Fringe: Nothing as It Seems (4×16)

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Dinge verändern sich, und eigentlich bleiben sie sich gleich. Aber leicht verschoben. Veränderungen bringen meistens Gutes mit sich. Sie bringen eine neue Perspektive, Hoffnung und ein bisschen Melancholie… Weird is a matter of degrees (Olivia).

Mittlerweile spielt es keine Rolle mehr, ob Fringe mehr Zuschauer bekommt, niedrige Quoten hat, vermutlich abgesetzt wird etc. Die Fringe-Fans wissen, was sie an der Serie haben; sie genießen nicht nur sie, sondern auch dieses Wissen. Denn es verschafft ihnen ein warmes Gefühl, so, als würde man an einem sonnigen Frühlingstag mitten auf einem Feld mit weißen Tulpen liegen und nach oben starren. Wohin? Ins Unendliche, dorthin, wo der Blick von einer Möglichkeit zur nächsten gleitet, wo nichts in Stein gemeißelt ist, wo alles sich verschieben kann, fließend… so lange es mit Liebe zu tun hat. Dieses Fließen wird immer ein melancholisches bleiben, denn der Liebe haftet stets etwas Melancholisches an – nicht unbedingt im Sinne eines Verlustes, sondern im Sinne eines einmaligen Ereignisses.

Dieses Fließen erinnert an die melancholisch-bedrohlichen Wassermassen, die sich damals in Twin Peaks‘ Vorspann unausweichlich an unserem Blick vorbeibewegten. Die Eulen sind nicht das, was sie zu sein scheinen: Nothing as It Seems. Die Bewegung bedeutet neue Erfahrung, aber gleichzeitig eine Bedrohung: eine Erinnerung daran, das verlieren zu können, was man gerade hat. Darin liegt die Melancholie begründet – in dem Wissen, in der Sekunde einer überwältigenden emotionalen Erfahrung nicht ewig verweilen zu können.

Die Verschiebung, der Fluss bedeuten unausweichlich Transformation, das Schaffen von Neuem. Zu welchem Zweck? Um vielleicht, wie Walter am Ende dieser Episode sagt, der Frage Herr zu werden, ob die Entstehung des Lebens auf Erden ein Wunder oder ein Zufall war? Diese Frage kann nur David Robert Jones beantworten. Aber bevor wir zu ihm kommen, müssen wir zurück in die Vergangenheit reisen, nämlich zu der Episode Transformation aus der allerersten Fringe-Staffel. Wir erinnern uns an die menschlichen Stachelschweine, an die Experimente von Marshall Bowman und Daniel Hicks. Die neue Fringe-Episode scheint jene Ereignisse irgendwie zu wiederholen. Aber nichts ist so, wie es zu sein scheint. Daher kommt auch keine Langeweile im Sinne von „man weiß ja, wie das hier enden wird“ auf. Nein, es sind immer Verschiebungen da, Überlappungen. Dasselbe – und doch nicht? Ein Palindrom, wie die Zahlen, die Walter auf eine wertvolle Spur im Stachelschwein-Fall bringen? Laut Walter wäre etwa “boob” ein Palindrom: “rückwärts laufend” heißt der im Griechischen wurzelnde Begriff und beschreibt eine Zeichenkette, die von vorn und von hinten gelesen gleich bleibt. Palindrome müssen nicht einzelne Wörter sein, es gibt auch Wortreihen, Sätze oder Musikpalindrome (Joseph Haydns Symphonie Nr. 47 in G-Dur). Auch Zahlenpalindrome gehören dazu, die von vorn oder hinten gesehen den gleichen Wert ergeben.

Palindrom: Man liest zwar rückwärts. Aber liest man dasselbe Wort? Eigentlich schon, aber das Ereignis des Vorlesens, des Aussprechens selbst ist stets und immer wieder neu, einmalig. Das Ergebnis auch, denn der Kontext, in dem etwas ausgesprochen wird, verschiebt sich mit der Zeit.

Aus diesem Grund passen die Details nicht ganz zu dem Fall, an den sich nur Olivia wirklich erinnert. Einiges hat sich verändert, so wie Olivia selbst.

In der letzten Episode hatte sich Olivia entschieden, die Veränderungen hinzunehmen, die Transformation zu akzeptieren. Aus Liebe. Diese Transformation nämlich bedeutet und verwirklicht gleichsam Peters Gegenwart und seine Liebe. Das “Zurückkommen” der Erinnerungen ähnelt in Olivias Fall einem Rückwärts-Lesen. Aber wie vollständig wird die Überschreibung sein, und welche Veränderungen werden stattfinden? Das psychiatrische Gutachten teilt Broyles mit, dass inzwischen bereits 40% dessen, was Olivia für die Wahrheiten ihres Lebens hält, aus der anderen Zeit stammen: von der anderen Olivia-Version. Nach der Einführung vermutet man eine Olivia-Episode, aber meiner Meinung nach ist es eher eine über Lincoln Lee. Nicht nur muss er sich damit abfinden, dass es in diesem Jetzt keine romantische Beziehung mit Olivia für ihn geben wird, sondern er steht – sichtbar in der Szene, als Walter in seinem Labor mit Vergnügen “seine Familie” betrachtet – abseits, allein. Er muss die traurig-melancholische Feststellung machen, dass sich alle um ihn herum verändern, nur er selbst nicht. Nicht einmal, nachdem ihn der Stachelschwein-Mann infiziert hat: Walter findet ein Heilmittel. Und die Spuren, auf die Walter im Fall stößt, führen zurück zu Massive Dynamics – genauer gesagt, zu Jones. Der Antiquar Edward Markham weist Olivia und Peter auf einen Kult hin, der sich mit “the guided evolution of man” und “mutation by design” befasst.

Alles fließt ineinander und ist doch verändert, verwandelt, transformiert, verschoben. Am Ende sehen wir zahlreiche Käfige mit transformierten, “verbesserten” Geschöpfen. Als die Kamera sich nach oben, in den Himmel wendet, eröffnet sie den Blick auf ein Schiff, an dessen Bord sich die Kreaturen befinden. Jones Arche Noah? Will er die Welt auf seine Weise neu erschaffen? Steckt Jones tatsächlich dahinter? Wie wird die Fringe-Familie von seinem Tun beeinflusst?

I hadn’t realized how much I had longed for family, sagt Walter, und es scheint, als habe die Fringe-Familie tatsächlich wieder zusammengefunden. Endlich. Aber ist alles das Gleiche? Fängt alles von vorn an – immer wieder neu? Fringe, die Evolution, die Liebe…

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8 responses »

  1. Juhu, du machst also auf deinem eigenen Blog weiter! Ich freu mich. Vielen Dank dafür und dir alles Gute für die Zukunft.

  2. Yeah, das ist echt großartig. Vermisse deine großartigen Reviews auch schon. Du warst mit der Hauptgrund warum ich so viel bei Serienjunkies gelesen habe.
    Freue mich schon auf weitere Reviews von dir 😀

  3. Dem kann man sich nur anschließen. Vorallem deine Interpretationen der von mir hoch geschätzten Kabelserien, Game of Thrones, Justified oder Sons of Anarchy, sind immer schön zu lesen.

    Ich hoffe die folgen auch noch. 🙂

  4. Gott sei Dank habe ich deinen Blog gefunden!!! Danke, dass du deine großartigen Fringe-Reviews auch ohne SJ weiterhin schreibst!!! Solange du und Fringe uns nicht verlassen, ist – ganz dem Titel der nächsten Fringe-Episode – “Everything In Its Right Place”:))

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