wir auf Grund dieser Gefühle eingehen, unser Schicksal ausmachen, das nicht verändert werden kann.

Wir sind zu Emotionen verdammt, ganz egal, ob Rationalität, Objektivität, physikalische Gesetze und Logik eingreifen oder nicht. Der Prozess verläuft umgekehrt als gedacht: Man versucht nicht, der Liebe wegen Gesetzmäßigkeiten los zu werden, sie zu ver-biegen, sondern diese versuchen sich gegen die Liebe durchzusetzen. Die FOX-Serie beweist wieder einmal, dass sie Differenz hauptsächlich als ein Verschieben des Blickwinkels versteht. Das Twin-Peaks-Motto “Die Eulen sind nicht das, was sie zu sein scheinen” zeugt bei Fringe nicht nur von Verschiebung bei der Beschaffenheit dieser Eulen, von wechselnden Identitäten, sondern vom Einnehmen eines bestimmten Blickwinkels seitens der Beobachter.

Das Objekt im Auge des Betrachters verändert sich, aber vielleicht nur wegen der eigenen veränderten Position. Wir erleben die Fringe-Welt verändert, da uns ein neuer Blickwinkel aufgezwungen wurde: eine Forced Perspective. Es geht auch darum, den Figuren Augenblicke zu geben, die sie in den anderen Fringe-Welten nicht hatten – seien es diejenigen zwischen Elizabeth und Walter (John Noble) aus der letzten Episode oder aber die Szene zwischen Olivia und Nina in dieser. Dabei wissen wir Zuschauer, dass Nina vermutlich auf der “bösen” Seite steht und für Olivias physische Kopfschmerzen verantwortlich ist. Nicht nur Olivias Kopf bereitet Probleme, sondern auch Emilys.

Laut Walters Erklärung und der Tatsache, dass die Zukunft in Fringe immer schon geschehen sein wird, vermag Emily kommende Ereignisse wie im Traum zu sehen und auf ihrem Skizzenblock festzuhalten. Was sie empfängt, sind die Vibrationen der Zukunft, ein Echo des traumatischen Kommenden, das in der Gegenwart nach- oder eher: vorhallt. Im Grunde verleiht Emily ihren subjektiven Produktionen = Projektionen, den Zeichnungen, einen objektiven Wert, den Wert eines Standbilds unausweichlicher Wahrheit.

Dank der Zusammenarbeit zwischen Peter, Walter und Olivia kann in einem Fall das Unvermeidliche doch verhindert werden. Die Zukunft tritt nicht so ein, wie Emily es angekündigt hat. Aber Emily selbst, die in ihrer Kindheit wie Olivia Massive Dynamics in die Hände geriet, kann vor ihrem eigenen Schicksal nicht davonlaufen. Kann es Olivia? Sie bringt den Attentäter davon ab, sich und alle um ihn herum in die Luft zu jagen. Olivia handelt in dem Glauben, sich dadurch ihrem eigenen angekündigten Schicksal zu widersetzen.

Im Gegensatz zu Peter, der immer schon bereit war, seinen Blickwinkel zu wechseln, wenn Hindernisse im Weg stehen, muss Olivia zu einem Perspektivwechsel gezwungen werden, zum Handeln: „Maybe they could say I love you to someone, or do one good thing.“ Vielleicht reicht das, um die Erschütterungen, die Vibrationen des Kommenden umzulenken?

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