Fringe: Reciprocity (3×11)

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Zurück zu Fringe – und der Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt, nämlich Peter (Joshua Jackson) und Walternates Maschine. Am Anfang der Episode sehen wir das Fringe-Team zu einer Anlage der Regierung fahren, wo eine Gruppe von Wissenschaftlern unter der Führung von Massive Dynamic Walternates Maschine zusammengebaut hat. Das Problem ist, dass niemand sagen kann, mit welcher Energiequelle man sie zum Leben erweckt. Die Antwort: Mit Peter! Offenbar ist er tatsächlich die DNA für Walternates Maschine: Seine Nase fängt zu bluten an, und die Maschine setzt sich in Bewegung.Obwohl: Können wir sie überhaupt Walternates Maschine nennen? Wir wissen, dass Walternate sie benutzen möchte, aber die Maschine scheint es immer schon gegeben zu haben. Dieses “immer schon” ist das heimliche Thema dieser Episode, die wieder einmal geschickt Mythologie und Emotionen verstrickt, um Fringes perfekte, schwarz-weiß schimmernde DNA vor unseren Augen gleiten zu lassen…

Wie weit zurück kann das “immer schon” gehen? Unendlich weit? Wir erfahren, dass das Buch über die First People nur in einigen wenigen (ich glaube: drei) Exemplaren existiert – und dass nicht nur Massive Dynamic und die Fringe Division danach suchen: Vor Jahren hat sich auch William Bell (Leonard Nimoy) bemüht, eines ausfindig zu machen. Ist die Maschine ein Relikt aus der Zeit vor der Zeit?

Sowohl in den Naturwissenschaften als auch in theologischen Diskussionen stellte man sich stets die Frage, ob das Universum einen Anfang in der Zeit habe. War es immer schon da? Oder entstand es zu einem bestimmten Zeitpunkt – wenn ja, warum? Reicht die Zeit unendlich weit zurück, ganz gleich, ob das Universum einen Anfang hat oder nicht? Wäre dann nicht, so gibt der Astrophysiker Stephen Hawking zu bedenken, jeder Begriff von Zeit vor Beginn des Universums sinnlos? Man stünde ja dann vor der Herausforderung, das Unendliche zu denken: das Fehlen von Raum und Zeit, das Nichts, die vollkommene Leere!

Die Zeit, wie wir sie kennen – so denken wir gegenwärtig – beginnt mit dem berühmten Urknall, jener zufälligen kosmischen Katastrophe, die uns unsere Entstehung bescherte. Die einzelnen Phasen der Entstehung unterlagen zwar den strengen Gesetzen der Physik, aber ihre erste Ursache, ihre Motivation entzieht sich unserer Kenntnis. Zufall also? Können sich Zufälle wiederholen? Kann man sie dann noch Zufälle nennen?

Die Spezialisten mögen mir fachliche Fehler verzeihen: aber Fringe bringt den Zuschauer zum Nachdenken – und sein fiktionales Universum scheint mit solchen Fragen zu spielen. Die Hypothese vom Universum, das sich ausdehnt und dessen Objekte auseinander driften, wird bei Fringe einen Schritt weiter geführt: Handelt es sich beim Fringe-Urknall um eine Katastrophe, bei der verschiedene Universen entstanden und dann auseinander drifteten?

Durch Walters (John Noble) Überquerung wurde eine Kettenreaktion ausgelöst, die nun anscheinend zu einem Zusammenziehen führt, so dass die Universen einander wieder näher kommen: Man scheint sich einer weiteren Katastrophe zu nähern. Oder haben die First People künstlich einen Urknall herbeigeführt, ihre bereits existierende Welt verdoppelt, wodurch dann, aufgrund der Wechselwirkung, beide Welten von Null anfangen mussten?Wie Walter später in der Episode betont, hat ein solcher Austausch Nachwirkungen – für beide Seiten. Genauso geschieht es mit Peter: Nicht nur erweckt er – wenn auch ungewollt – die Maschine zum Leben, sondern sie erweckt eine andere Seite in ihm zum Leben. Sehr schön inszeniert Fringe Peters zwei Seiten: die dunkle und die helle. Einmal sehen wir Peter, in Weiß gekleidet, zwischen den weiß schimmernden Oberflächen des Massive Dynamic-Labors liegen – später, als sich erweist, dass Peter die Shapeshifter tötet, wird er in Schwarz gekleidet gezeigt, aufrecht stehend, umgeben von Dunkelheit. Peter, das Opfer – Peter, der Täter.

Die Labor-Einstellung gleicht übrigens sehr derjenigen aus Northwest Passage, der Episode, in der Peter – so kann man spekulieren – seine innere Reise antrat. Es scheint, als hätte er die maximale Wegstrecke hinter sich gebracht, so dass ihn nun die Katastrophe wieder zurückwirft – wie ein Universum, das sich nach dem Erreichen seiner maximalen Ausdehnung wieder zusammenzieht. Peters Katastrophe ist natürlich Fauxlivia – diesen Namen dürfen wir jetzt wohl offiziell benutzen, denn die Figuren tun es ebenfalls!

Die Ereignisse haben Peter zurückgeworfen in den Zustand, in dem ihn Olivia (Anna Torv) im Piloten vorfand: ein Zustand der Unklarheit darüber, wer man wirklich ist. Gleich einem Shapeshifter wechselte Peter zwischen unterschiedlichen Aliases – um jene jetzt in einem persönlichen Kreuzzug auszulöschen, mit Hilfe von Fauxlivias dekodierten Tagebüchern (The Fauxlivia Diaries). Nach dieser Episode kann man getrost sagen, dass Joshua Jackson endgültig die Augenhöhe des restlichen Fringe-Casts erreicht hat. Er wurde oft als Schwachstelle des Ensembles bezeichnet, aber die Fringe-Produzenten haben ihm – wie auch Anna Torv – die Möglichkeit gegeben, zu glänzen: und das tut er auch.

Glänzend ist natürlich wieder einmal die Performance John Nobles als Walter Bishop, der ebenfalls nach sich selbst sucht – bzw. nach fehlenden Teilen seines Selbst. Die Parallelen zwischen Vater und Sohn sind kein Zufall. Peters Nase blutet wegen der Maschine; Walter nötigt Nina Sharp, ihm zur Stimulation der Nachbildung fehlender Gehirnteile DNA aus William Bells alten Tests zu geben, die er dann durch die Nase inhaliert: „Don’t worry, I’ve snorted worse!“ Leider hat Nina Schimpansen-DNA erwischt, was drollige Nebenwirkungen auf Walters Benehmen ausübt.

Die Frage aber ist: Wenn es Walter gelingt, Zugang zu den fehlenden Teilen zu bekommen – wie wird ihn das verändern? In welche Richtung? Wird er sich vom rührend harmlosen Genie fort entwickeln und Walternate (wieder?) ähnlicher werden? Wir sollten Ninas Warnung nicht vergessen: Walter selbst hatte die Entfernung der Hirnzellen gewünscht, aus Angst vor dem, der er im Begriff war zu werden. Hat auch diese gezielte Veränderung von Walters Gehirn den “zufälligen” Ablauf von Ereignissen gestört, den die Observer so penibel überwachen? Liegt es somit im Lauf der Dinge – im Wiederherstellen des Gleichgewichts -, dass Walter diese Veränderung rückgängig machen muss?Fauxlivias Notizen machen Olivia klar, dass Erstere wirklich Gefühle für Peter entwickelt hat. Die Tatsache, dass beide Olivias in denselben Mann verliebt sind, führt zu einer Art Paradox: In Fringes romantisierter wissenschaftlicher Welt springt die Prämisse “Zur falschen Zeit am falschen Ort” in all ihren möglichen Varianten ständig hin und her und ruft unvorhersehbare Verschiebungen hervor, die die kommende Katastrophe zugleich heraufbeschwören und abwenden könnten. Denn die Relativitätstheorie besagt, dass Raum und Zeit nicht nur auf alles einwirken, was im Universum geschieht, sondern auch umgekehrt davon beeinflusst werden… Kann in Fringe die Liebe die DNA “besiegen”?

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