Fringe: The Consultant (4×18)

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In dieser vierten Staffel hat Fringe über einen längeren Zeitraum die Handlung im blauen Universum spielen lassen – wenn wir es noch blau nennen dürfen, seitdem die Zeit überschrieben wurde und Peter sich an einem Ort wiederfand, wo er als Erwachsener nie existiert hat. Erst in dieser zweiten Staffelhälfte wird der Austausch zwischen Blau und Rot in der Amber-Welt, die die Fringe-Erzählung eigentlich ist, intensiver. Natürlich kann man in der FOX-Serie das eine oder andere ‚Logik-Loch‘ finden, wenn man danach sucht. Aber im Ganzen gesehen ist Fringe… ein Ganzes! Man könnte sogar darüber spekulieren, ob tatsächlich alles eine Welt darstellt – nur aus unterschiedlichen Winkeln betrachtet, die wiederum unterschiedliche What-if-Konstellationen erzeugen. Olivia ist Olivia und Walter ist Walter, auch wenn wir sie in unterschiedlichen zeitlich-örtlichen Abschnitten und Kontexten  als Fauxlivia, Walternate  etc. erleben. Damit erscheinen beide Welten weder als Gegenpole noch als Spiegelungen. Eins plus Eins macht Zwei, aber nicht nur als Ergebnis, sondern als Ganzes. Fringe ist wie Peters Münze – mit zwei Seiten, mit Kopf und Zahl, aber beide zusammen erst machen die Münze aus.

Peters Dasein – wie schon ein paar Mal erwähnt – fällt zusammen mit unserem Dasein als Zuschauer. Unser Blick ist mit eingeschrieben. Das Seherlebnis, das Wissen über die Erzählung macht uns unausweichlich zu einem Teil dieser Erzählung. Wie Peter bzw. mit Peter suchen wir nach “unserer” Fringe-Welt. Und finden mal den Kopf, mal die Zahl. Durch zahlreiche, schnelle Wechsel zwischen den beiden Welten – zum ersten Mal so viele und so schnell – betrachten wir In The Consultant die sprichwörtliche Fringe-Münze: Peters Silberdollar, wie er sich in der Luft dreht; vor unseren Augen tauschen Kopf und Zahl in Sekundenschnelle die Plätze, was das Gefühl eines Überlappens erzeugt. Auf diesen Gedanken wiederum bringt uns die Handlung von The Consultant. Was ist, wenn es gar nicht darum geht, wie sich die eine Seite von der anderen unterscheidet, sondern darum, wie die eine Seite die andere ergänzt?

Der David-Jones-Masterplan wird hier mehr oder weniger enthüllt, nachdem Jones zwei Fringe-Events verursacht hat, bei welchen Unfälle im roten Universum auch zum Tod ‚derselben‘ Menschen im blauen Universum führen. Wie Walter erklärt, versucht Jones, beide Universen zum Überlappen zu bringen – er versucht, die Vibrationen ihrer Existenz einander anzugleichen. Jones scheint das Eins plus Eins nur als Ergebnis zu sehen. Als Endergebnis – als Ende? Bedeutet das Überlappen beider Welten Kollision, Ineinanderfallen, unausweichliche Zerstörung? Warum aber sollte Jones alles auslöschen wollen? Neben dieser großen Frage bietet The Consultant wieder einmal Walter die Möglichkeit, im Rampenlicht zu stehen, nachdem in dieser Staffel meistens Olivia und Peter diesen Platz einnahmen. Walter geht nach “drüben”, um dem Fringe-Team dort Hilfe bei der Untersuchung zu leisten. Seine Überquerung ist eine Resonanz, ein Echo von Lincolns Entscheidung, drüben zu bleiben; gleichzeitig korrespondiert sie Walters Überquerung vor vielen Jahren, das den Zustand erzeugt hat, in dem sich die Welten jetzt befinden. Eine Grenzübertretung, bei der sich das Herz über den Verstand, über Ethik und Moral hinwegsetzt: die vollzog Walter für Peter, und Broyles (der sich nun doch nicht als Shapeshifter erweist) vollzieht sie für den eigenen Sohn.

In meinen Augen leistet The Consultant mit Hilfe vieler inniger und schöner Momente zwischen den Figuren aus beiden Welten eine Art Familienzusammenführung, wie wir sie in den letzten Episoden in der blauen Welt beobachten konnten. Als wir mit Peter in dieser Zeit und in diesen Welten eintrafen, nannte Walter Fauxlivia voller Verbitterung “Mata Hari”; die Beziehungen waren insgesamt von Misstrauen geprägt. Jetzt sorgt Walter nicht nur für eine humor- und liebevolle Atmosphäre, sondern kocht sogar für Fauxlivia. Sollten wir sie nicht endlich von diesem Namen befreien und ebenfalls Olivia nennen, wenn die andere nicht in die Handlung involviert ist? Denn sind sie nicht beide unsere Olivias bzw. unsere Olivia? Vielleicht könnten wir im Zweifelsfall die unterschiedlichen Abkürzungen verwenden: Oliv (blau) und Liv (rot)… Walter also wird für die Dauer seines Aufenthalts bei Liv untergebracht und findet sie mitten in der Nacht mit einer Flasche Alkohol: verzweifelnd an Lincolns Ermordung. Übrigens: Walter im schimmernden Morgenmantel, am Küchenherd noch perfektioniert mit der unsäglichen Schürze – unvergesslich!

Mit einem Omelette und dem Sherlock Holmes‘schen Hinweis “dog that did not bark” hilft er ihr aus der Sackgasse und weist sie auf Colonel Broyles als möglichen Verdächtigen hin. Wir Zuschauer wissen bereits, dass Walter Recht hat, aber nicht, warum Broyles gegen sein Team arbeitet. In dieser Episode bekommen wir die Antwort: weil Jones Broyles‘ Sohn dafür von der tödlichen Krankheit befreit. Ist das Leben des kleinen Jungen den möglichen Verlust zweier Welten wert? Und wo ist eigentlich Walternate? Warum kam es zu keinem Treffen zwischen ihm und Walter? Spielt Nina tatsächlich eine größere Rolle in Jones’ Plänen, wie sie denkt bzw. vorgibt – oder ist sie doch nur ein “pawn”, eine Befürchtung, die wir ihr gegen Ende der Episode an der Nasenspitze ansehen können? Broyles findet schließlich seine Antwort: Genau wie Broyles-2 damals starb, opfert dieser sich selbst und vermutlich seinen Sohn für das Heil der beiden Welten, indem er sich dem Broyles aus Welt-1 stellt, anstatt Jones‘ Gerät in der Maschine zu platzieren. Agent Lees Tod scheint Broyles-2 gleichsam wach gerüttelt zu haben. Meiner Ansicht nach legt eine visuelle Verbindung in dieser Episode das nahe: Am Anfang sehen wir “unseren” Lee bei Lincolns Beerdigung im Wagen warten; die Kamera zeigt sein Gesicht im Seitenspiegel des Autos. Am Ende sehen wir dieselbe Einstellung – aber von Broyles-2, bevor er aussteigt und zur Brücke geht. Zwei Menschen aus zwei Welten verbindet die Tatsache, dass sie das Herz auf dem rechten Fleck haben. Wo das von Jones wirklich sitzt und was hinter seinem Plan steckt, werden wir noch erfahren.

Ganz egal, auf welche Seite die Münze fällt: sie wird immer ein Ganzes bleiben.

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One response »

  1. Vielen Dank für das Review!! Wie gewohnt in Vlado-Qualität 🙂 Du hast etwas ausgedrückt, worauf ich einfach nicht kommen wollte!! Wenn Fringe abgesetzt wird, tut es nicht nur deshalb weh, weil es eine grandiose Serie ist, sondern weil wir Zuschauer (zumindest ich) schon das Gefühl haben, ein Teil der Erzählung zu sein.
    Diese Folge ist ja eine Erzählung über die Balance und Eins und Zwei. War eigentlich nicht auch eine Aussage, dass so etwas wie die “Eins” überhaupt nicht (allein) existieren kann. Gibt es überhaupt “eine” Eins oder ist jede Eins, wenn man näher hinguckt, nicht doch eine Zwei? Und wenn diese ultimative Eins doch existiert, wer oder was ist sie? Peter und Olivia sind vielleicht auf der selben Wellenlänge (!), aber doch aus unterschiedlichen Universen. Und bei Lincoln und Olivia würde dasselbe zutreffen. Und so müsste das Fazit eigentlich sein, dass alles Eins UND Zwei ist – nur auf unterschiedlichen Ebenen und nur beides etwas Ganzes erschafft.
    Wie sagte der Wissenschaftler in 4×15: “We are not meant to be alone.”

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