Fringe: Making Angels (4×11)

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Wenn man sich die Quoten anschaut und alle Berichte, die Fringe schon jetzt begraben, kann man diese Episode als eine Art ironische Erinnerung daran interpretieren, dass FOX in Sachen „making angels“ auf eine lange Tradition zurückblickt. Und Fringe wird, vor allem mit solchen Episoden, definitiv in den Serien-Himmel aufsteigen: ins Serien-Paradies, wo die Kaffeesorte Firefly heißt und die Bardame The Sarah Connor Chronicles liest.

Was passiert ist, wird wieder passieren und passiert jetzt. Für alle, die sich in der vierten Fringe-Staffel fragen, in welcher Zeit wir gelandet sind, wo wir uns befinden und wann wir wieder zurückkehren, lautet die Antwort: „There is no future. There is no past. Everything happens right now.“ Wir sind die ganze Zeit hier und dort und überall, simultan. Genauso wie dieselben Darsteller unterschiedliche Figuren spielen, die wiederum denen aus einer anderen Zeit gleichen und auch wieder nicht. Es ist so, als bekämen wir unterschiedliche Facetten dieser Figuren zu sehen, die in einer Simultaneität von Zeit und Raum immer zu ihnen gehört haben und gehören werden.

Peters Existenz lässt sie uns “etwas anders” erleben – durch seine Erinnerungen, die wir mit ihm teilen. Hätte September ihn aus dem Ganzen gelöscht, hätten wir Fringe nie gesehen. Andererseits: Nachdem wir den “neuen” Walternate kennen gelernt und in dieser Episode in aller Deutlichkeit erlebt haben, dass Walter ebenso böse auf Fauxlivia ist wie “unser” Walter („The Viper! Mata Hari!“), müssen wir uns fragen, wie es ohne Peter dazu kam? Was motivierte Fauxlivias Spiel als Olivia ohne Peter als Dreh- und Angelpunkt? Was geschah überhaupt in dieser Variante des Olivia-Fauxlivia-Konflikts?

Ereignet sich gegenwärtig ein Überschreibungsprozess? Ist das der Grund, warum Walter (John Noble) und Olivia (Anna Torv) in dieser Zeitlinie eine Verbindung mit Peter (Joshua Jackson) spüren, ohne ihn je gekannt zu haben? Verwandelt sich diese Zeitlinie durch Peters Eindringen allmählich in diejenige, die er kannte? Kann die Differenz, die sein Auftauchen kreiert, letztendlich zu einem Gleichnis führen? Bestand Septembers Hoffnung darin, dass aufgrund menschlicher Gefühle und der daraus resultierenden Beziehungen alles von selbst an seinen Platz kommen würde?

Septembers Geheimnis kommt in dieser nur so von Observern wimmelnden Episode ans Licht. Aber nicht nur sie machen Making Angels besonders. Im Mittelpunkt der Emotionen steht das lange schon fällige Treffen zwischen den beiden Astrids: Astrids (Jasika Nicole) Doppelgängerin nämlich handelt in Making Angels – gemessen an den Wahrscheinlichkeiten, die sie sonst berechnet und anhand derer sie von den anderen selbst berechnet wird – unlogisch und überraschend.

Ohne jegliche Absprache oder weitere Meldungen stattet sie Walters Labor einen Besuch ab, um endlich Astrid zu treffen und bei ihr Trost zu suchen in einem schwer zu berechenden Zustand der Trauer nach einem Verlust. Ihr Vater ist gestorben, der ihr seine Liebe nie so gezeigt hat, wie sie es sich wünschte – ihrer Meinung nach deswegen, weil sie “anders” ist, nicht normal. Nun sucht sie Trost im Gleichen: „My mother died of cancer when I was a girl; did yours as well?“ lautet einer ihrer ersten Sätze.

Jasika Nicole, die im realen Leben eine autistische Schwester hat, spielt beide Astrids durchgehend mit herzzerreißender Wärme, Geduld und Melancholie: von dem Erschrecken der diesseitigen Astrid angesichts der unerwarteten Begegnung bis hin zum Genuss des ersten Kaffees seitens der Astrid “von drüben”. Hier, vor allem in den Gesprächen mit Walter, berechnet letztere Astrid nicht nur mathematische Wahrscheinlichkeiten, sondern auch emotionale Wirklichkeiten. Wahrscheinlich und wirklich: Wahr werden kann etwas nur durch die Tat, die aber mit eingerechnet ist.

Konnte Emily aus der vergangenen Episode die tödliche Zukunft bestimmter Personen nur sehen und aufzeichnen, so kann ein gewisser Neil, ehemaliger Mathematik-Professor, diese Tode berechnen. Er hat Gleichungen gelöst und spielt nun den Todesengel, der sie von dieser Zukunft befreit – er kann zwar die bevor stehenden Tode nicht verhindern, kommt ihnen aber zuvor und nimmt ihnen die Qual. Mit einer schönen Inszenierung bietet uns Fringe den ersten Einblick in Neils Tun.

Als ein an Krebs erkrankter Mann (mit 95% Heilungschance, wie sein Arzt sagt) auf den Bus wartet, sitzt er vor einem Ferienanbieter-Werbeplakat mit der Aufschrift: „Paradise is closer than you think – plan your“… Der Rest wird von seinem Körper verdeckt. Neil setzt sich zu ihm und teilt ihm seine Zukunft mit… Der Rest wird von dem eintreffenden Bus verdeckt. Neil verwendet ein kleines, blau leuchtendes Gerät, um seine Gottesmission durchzuführen; für eine solche nämlich hält er sein Tun. Aber es ist kein Gott – zumindest nicht nach herkömmlicher Auffassung -, der Neil auf seinen Weg geschickt hat, sondern die Observer.

Genauer gesagt, September: Er hatte das Gerät damals am Reiden Lake verloren, wo Neil, der dort ein Ferienhaus besitzt, es dann fand. Peters Nicht-Existenz bleibt Dreh- und Angelpunkt aller Beziehungen und Ereignisse. Überraschenderweise erfahren die restlichen Observer erst jetzt, dass September Peter nicht ausradiert, sondern sich dem Befehl widersetzt hat. Wie ist das möglich? Wurde September schon dafür bestraft, als er verletzt vor Olivia in der Oper auftauchte – an einem zukünftigen Punkt?

Werden die Observer versuchen, Peter auszuradieren, oder ist das nicht mehr möglich? Sind Menschen wie Emily und Neil eine Gefahr für sie – oder eine Hilfe? Und Olivia? Warum haben wir bereits zwei Episoden hintereinander gesehen, in denen es um angekündigte Tode ging? Wer oder was stürbe mit Olivia? Wenn September ihr sagt, dass sie in jeder möglichen Zukunft sterben müsse – ist es nicht jeweils Peters Zukunft, um die es geht?

Erzählt Fringe im Grunde die Geschichte eines Menschen, der wieder und wieder versucht, sich eine Welt zu gestalten, in der er lieben kann und geliebt wird – ganz gleich, wie viele Tode er selbst dafür sterben muss?

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