Fringe: The Day We Died (3×22)

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Empfinden wir Menschen Dinge und Vorgänge bzw. Ereignisse nur dann als schön, wenn sie einen Sinn ergeben oder ihre Schönheit logisch erklärt werden kann? Wo aber bliebe dann das äußerst subjektive, unlogische Schönheitsempfinden?

Natürlich ist hier die Rede vom Erleben der FOX-Serie Fringe. In meinen Augen hat es die Serie mit dieser dritten Staffel geschafft, beides zu verbinden.

Ihre eigene Logik ist eng verbunden mit dem Genuss der Serie selbst, mit dem Empfinden der Schönheit von brillanten visuellen Inszenierungen – und auch dem Genuss der Interaktion zwischen den Figuren, den kleinen und feinen Meta-Spielchen seitens der Autoren, der Vorlagen für die Zuschauer, sich selbst Gedanken zu machen oder gar sich darin zu verlieren: nur weil der Prozess, gedankliche Knoten zu binden, Spaß macht.

Schon oft wurden die wissenschaftlichen Spielereien innerhalb der Fringe-Handlung kritisiert und Logik-Löcher gefunden. Seit der scheinbaren Verschiebung des Serienschwerpunkts von Matters of the Mind zu Matters of the Heart empfanden viele Zuschauer eine romantische Lösung für ein Sci-Fi-Problem als unzureichend: als unlogisch, falsch, unangebracht. Ungeduld breitete sich aus, vermutlich genauso wie beim Lesen dieser Einführung, beim Rätseln darüber, wohin das Ganze führen solle. Viele Zuschauer fürchteten, vom Staffelende enttäuscht zu werden, eine unzureichende, unlogische Erklärung zu bekommen.

Was aber, wenn es gar kein Ende gibt? Was, wenn das Ende gleichzeitig Anfang ist und umgekehrt? Ich möchte an dieser Stelle Noel Carrolls Buchtitel paraphrasieren und das Finale als The Philosophy of Fringe, Or Paradoxes of the Heart bezeichnen. Mit dem Finale der dritten Staffel wird klar, was Fringe die ganze Zeit zu erzählen versuchte. Die Serie berichtet auf paradoxe Art und Weise von einem Paradoxon: darüber, dass eins und eins… eins ergibt.

Vor Jahren holte Walter (John Noble) Peter (Joshua Jackson) herüber und schien mit diesem von purer Emotion diktierten Schritt dem Schicksal einen Schlag verpasst zu haben. So mussten damals die Observer eingreifen, um Peter und Walter aus dem eiskalten Wasser zu holen. Denn Peter ist wichtig. Ohne Peter kann sich das Schicksal nicht erfüllen. Im Laufe dieser finalen Episode erst begreifen wir, dass das, was man als Sieg des eigenen Willens, der Emotionen, vor allem der Liebe über das Schicksal deutete, im Grunde dessen Erfüllung ist: Um die Balance auszugleichen, die durch Walters Emotionen gestört wurde, musste ein emotionales Gegengewicht in den Beziehungen zwischen Peter und den beiden Olivias gefunden werden, so dass jetzt doch noch das Ziel erreicht ist, was nur die Observer zu kennen scheinen. Vor allen anderen: September.

The Day We Died schnürt einen Knoten, einen Treffpunkt zweier Wege, die zu einem werden, wenn sie auch stets von unterschiedlichen Seiten her begehbar waren. Eigentlich ist es ein und derselbe Weg. Es handelt sich um die zwei Seiten derselben Münze, eines silbernen Dollars, der sich plötzlich in der Luft auflöst und die Seiten damit zu einer macht: wie bei M.C. Eschers Möbiusband, bei dem sich Oben und Unten, Anfang und Ende auflösen. Sie haben nie existiert – und ihre Nicht-Existenz ist die Antriebskraft, der Grund für die Bewegung auf dem Band. Es scheint unmöglich, die Ameise auf der einen Seite zu töten, ohne gleichzeitig auch die auf der anderen Seite tödlich zu treffen, denn es ist dieselbe! Durch Peters Zukunftsreise wird endgültig klar, wie sehr das Schicksal der einen Welt dem der anderen gleicht – weil die zwei Welten miteinander verknüpft sind.The Day We Died hat einen neuen Vorspann, einen grauen, in dem die Farben Schwarz und Weiß sich zu Grau treffen. Aber nicht nur die Farbe ist anders, sondern auch die im Vorspann erscheinenden Wörter: Cellular Rejuvenation, Thought Extraction, Cryptozoology, Neural Partitioning, Brain Porting, Temporal Plasticity, Dual Maternity, Chaos Structure, Clonal Transplantation, Water, Biosuspension, Hope. Mit beneidenswerter Leichtigkeit führt Fringe die Zuschauer ein weiteres Mal in eine neue Welt ein, samt Figuren, Schicksalen und Vorgeschichten – aber diesmal dank einem Zeitsprung.

Peter befindet sich im Jahre 2026 in der blauen Welt, die von Wurmlöchern und Terrorattacken heimgesucht wird. Er ist mit der Chefin der Fringe Division, Olivia Dunham (Anna Torv), verheiratet; auch Olivias Nichte Ella arbeitet für die Division als frisch gebackene Agentin, genauso wie Astrid. Keiner von ihnen vermag jedoch das Ende dieser halb zerstörten Welt aufzuhalten. Wir erfahren, dass die Terrororganisation End of Days von einem Mann namens Moreau angeführt wird (wie schon in „Herr der Ringe“ eine Klasse-Leistung Brad Dourifs), aber nur wir Zuschauer bekommen zu sehen, dass Walternate der eigentliche Anführer ist. Die rote Welt wurde zwar zerstört, aber seitdem, trotzdem und deshalb befindet sich die blaue Welt in einem Prozess der Zerstörung: Die Welten sind unzertrennlich, und die Existenz der einen ist die Voraussetzung für die Existenz der anderen.

Walter, der im Gefängnis sitzt und den gesammelten Hass der Bevölkerung auf den Schultern trägt, könnte als Einziger Peter dabei helfen, die so genannten Lichtbomben zu ihrer Quelle zurückzuverfolgen. Mit Broyles’ Erlaubnis – er ist Senator geworden, auf einem Auge erblindet und hat offenbar mit Peter schreckliche Erfahrungen in Detroit gemacht – darf Walter in sein altes Labor zurückkehren, das fremd und abweisend wirkt ohne Gene und Astrid. Aber Walters Untersuchung kommt zu spät. Walternate nimmt seine Rache, indem er Peter zum Haus am Reiden Lake hinauslockt und ihn dazu bringt, mit einem Walternate-Hologramm zu sprechen, während Walternate in Fleisch und Blut Olivia eine Kugel in den Kopf verpasst.

Walter kann all dies nicht ändern, weil es schon geschehen ist. Innerhalb der Ereignisse jedoch könnte Peter eine andere Wahl treffen. Dafür muss sein Bewusstsein vom 2026-Jetzt zurück ins Jahr 2011 geschickt werden, zu seinem in der Maschine eingeschlossenen Körper, um schon dann zu wissen, was in diesem zukünftigen Jetzt passieren wird – und die Maschine zu stoppen. Walter begreift, dass er selbst die Teile der Maschine zurück durch die Zeit geschickt haben muss. Peter sagt: „We are The First People – especially you, Walter.“

Peter entscheidet sich für Olivia: dafür, den Schritt zurück zu wagen und alles zu verändern. Aber er verändert etwas auf beiden Seiten gleichzeitig. Während uns die Bilder zeigen, wie sich Peter in der Maschine sowohl in der blauen als auch in der roten Welt materialisiert, begreifen wir plötzlich, dass Peter nicht an zwei Orten gleichzeitig ist, sondern dass alle Beteiligten sich im selben Raum befinden. Die vielen Brückenmetaphern und Brückenbilder, mit welchen Fringe nicht nur in dieser dritten Staffel jongliert hat, haben genau diesen Zeitpunkt vorhergesagt und angestrebt: den Zeitpunkt, an dem Peter sein Schicksal, seine Funktion erfüllt, eine Brücke nicht nur zu bauen, wie er sagt, sondern zu sein.

Peter ist The Man who wasn’t there. Denn als er mit strahlendem Gesicht die Maschine verlässt, zu Walter, Walternate, Olivia und Fauxlivia geht und sagt, jetzt habe er alles verstanden, löst er sich plötzlich in Luft auf, worauf keiner der Anwesenden reagiert. Vielleicht deswegen, weil er immer schon nicht da gewesen sein wird – und niemand sich an ihn erinnert.

Die Bestätigung bekommen wir von den Observern, die draußen vor der Freiheitsstatue (der blauen Welt?) stehen. Sie sprechen darüber, dass Peter seine Funktion erfüllt hat. „You were right“, sagt einer von ihnen zu September, „they don’t remember Peter.“ Und September antwortet: „How could they? He never existed.“

Wenn nun die doppelten Figuren den Raum verlassen: in welchem Universum befinden sie sich dann? Im jeweils eigenen? Ist die Brücke nur in diesem Raum? Ist Peters Existenz absolut aufgelöst? Ist auch Fauxlivias Sohn verschwunden? Dieses Ende wirft viele Fragen auf. Und die Fringe-Produzenten versäumen es auch im Finale nicht, visuelle Spielchen zu treiben, die vielleicht erzähllogische Hinweise liefern – oder aber auch falsche Fährten.Man denke besonders an die Aufnahmen aus der Vogelperspektive von Olivia und den Fringe-Soldaten im Jahre 2026, als sie, durch die Lichtbombe ohnmächtig, auf dem Boden liegen. Es sind genau neun Menschen im Bild, angeordnet wie die Ziffer 9. Auf dem Asphalt sind die Worte „Only“ und „Sept“ zu lesen. September ist der neunte Monat des Jahres (auch wenn “septem” sieben bedeutet: aber ins alte Rom zum julianischen Kalender wollen wir jetzt nicht noch reisen), und so heißt auch der Observer. Auch über das Staffelfinale hinaus erlaubt Fringe eine Menge an Spekulationen.

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