Fringe: Novation (4×05)

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Nach den zwei Wochen Zwangspause – da hatten vermutlich die Observer ihre Hand im Spiel – sehen wir mit der ersten Episode, die Peters (Joshua Jackson) Rückkehr gewidmet ist, eine ruhige und gleichzeitig traurige Erzählung über die Grenze. Nicht nur über die Grenze zwischen den Universen, sondern und vor allem über jene Grenze, die Menschen nicht überschreiten dürfen bei ihrem Bemühen, ihre Welt zu verändern – sei es im Sinne der Technologie, sei es im Sinne der Liebe.

Walter (John Noble) hat diese Grenze einmal überschritten, und Novation legt diese alte Wunde des “neuen” Walter vor unseren Augen offen: Er will, dass seine Strafe für das, was er tat, andauert, nämlich nie wieder Glück empfinden zu dürfen. Aber was ist, wenn das Glück sich nicht entfernen lässt, wenn es einen hartnäckig durch Raum und Zeit aufsucht? Fürchtet Walter nicht eigentlich, dass Glücklichsein Mechanismen in Bewegung setzen kann, die nie in Bewegung gesetzt werden dürfen, weil es zu spät ist? Klar ist: Walter weiß, was er sieht – Peters Augen in dem Gesicht eines erwachsenen Mannes, wie er später sagt.

Und diese Tatsache wirft ihn komplett aus der Bahn: nicht so sehr, weil er Peter erkannt hat, sondern weil er das dadurch ausgelöste, überwältigende Glücksgefühl als etwas ihm Verbotenes empfindet. Das Peter-Verbot erstreckt sich nun zwar auf sämtliche Figuren, zuerst einmal nur auf der vordergründigen Ebene des zeitlichen Ablaufs: Peter hätte eigentlich keinen Zugang zum Zeitstrom der gegenwärtigen Fringe-Welt finden dürfen. Damit aber kommen wir doch zum Emotionalen – wir sprachen es schon in früheren Reviews zur laufenden Staffel an: Wie konnte sich dieser Zugang öffnen, wenn nicht durch Olivias (Anna Torv) und Walters Empfindung, Ahnung eines Gefühls, das einmal da war?

Lincoln, die einzige “neue” Figur in der “neuen” blauen Welt – der Einzige also, der keine Erinnerungen an Peter haben kann -, spürt diese emotionale Bindung zwischen Olivia und Peter, wie in der kleinen Schluss-Szene zwischen ihm und Olivia deutlich wird. Es scheint, als zöge sich Lincoln von Olivia zurück – von einer Grenze, die er sonst vielleicht zu überschreiten versucht hätte.

Nach wie vor bleiben die Fragen offen: Wer sind die Observer? Sind sie die Hüter der Grenzen? Die Serie als Ganze steht vor ähnlichen Fragen: Wie weit gehen die Veränderungen? Wenn man sie schließlich erklärt, läuft man dann nicht Gefahr, Emotionen und Handlungen einfach zu wiederholen, zu kopieren, die Figuren denselben Weg gehen zu lassen, den wir sie schon einmal gehen sahen? Man kann sagen, dass Fringe sich auf genauso dünnem Eis bewegt wie damals Walter und Peter auf dem Reiden Lake. Was macht man, wenn die Figuren, die wir kannten, dieselben und doch anders sind?

Wie sehr sind sie anders? Wie kann man es schaffen, die kleine Differenz, die Verschiebung erfolgreich zu inszenieren, die alles in ein neues, andersfarbiges Licht stellt? Noch einmal muss die Antwort lauten: durch Peter. Er bildet gegenwärtig eine Art Anker für die Fringe-Zuschauer: Als einzige Figur kennt er Fringe so wie wir. Er ist durch den Fehler in der vorgesehenen Geschichte selbst zu einer Art Observer geworden: zu jemandem, der die Geschichte von Beginn an kennt, auch wenn sie nicht existiert hat. Schon einmal haben wir darüber gesprochen: Wir stehen hier vor dem Problem der Nicht-Existenz – und der Unwichtigkeit, ob eine Sache oder jemand wirklich existiert. Auf diese Nicht-Existenz nämlich kann man nur durch ihre Auswirkungen, ihre Effekte schließen, welche die Beteiligten an sie glauben lassen.

Mit Peter verhält es sich nun ironischerweise umgekehrt: Seine Nicht-Existenz scheint keine Auswirkungen auf die Welten zu haben, aber er ist wirklich da, er existiert – und die Auswirkungen seiner Existenz beginnen an dem Punkt, an dem er auftaucht, bzw. mit der Ankündigung seines Eintritts. Die Art, wie Peter zurückkehrt, gefiel mir persönlich sehr gut: Anstatt Drama und Verzweiflung daraus zu kreieren, dass seine komplette Vergangenheit sowie die Beziehungen zu den Figuren ausgelöscht scheinen, weiß Peter diese Tatsache schnell zu akzeptieren und beginnt, mit den Un-Bekannten zu interagieren.

Warum will er Walter sehen? Weil er weiß, dass nicht nur die Wissenschaft, sondern das Herz ihm die Chance geben kann, wirklich zurückzukehren, wie auch immer das geschehen soll. Peter akzeptiert seine Stellung als Fremdkörper in einer Welt, die bis zu diesem Punkt ohne ihn existiert hat. Aber was nun? Warum kam er, und von wo? Peters Situation gleicht Olivias Déjà-vu aus der Zukunft, das sie gegen Ende der Episode erlebt. Wieder, wie vor Peter Eintritt in diese Welt, springt Olivas Zeit nach vorn und dann zurück, so dass sie zweimal dieselbe Situation erlebt – aber mit der Kenntnis des Erlebten. Zuerst Zukunft und dann Vergangenheit bzw. Gegenwart: Ist dies ein Hinweis darauf, wie sie zu Peter und beide Welten zu sich selbst zurückfinden können? Wohl nicht zufällig gibt es in dieser Episode keine Gegenüberstellung unter vier Augen von Olivia und Peter.

Natürlich will man zuerst Walter und Peter zusammenbringen – trotzdem wundert man sich, dass er nicht auch mit Olivia spricht. Aber er hilft ihr und Lincoln mit dem Shapeshifter-Problem weiter, Broyles’ anfänglicher Skepsis zum Trotz. Peter stellt der Fringe Division seine Kenntnis zur Verfügung und findet heraus, dass die neuen Shifter – wie Nadine Park, die Dr. Malcolm Truss in dieser Episode entführt – zwischen Identitäten wechseln können. Sie übernehmen die DNA ihrer Opfer und behalten sie zur Verfügung, was sie wiederum fast unauffindbar macht.

Wie man an Nadine sieht, ist ihr Zustand jedoch instabil: ein Problem, für das die Shifter Malcolms Kenntnisse benötigen. Er arbeitete früher für Massive Dynamics als Spezialist für Zellforschung; er erforschte die Möglichkeit, schadhafte Zellen zu kopieren und intakt wieder herzustellen. Dann aber beendete William Bell sein Projekt mit den Worten: „Some things are not ours to tamper with.“ Nadine versucht Malcolm vom Gegenteil zu überzeugen – aus Überlebenswillen und Berechnung. Die Frage ist: auf wessen Befehl? Am Ende übermittelt sie ihren Erfolg mit Hilfe einer Schreibmaschine.

Die Maschine antwortet: „Begin preparation. We’re sending the others.“ Wenn ich mich nicht täusche, ist die Maschine ein Hermes-Modell: In der griechischen Mythologie war Hermes nicht nur der Bote der Götter, sondern auch der Schutzpatron der Reisenden und der Grenzgänger – auch dann, wenn Seelen in die Unterwelt geführt werden mussten. Grenzen, Brücken, andere Welten, dazu eine Brücke im Bild, hinter Olivia in Minute 35… Fringe und die Liebe zum Detail! Steckt Walternate hinter dem Shapeshifter-Angriff? Oder drängt sich diese Antwort zu sehr auf?

Steht William Bell von drüben dahinter? Wie wir wissen, hat er in der “alten” Fringe-Geschichte die Shifter kreiert. Die Verbindung liegt dadurch, dass Malcolm ihn zitiert, auf der Hand. Man könnte behaupten, dass sich der thematische Kreis der Episode mit ihrem Titel schließt: Novation referiert nicht nur auf die Shapeshifter, sondern generell auf die Problematik der neuen Welten. Novation bedeutet, eine Bindung durch eine neue zu ersetzen bzw. ein Mitglied einer Gruppe, die einer Bindung unterliegt, gegen jemand anders auszuwechseln. Wie viele von den alten Fringe-Elementen stecken noch drin in der neuen Fringe-Welt, und wie viele sind ersetzt, ausgetauscht worden? Wie funktioniert überhaupt das Begriffspaar “neu – alt” angesichts des Peter-Paradoxes, das ja vor allem ein zeitliches ist?

Die Trauer und die Verzweiflung, die Walter seit 25 Jahren mit sich herumträgt, sind nicht neu, aber anders. Einen wesentlichen Teil dieses Schmerzes bildet die Schuld, die er Nina all die Jahre für Peters Tod angelastet hat, während sie Olivia und ihre Schwester großzog. Diese Details erfahren wir beinahe beiläufig, als Lincoln und Olivia Nina im Fall der Woche um Hilfe bitten. Walter verlor zwei Söhne, während Nina zwei Töchter bekam – deren eine ein ehemaliges Cortexiphan-Kind. Fringe ist immer an den Stellen sehr gut, wo solche Konflikte wieder an die Oberfläche wollen, wo man ein Fringe-artiges Geflecht komplizierter und wechselhafter Beziehungen zwischen den Protagonisten entblößt.

Fringe enthüllt uns auch in dieser Episode nicht, wo der Fehler lag. Als Walternate von dem Observer abgelenkt oder als Peter aus dem See gefischt wurde? Oder sollte Peter von vornherein sterben und Walternate wurde deswegen abgelenkt, wobei September später doch noch in die Ereignisse eingriff? Warum machen Observer solche Fehler? Emotionen? Warum ist in den neuen Welten nichts von den Observern bekannt? Denn nach einem kurzen Gespräch mit Walter bei ihrem ersten Treffen in dieser Episode ist dies das erste, was Peter als anders erfährt: Walter hat keine Ahnung, wovon er spricht. Und Walter hat die Maschine nicht gebaut.

Noch einmal gefragt: Was ist gleich, was anders in der “neuen” Zeit? Und: was ist nach Peters Ankunft mit der Zeit passiert?

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