Fringe: The Abducted (3×07)

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Erst sieben Episoden dieser dritten Staffel haben wir gesehen, aber durch die ständig ansteigende Spannung und den Wechsel zwischen der blauen und der roten Welt kreiert Fringe ein Schwindelgefühl, das für Sekunden in einen Stillstand mündet, bevor sich die Bewegung explosionsartig fortsetzt. Man kann dies am besten veranschaulichen mit Bildern von Olivias (Anna Torv) Reise zwischen den beiden Welten: Das Wasser, in dem sie sich für eine kurze Weile scheinbar in Ruhe befindet, schwebt, entpuppt sich plötzlich als Wasserfall, den Olivia in rasendem Tempo hinabrauscht, um in der anderen Welt wieder aufzutauchen.

Fringe steuert in dieser dritten Staffel unausweichlich auf zwei große Probleme zu, die natürlich miteinander verwoben, aber auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sind. Es handelt sich auf der einen Seite um das Liebesdreieck mit Peter (Joshua Jackson) und den zwei Olivias und andererseits, auf der Ebene der Fringe-Story, um den entscheidenden Kampf zwischen den Welten. Aber: wird der überhaupt eintreten? Ist es tatsächlich unmöglich für beide Welten, parallel zu existieren? Wenn man sich solche Fragen stellt, begreift man erst, in welch unmögliche Position Fringe die Zuschauer manövriert hat.

Wir haben in dieser dritten Staffel viel Zeit in Welt-2 verbracht und die Atmosphäre und die Geschichten der Menschen dort kennen gelernt, die teilweise diejenigen aus Welt-1 zu spiegeln scheinen, aber gleichzeitig etwas ganz Eigenes besitzen. “Unmöglich” ist nun unsere Position deswegen, weil wir uns als Zuschauer schwer für eine Welt entscheiden können. Welche Welt hätte denn das Recht auf alleinige Existenz, und warum? Können sich die Teilnehmer auf dem Fringe-Schachbrett entscheiden, ob sie den letzten Zug wirklich machen wollen? Walternate (John Noble) ja – aber alle anderen nicht.

Vieles in diesem Krieg der Welten basiert auf Missverständnissen, auf Desinformation, wie bei Kriegen üblich. Durch den Tausch der beiden Olivias haben wir abwechselnd beide Seiten erlebt, nur um festzustellen, dass es sich im Grunde um Gleichgesinnte handelt. Die zu Feinden erklärten Menschen sind nicht anders als man selbst: In ihrer fast-gleichen Welt teilen sie die gleichen Erfahrungen, die gleichen Gefühle und Emotionen. Das Andere in der Fringe-Story sind nicht die andere Welt oder die anderen Menschen, die so genannten Feinde, sondern es ist das Universum als Ganzes, als großer Anderer, der aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Die Grundregel, auf der dieses Universum basiert, heißt Balance – und die wurde gestört: Von jeder Sache, jeder Existenz gibt es zwei; Peter hingegen gibt es nur einmal und am falschen Ort, nicht dort, wo er hingehört. Er hätte in seiner eigenen Welt sterben sollen und nicht in der anderen weiter leben. Das metaphorische Loch, das er in Welt-2 hinterließ, droht als Schwarzes Loch diese Welt zu verschlucken – mit Walter und Walternate als Motoren der Bewegung: Walter hat das Ungleichgewicht durch Peters Entführung verursacht, und Walternates Schmerz wirkt, als Reaktion auf die Störung, kriegstreibend.

Man kann diese Dynamik als natürlichen Prozess sehen, mit dessen Hilfe das Universum das Gleichgewicht wieder herstellen will – wenn es auch für beide Welten eine Katastrophe bedeutet. Aber wenn man es genau nimmt, ist ja die Entstehung des Lebens selbst durch eine kosmische Katastrophe zustande gekommen. Walternate will das Verschwinden von Welt-2 stoppen, aber seine Lösung ist inakzeptabel: Er hat einen Prozess in Gang gesetzt, um Welt-1 auszulöschen. Warum dieser Eingriff?

Die Antwort lautet: Die Dynamik ergibt sich aus menschlichen Emotionen, die mit rationalen Erklärungen bemäntelt werden. Und zwar derselben Emotion auf beiden Seiten: die Liebe zum eigenen Kind, die sich mit dessen Verlust nicht abfinden kann.

Genau an diesem Punkt setzt The Abducted an. Die Episode gibt nur vor, einen Fall der Woche zu behandeln, bei dem die Fringe Division in der roten Welt einer Kindesentführung nachgeht. Es handelt sich um The Candy Man, einen Kindesentführer, der das letzte Mal vor zwei Jahren zugeschlagen und mehrere Opfer auf dem Gewissen hat.

Die Kinder wurden zwar wieder aufgefunden, aber mit Anzeichen frühzeiten körperlichen Alterns: schwere Organschäden, ausgelaugtes Immunsystem. Zu diesen Opfern gehört Christopher, Broyles’ Sohn. Mit diesem Thema bieten die Autoren nicht nur einen tieferen Einblick in Broyles’ Familienleben, sondern schaffen einen starken Bund zwischen Olivia und Broyles, so dass er sie am Ende der Episode wissentlich gehen lässt. Er erfährt, dass sie das Bewusstsein der Olivia aus Welt-1 wieder erlangt hat – aber er verrät sie nicht. Denn sie findet nicht nur The Candy Man und den entführten Jungen, sondern rettet auch Broyles’ Familie.

Die Kindesentführung ist natürlich in erster Linie eine Erinnerung an die Erzählbasis von Fringe: Peters Entführung und ihre Folgen. Letztlich geschieht in The Abducted dasselbe: Aus Liebe zu seinem Kind lässt ein Vater eine unzulässige Grenzüberschreitung zu. Wird diese erneute Störung die ohnehin schon gestörte Balance regulieren – oder erst recht zur Katastrophe führen?

Es ist immer wieder erstaunlich wie viel die FOX-Serie mit Hilfe rein visuellen Mitteln erzählt bzw. zwischen den Zeilen schreibt.

Während des Candy Man-Falls ist mindestens zwei Mal die Abbildung eines roten Menschen zu sehen (in der Kirche und im Zimmer des entführten Jungen), die sehr an die Zeichnung von Peter und der Vernichtungsmaschine erinnert.Nicht nur bezeichnet die Farbe Rot Welt-2, sondern auch die Flammen, das Feuer, in dem Peter und seine zweite Heimat verbrennen sollen. Denken wir auch an die Zeilen, die The Candy Man bei seinem Ritual ausspricht: „From suffering comes redemption… Through the pitch-dark comes the cleansing fire; through the fire we shall find the spirit of new life.“Walternates Plan, ursprünglich motiviert durch Peters Entführung, wird damit in den Kontext der Candy Man-Taten gerückt – und hinterfragt. Muss Leben vernichtet werden, um Leben zu erhalten? Es fällt auf, dass in dieser Episode auch die weiße Farbe immer in Kombination mit Rot und Blau auftaucht.

Nicht nur ist Weiß im herkömmlichen Sinne die Farbe des Friedens, sondern sie umfasst alle Farben, sie ist der Punkt, wo alle Farben zusammenlaufen. In Fringe: die Farbe der First People? Gehören die Observer zu diesen First People, zu den Zeiten, als alles ein Ganzes war – weiß, bevor sich das Universum in Blau und Rot aufspaltete? Haben die Observer die Aufgabe, die Farben separat zu halten – oder sollen die Welten einen Weg beibehalten, der sie zusammenführt, so dass alles wieder weiß wird?

Olivias Weg nach Hause wird noch immer von Dunkelheit umhüllt. Noch einmal sucht sie in dieser Episode die Hilfe des Taxifahrers Henry, um in Brandons und Walternates Labor zu gelangen und nach Hause gehen zu können. Im Zimmer des entführten Jungen haben wir zuvor das Buch “Burlap Bear Goes to the Woods” gesehen, dasselbe Buch, das Olivia Ella in Unleashed vorlas. Damals war das Buch auf folgender Seite geöffnet: „But I don’t see any monster, the bear said. He kept walking because he didn’t believe there was a monster up ahead.“

Ja, auch Olivia ging immer weiter – um festzustellen, dass tatsächlich ein Monster in den Wäldern lauert. Walternate hindert sie in letzter Sekunde daran, ihre Reise nach Hause zu vollenden, und holt sie zurück. Doch mit Hilfe einer zufällig anwesenden Putzfrau kann Olivia Peter eine Nachricht übermitteln. Peters Telefon klingelt, und die Frau teilt ihm mit: „She’s trapped in the other universe.“ Kurz davor haben sich Peter und Fauxlivia vor dem Einschlafen „Casablanca“ angesehen, genau die Stelle im Film, wo Rick im Paris-Flashback Ilsa fragt: „Who are you really, and what were you before?“ Gute Frage…

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