Fringe: Os (3×16)

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Fringe hinterlässt uns mit Episoden, die nachhallen – länger als eine Woche. So war es schon mit der letzten Episode Subject 13, die uns zurück in die Vergangenheit versetzte. Os holt uns zurück in eine Gegenwart, in der die Universen vor dem endgültigen Kollaps stehen. Fringe kehrt aus der einwöchigen Pause mit einer Episode zurück, die vorgibt, unauffällig zu bleiben, sich einem Fall der Woche zu widmen und nur einen Hauch von Mythologie zu enthalten, bevor sie sich in die Freitag-TV-Nacht verflüchtigt. Auf den zweiten Blick aber erkennt man die rhizomatische Struktur dieser Episode.

Was ist damit gemeint? Ein Rhizom ist im strengen botanischen Sinne ein Wurzelgeflecht. In seiner metaphorischen Verwendung, etabliert durch die Philosophie Gilles Deleuzes und Félix Guattaris, bezeichnet es ein “vielwurzelig” verflochtenes System, das nicht in Dichotomien aufgeht, sondern Querverweise, Überschneidungen, Verbindungen zwischen Elementen aufweist, die unterschiedlichen Ebenen angehören. „Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden, es wuchert entlang seiner eigenen oder anderer Linien weiter.“ Diese Metaphorik bezieht sich auf Wissenssysteme und bezeichnet einen Bruch mit dem “alten”, strukturalistischen Baum-Modell, nach welchem Systeme hierarchisch und dichotomisch angelegt sind und keine Querverbindungen zulassen.

Wir können die Rhizom-Metapher mit Gewinn einsetzen, um zu bezeichnen, was mit Fringe geschieht – ein typischer Verlauf übrigens für gut aufgebaute Serien mit fortlaufender Handlung: Die Serienwelt wächst, wuchert langsam, aber beständig und sorgt für Überschneidungen und Verzweigungen. Natürlich birgt ein solches Geflecht die Gefahr, die Übersicht zu verlieren und lose Enden schweben zu lassen. Verwurzelt sein oder entwurzelt davon schweben, Rauch, Luft, Flüchtigkeit, sich verflüchtigen, Geist, leicht, schwer, Soul Magnets: Wer sich gefragt hat, ob die ursprüngliche Sci-Fi-Show Fringe tatsächlich in Mystik und Metaphysik aufgeht, bekommt mit Os den Beweis dafür geliefert.

Fringe ist Teil eines Universums: nicht nur des TV-Universums, sondern auch des Universums eines Erzählers namens JJ Abrams und seiner Autoren. Die Eröffnungsminuten von Os zeigen uns Walter (John Noble) und Kevin (Jorge Garcia, Lost) bei der Videoüberwachung von Massive Dynamic. Beide nehmen lange Züge aus der Wasserpfeife (Musik: Creams “Strange Brew”); sie lachen über Gott und die Welt, vor allem darüber, dass Walter in den 70ern von John mit Yoko im Bett erwischt wurde: „It was the ’70s; what could he say?“

Abgesehen von dem ansteckenden Gekichere der beiden, das uns Lust macht, auch einen Zug zu nehmen, erinnert Jorge Garcias Präsenz in der kleinen Szene definitiv an Lost und weist auf das Abrams-Universum-Geflecht hin. Ich bin kein Lost-Spezialist, aber Garcia spielte dort Hugo, dessen Nummer “8” war; diese Nummer nun ist uns aus mehreren Fringe-Episoden bekannt: Ella gibt Olivia einen „magic 8 ball“ in Bound, und einen 8-Ball sehen wir auch in Concentrate and Ask Again. Außerdem spielt der Ball eine wichtige Rolle in einer anderen Abrams-Serie, nämlich Felicity. Der Ball funktioniert im Abrams-Universum wie ein Schlüssel zu einer Selbst-Erkenntnis: Als Walter mit Kevin spricht, fällt sein Blick auf William Bells altes Office, und damit beginnt seine im weiteren Verlauf der Episode wachsende (wuchernde?) Besessenheit von der Idee, Kontakt mit Bells Seele herzustellen, bei seinem alten Freund Hilfe zu finden.

Er setzt sich mit Bells Arbeit „Soul Magnets“ auseinander. Soul Magnets: das sind die Serien im Abrams-Universum… In Lost saß John Lock im Rollstuhl, bevor er ein Wunder erlebte und wieder laufen konnte. Und der Os-Hauptplot dreht sich um den Versuch des Wissenschaftlers Dr. Krick, ein Heilmittel zu finden, das an den Rollstuhl gefesselte Menschen wieder laufen lässt. Dr. Krick (Alan Ruck, Justified) ist ein weiterer mad scientist mit gutem Vorsatz, der Opfer in Kauf nimmt – wie zum Beispiel auch Peter Wellers Alistair Peck in White Tulip. Krick will seinem behinderten Sohn helfen und arbeitet an einer Mischung aus den schwersten Elementen der Erde, an einem Hybrid aus Osmium and Lutetium, deren Wirkungen sich gemeinsam ins Gegenteil verkehren und den Körper eines Menschen nach Injektion zum Schweben bringen. Osmium steht im Periodensystem der Elemente in der achten Gruppe; osmeo bedeutet im Griechischen “ich rieche etwas”.

Es wird uns im Laufe der Episode mitgeteilt, dass Os(mium) auch in Meteoriten zu finden ist. Wenn ich mich richtig entsinne, wurde Hugos Mr. Clucks in Lost von einem Meteoriten getroffen… Wir sollten auch an Osmose denken: Dieser Begriff bezeichnet in der Naturwissenschaft das Fließen von Molekülen durch eine “semipermeable Membran”, d. h. eine halb durchlässige Trennwand – eine Grenze, die bestimmte Moleküle in beide Richtungen durchlässt, andere nicht. Das auf die Grenze zwischen den beiden Fringe-Welten zu beziehen, fällt nicht schwer.

Abrams Universum bildet ein Geflecht aus Bildern, Themen und Figuren. Wenn man so will, ist das Ganze eine Fortsetzungserzählung, die aber immer neue Facetten bekommt, wie zum Beispiel die Liebesgeschichte in Fringe. Die Arbeiten von Abrams & Co. – vor allem Fringe – erzählen von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins, wie Milan Kunderas berühmter Romantitel lautet. Keineswegs unterstelle ich Fringes Autoren, sie wollten Verbindungen zu Kundera schaffen. Nein, diese Meta-Ebene kommt mir in den Sinn: nicht nur wegen der Schönheit der Sprache, sondern auch, um metaphorisch zum Kern von Os zurückzukehren.

Das Fringe-Team findet ein Opfer des Experiments von Dr. Krick. Bei einem Überfall wird einer der Diebe erschossen, aber sein Körper bleibt in der Luft: schwebend. Sehr geschickt spielt die Kamera in dieser Szene am Anfang der Episode mit unserem Blick, so dass uns schwindlig wird und wir die Orientierung verlieren. Wo ist oben und wo unten, ist man schwer oder leicht? Sich zwischen oben und unten verlieren, die Perspektive verlieren, den eigenen Blickpunkt nicht mehr kennen: Das reflektiert Walters emotionalen Zustand in dieser Episode – und gleichzeitig die Beziehung zwischen Peter (Joshua Jackson) und Olivia (Anna Torv).

Walter bedrückt sein Unvermögen, die Zerstörung des Universums zu verhindern; er vermisst William Bell (Leonard Nimoy) als Freund und genialen Partner. Aus diesem Grund entscheidet er sich, das Soul-Magnets-Konzept auszuprobieren, um Bells Seele zurückzuholen. Am Ende der Episode entdeckt er den Schlüssel: die Glocke, die Bell Nina vererbte und die wir auch aus seinem Büro in der Parallelwelt kennen. Die Vibrationen des Klingelns aktivieren die Seele und weisen ihr den Weg zurück – sie braucht nur noch ein geeignetes Gefäß, um sich zu materialisier…Auf Peter – Olivia und er sind offiziell jetzt ein Paar – lastet das Geheimnis der toten Shapeshifter. Er entschließt sich, Olivia die Wahrheit zu sagen. Bevor sie darauf wirklich reagieren kann, ist sie weg – und an ihre Stelle tritt William Bell auf: als Stimme. Ja, im Lateinischen bedeutet os “Mund”, “Rede”… Die Entscheidung, nicht Nimoys Stimme als Voice Over zu benutzen, sondern Anna Torv wie Nimoy sprechen zu lassen, ist großartig. Diese Wendung wirkt wie ein Meteoriteneinschlag, der Schwindelgefühle verursacht… Wieder steht Peter vor einer Olivia, die nicht mehr seine Olivia ist. Aber diesmal ist er sich dessen bewusst.

Wie geht es nun weiter? Wird William Bells Glocke zweimal klingeln, wie der berühmte Postmann? Wie lange werden die Vibrationen nachhallen – im Fringe-Universum und in uns?

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