Fringe: Immortality (3×13)

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„Do you, don’t you want me to love you?“ So lautet eine Zeile aus dem Beatles-Song “Helter Skelter”. Fringe macht mittlerweile eine Tugend daraus, intra- und intertextuell, visuell und narrativ so engmaschige Netze zu knüpfen, dass man als Zuschauer nur noch nach Luft schnappt. Im Gegensatz zum üblichen Gebrauch der Phrase ist das hier nicht negativ gemeint. Beim Schauen der FOX-Serie gerät man außer Atem bei dem Versuch, jeden Hinweis zu entdecken und einzuordnen! Da hilft nur mehrmaliges Sehen, für das mir oft die Zeit fehlt. Aber ich verlasse mich da auch auf euch, die Leser.

Bevor wir uns den Ereignissen in Immortality widmen, möchte ich an dieser Stelle ein großes Lob an euch Leser aussprechen: nicht nur wegen des zivilisierten Umgangs miteinander in den Kommentaren, sondern auch wegen der scharfsinnigen Beobachtungen. Was letzte Woche in meinem Review zu Concentrate and Ask Again fehlte, war die Erwähnung von Olivias (Anna Torv) erstaunlichen Schussfähigkeiten, die vermutlich aus der Behandlung mit “Fauxlivia-Essenz” drüben in der roten Welt resultieren.

Genauso wie es sich mit Peter und der Maschine verhält, verhält es sich mit anderen Subjekten. Es mag sein, dass wir es mit zweimal denselben Menschen zu tun haben – aber durch den unterschiedlichen Kontext und die unterschiedlichen Erfahrungen sind sie einander eben doch nicht gleich. Wenn man außerdem mit dem Leben des Anderen in Kontakt kommt, verändert man dieses – aber wird gleichzeitig selbst davon verändert. Fauxlivia sollte auf Peter einwirken, um ihr Ziel zu erreichen – aber zugleich wirkte auch Peter auf sie ein, so dass sie verändert zurück in ihre Welt kam. Mit Bildern aus dieser Welt und einem roten Vorspann kam Fringe am diesen Freitag zurück auf die Bildschirme.

A propos “rot”: Ich finde es sehr gut gelungen, den Bildern von “Drüben” eine rötliche Tönung zu verpassen. Auf dieselbe Art bearbeiten die Produzenten von Dexter das Bild. Man bekommt so das Gefühl, dass jede Farbe, die wir sehen, Rot enthält: Die Bilder sind wie von einem roten Schleier überzogen. Wir sehen eine glücklich lachende Fauxlivia, die ihren Freund Frank Stanton (Philip Winchester) wieder zu Hause willkommen heißt. Aber sie ist nicht dieselbe – und Frank scheint diesen Unterschied zu spüren.

Und schon wird das besagte Netz über uns geworfen: Die Fringe-Autoren benutzen die Zweisamkeit der beiden in Fauxlivias Wohnung nicht, um romantische Impulse hervorzurufen oder uns Anna Torv im BH zu zeigen, sondern um mit Hilfe visueller Mittel und Hinweise Ereignisse vorwegzunehmen, miteinander zu verknüpfen und ihre Erzählung fortzuführen.

Als Fauxlivia sich für die Arbeit anzieht, sehen wir, dass das Tattoo an ihrem Nacken noch immer fehlt. Außerdem sind in der Wohnung zwei Fotos von Stahlbrücken zu sehen sowie ein Gemälde mit einer glühenden Krähe und einem toten Baum. Es mag weit hergeholt klingen, aber es scheint so, als stünden diese kulturell-mythologischen Referenzen in Verbindung mit Themen wie Tod, (Wieder-)Geburt und Verbindung zu einer anderen Welt: mit mystisch-mythischen Visionen aus den Arbeiten Carlos Castanedas, dessen Bücher wir in der letzten Episode in William Bells Archiv zu sehen bekamen.

Die mythologischen Verwicklungen hören an diesem Punkt beileibe nicht auf, sie setzen sich vielmehr fort: im Fall der Woche, den die Fringe Division zu untersuchen hat. Im alten Ägypten waren die Skarabäus-Käfer heilige Insekten. Sie standen symbolisch für Befruchtung und Wiedergeburt. Dabei ist nicht die rein physische Wiedergeburt gemeint, sondern die seelische, das Weiterleben der Seele, des Geistes. Damit ist natürlich das Thema der Unsterblichkeit eröffnet, das in dieser Episode Dr. Anton Silva (Alon Aboutboul) umtreibt.

Der Wissenschaftler, der vor Jahren an einem Impfstoff mit Hilfe von Experimenten an einer bestimmten Käfersorte arbeitete, setzt seine Arbeit fort. Er will, dass sein Name in die Geschichtsbücher eingeht, so dass er gleichsam unsterblich wird. Dass als Versuchsobjekte nun Menschen herhalten müssen – die ursprünglichen Wirte der Parasiten, Schafe, sind in Welt-2 seit Jahren ausgestorben -, nimmt Silva in Kauf. Menschen teilen gewisse Prozentzahl ihrer DNA mit Schafen, nur sie kommen also als alternative Wirte für die Käfer in Betracht – die sie dann von innen auffressen, um aus ihnen herauszukommen. Das führt natürlich zu extremen Bildern, mit welchen Lincoln (seit Broyles’ Verschwinden Leiter der Fringe Division) und sein Team umgehen müssen.

Man nennt die Käfer „skelter beetles“; ihr wissenschaftlicher Name lautet „Mansohnium Boogliosus“, was zunächst als schwarzhumorige Referenz auf den Massenmörder Charles Manson und auf den Beatles-Song “Helter Skelter” erscheint. “Drunter und drüber”, “Hals über Kopf” – so lautet die grobe Übersetzung für Helter Skelter, und wenn man sich den Songtext anschaut, wird man noch mehr metaphorische Verbindungspunkte zu Fringe entdecken.

A propos Verbindungspunkte: Das Nummernschild des zweiten Opfers lautet “APT6B” und die nächste Fringe-Episode heißt 6B. Außerdem sind beide Opfer der Käfer-Experimente 42 Jahre alt – und Fauxlivias Wohnungsnummer ist 21. Schon dies scheint ein Hinweis zu sein, und als Lincoln und Fauxlivia von Dr. Silva gefangen werden, deutet alles darauf hin, dass er Fauxlivia als drittes und finales Experimentopfer infiziert hat: 21+21=42.

Fringe treibt an der Stelle nicht nur Spaß mit sich selbst, sondern betont, dass im Fringe-Universum 1 und 1 nicht unbedingt 2 ergeben muss, denn jede 1 hat unterschiedliche Beschaffenheit und ist nicht gleich einer anderen 1. Wenn auch dieselben, sind zwei Menschen nicht gleich. Andersherum betrachtet, ist die eine 1 von der anderen aber auch nicht streng zu unterscheiden. Einerseits können Fauxlivia und Frank nicht als Paar eins werden: Frank hat zwar der einen Frau seines Herzens einen Antrag gemacht – doch die ist nicht mehr diese eine, sie ist zwei, auf verschiedenen Ebenen; ebenso ist es Peter mit Olivia / Fauxlivia gegangen, die Spiegelung der beiden Universen ineinander ist wieder einmal vollzogen.

Andererseits sind Walter (John Noble) und Walternate nicht nur von einander getrennte Gegenpole, sondern ihre Charaktere durchdringen einander, sind nicht nur zwei, sondern auch… einer.

Nur mit einer einzigen Szene schafft es Immortality, großartig und unerwartet eine andere Seite von Walternate zu demonstrieren. Zuerst lehnt er Brandonates Wunsch, an Kindern zu experimentieren, kategorisch ab – auch wenn das zum Erfolg führen würde.

Dann sehen wir ihn während eines intimen Moments mit einer Frau, die zum ersten Mal in Fringe erscheint. Es ist Twin Peaks’ Joan Chen, die hier Walternates Geliebte Reiko spielt. (Übrigens – um kurz bei den geliebten TP-Referenzen der Fringe-Autoren zu bleiben – bestellt das zweite Opfer im Diner „cherry pie“ …) Im Japanischen soll Rei-ko so etwas wie “Kind der Balance” heißen. Und wir hören Walternate ihr sein Herz ausschütten, seine Zweifel und Bedenken: „There are lines I simply cannot cross. Does that make me weak?“ In Verbindung damit steht das Bild, das wir unmittelbar davor sahen: Walternate ist in einer Spiegelung zu sehen, als zwei, sich selbst den Rücken zukehrend.Walternate und Walter sind sich nicht gleich, trotz ähnlicher Verlusterfahrungen. Es ist Walter, der die meisten Grenzlinien überschritten hat: Er hat Kinder für Experimente benutzt, während Walternate das untersagt; Walter hat die Grenze zur Parallelwelt überquert – und sich offenbar deswegen Teile seines Gehirns entfernen lassen, was von denselben Skrupeln zeugt, die nun auch Walternate plagen. Ist man schwach, wenn man von bestimmten Wechselwirkungen verändert wird? Wie ist die Grenze zu definieren, ob Veränderungen “positiv” oder “negativ” sind?

Fringe schließt mit einer gewaltigen Überraschung ab, indem Fauxlivias Ultraschall sich als positiv erweist – allerdings nicht, was die Infektion betrifft: Fauxlivia ist schwanger – von Peter (Joshua Jackson). Wenn / falls dieses Baby geboren wird: wird diese Tatsache die Welten aus der Balance werfen – oder in sie zurück? „When I get to the bottom I go back to the top of the slide“…

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