Fringe: The End of All Things (4×14)

Standard

Alles begann mit einem Zufall – mit einer Katastrophe, die letztendlich zu der Welt führte, in der wir gegenwärtig leben. So schreibt der Sci-Fi-Autor Stanislaw Lem. Die Verkettung katastrophaler Zufälle basiert genau genommen auf einem Fehler, könnte man sogar behaupten. Und dieser Fehler, der zur Entstehung unserer Universum-Nische beitrug, führte zu weiteren Fehlern. Ist die menschliche Geschichte also nichts weiter als eine Aneinanderreihung von Fehlern? Wird sie von solchen Fehlern vorangetrieben? Die Fringe-Geschichte auf jeden Fall. Fehlerhaftigkeit nämlich macht Menschlichkeit aus – und natürlich auch der Versuch, diese Fehler wiedergutzumachen. Was aber bezeichnen wir als Fehler? Unlogisches, irrationales Handeln aus Liebe zu einem anderen Menschen zum Beispiel?

In der letzten Episode vor Fringes erneuter (und höchst unwillkommener) Winterpause erreicht die FOX-Serie einen weiteren Höhepunkt bei ihrer Untersuchung dessen, was uns als Menschen ausmacht: mit Echos aus der Vergangenheit und aus der Zukunft. Wieviel von uns gab es schon vorher? Und wieviel von uns wird bleiben, wenn es uns selbst nicht mehr gibt? Können wir die Welt und die anderen Menschen so gestalten, wie wir sie haben wollen? Wird die Welt von einer Kette unerfüllter Begehren vorangetrieben, die einander überlappen, sich aufeinander legen, gar einander erzeugen, in Gang setzen? Wenn man die unterschiedlichen Schichten abpellen könnte, sie wegradieren, sich durch sie zurückblättern – käme man dann zu einem Ursprung, einem Anfang, einem Original? Kommen wir so zu einer Erkenntnis?

Mehrere Olivias werden durchgeblättert, aber nur eine ist die richtige. Die gilt es zu finden. Zu ihr gilt es nach Hause zu kommen – für Peter (Joshua Jackson). Damit kommt er in dieser Episode tatsächlich zu einer Erkenntnis, und mit ihm wir Zuschauer: Peter ist ja so etwas wie unser Reisebegleiter. Walter vergleicht die Videoaufnahmen, die Lincoln und Peter in Olivias Wohnung sichern, mit einem Palimpsest: und dies ist gleichzeitig eine Metapher für Fringes Erzählung selbst. Diese Geschichte besteht immer wieder im Hinzufügen bzw. Entfernen von Schichten; sie blättert vor und zurück, um die Geschichte zu entlarven, um die Wahrheit zu erfahren über diese Menschen und über Menschlichkeit selbst: über das menschliche Empfinden. Wie es in einem Gedicht von Paul Celan (“Blume”, 1959) heißt: “Herzwand um Herzwand / blättert hinzu.” Bei allen Überschreibungen, Überlappungen und Verschiebungen bleiben Spuren zurück: Echos, die man noch sehen und hören kann. Es sind Bilder, die unter anderen verborgen liegen.

Ein “Entblättern” der Fringe-Welt wird Peter durch September geboten, der plötzlich in Walters Labor auftaucht: mit derselben Schussverletzung wie damals bei Olivia im Operhaus. Er muss Peter etwas Wichtiges mitteilen, verliert jedoch vorher das Bewusstsein. In Septembers Bewusstsein muss Peter also hinein, um mit ihm sprechen zu können. Dort drinnen erfährt er, dass die Observer Menschen sind, die aus der Zukunft kommen: „We are you“, erklärt September, „one of your possible futures.“ Je nach Blickwinkel könnte man sie sowohl The First People als auch The Last People nennen – ein Wissenschaftler-Team, das die Vergangenheit beobachtet, die zu ihnen geführt hat; die Observer sind in der Lage, in und außerhalb der Zeit zu reisen.

Ich habe es so verstanden: Damit “ihre” Zukunft eintritt, muss Peter nicht nur am Leben bleiben, sondern auch ein Kind zeugen, und zwar mit “seiner” Olivia anstatt mit Fauxlivia, wie es in Peters Zeitlinie geschah. September erzählt ihm von Henry, Peters Sohn, der nach Peters Einsteigen in die Maschine aufhörte zu existieren. Wir erfahren nicht, was genau die Observer mit ihren Beobachtungen und Zeitreisen bezwecken. Doch September bekräftigt, dass sein Fehler damals darin bestand, Walternate seine Bewunderung auszusprechen und ihn damit von seiner Arbeit abzulenken, so dass er das gefundene Heilmittel für seinen Sohn nicht als solches erkannte.

Septembers Fehler erweist sich damit als “Verbrechen aus Menschlichkeit”: Er gab der spontanen menschlichen Regung nach, Walternate seine Bewunderung persönlich, von Mensch zu Mensch, aussprechen zu wollen. Die Folgen dieses Impulses wieder in dasjenige Gleis zu bringen, das zur “richtigen” Zukunft führt, sorgte – wie wir wissen – für immer noch weitere Verschiebungen. Es muss also, sagt September, dazu kommen, dass Peter und Olivia ein Kind haben: ein gemeinsames Kind der zwei Universen. Das wirft natürlich eine Frage auf: Wenn September seinen Fehler nicht gemacht hätte – wie hätte es dann zu diesem Kind kommen sollen? Vorausgesetzt, September hätte Walternate nicht abgelenkt: Wie hätte dann Peter die Olivia aus dem blauen Universum kennen lernen sollen?

Während Peter mit September spricht, foltert Jones Nina vor Olivias Augen, um eine starke emotionale Reaktion hervorzurufen und damit Olivias Fähigkeiten zu aktivieren: Sie soll die Lämpchen einschalten, wie “unsere” Olivia es schon einmal tat. Alles wiederholt sich, ist das Gleiche – aber doch nicht wirklich. Denn diese Nina ist nicht Olivias Nina, sondern die von drüben. Und obwohl Olivias (Anna Torv) Erinnerungen im Grunde überschrieben sind, kann sie Ninas Spiel entlarven – wiederum aus Menschlichkeit: Die tiefen Gefühle, die sie für ihre Nina empfindet, wollen sich für die falsche nicht einstellen. Sie bringt Nina (Blair Brown) und Jones dazu, Peter zu holen, denn nur in seiner Gegenwart kann sie das vollbringen, was Jones von ihr will. In einer furiosen Szene aktiviert Olivia schließlich nicht nur die Lämpchen, was für Jones’ Mitarbeiter tödliche Konsequenzen hat. Trotzdem können Nina und Jones fliehen.

Das größere Problem für Peter besteht darin, dass seine Präsenz, sein Begehren, seine Sehnsucht nach seiner Olivia in dieser Olivia alle Lämpchen eingeschaltet hat: „I’m in love with you and I can’t just turn that off“, sagt sie, als er ihr mitteilt, sich getäuscht und erkannt zu haben, dass er nur mit seiner, mit der einen Olivia zusammen sein muss und will. Aber ist das möglich? Kann er zurück? Kann alles noch einmal überschrieben werden? Und zu welchem Preis? Denn jeder Eingriff hinterlässt Spuren, die neue Herzwände hinzu wachsen lassen… Hat Peter in seiner unerfüllten Sehnsucht, wie September, einen menschlichen Fehler begangen, der weitere Verschiebungen und Ungleichgewichte hervorruft?

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s