Fringe: The Firefly (3×10)

Standard

Wie kann man „The Firefly“ am besten beschreiben? Natürlich ist der Episodentitel ein Augenzwinkern Richtung Fans und FOX, denn alle wissen, was mit Joss Whedons „Firefly“ nach der Programmierung auf den Freitag geschah. Aber „Fringe“ verwickelt sich nicht in weitere Meta-Späßchen und Referenzen, sondern konzentriert sich auf die eigene Erzählung und darauf, deren Bestandteile wieder einmal zu einem höchst genießbaren Ganzen zu mischen.

Man beginne mit 50 ml Sahne und 100 g Erdbeeren: mit den humorvollen Einlagen, für die meistens Walter (John Noble) verantwortlich ist. Wir sehen ihn am Anfang der Episode in Unterhose, mitten in der Nacht, die heruntergelassene lange Hose hängt ihm um die Knöchel – er ist im Begriff, sich ein selbst hergestelltes Serum zu injizieren. Zu den Klängen von Piero Umilianis “Mah Nà Mah Nà”. Peter (Joshua Jackson), der amüsiert-skeptisch nachfragt, bekommt von Walter folgende Erklärung: „I make myself smarter.“ Walter will Ersatz für seine fehlenden Gehirnteile schaffen, aber Peter erinnert ihn daran, dass er selbst entschieden hatte, diese Teile beseitigen zu lassen: „Because you were afraid of what you were becoming.

Währenddessen ereignet sich Unheimliches in einem Pflegeheim in Boston. Einer der Bewohner, der schlafwandelnde Roscoe Joyce (Christopher Lloyd), trifft vor den Augen zweier Angestellter auf seinen Sohn Bobby. Deutlich ist er auf den Überwachungsvideos zu erkennen. Das Problem: Bobby ist seit 1985 tot. Christopher Lloyds Gastrolle referiert natürlich auf „Back To The Future“, was der Verlauf der Episode zeigt. Zudem wissen wir ja, dass Walter Peter im Jahre 1985 aus dem anderen Universum herüber holte… Vor der Anstalt erscheint The Observer (Michael Cerveris) namens September, der Bobby mitteilt: „I’ll take you home now.

Die Fringe Division untersucht die Ereignisse – und Roscoe Joyce entpuppt sich zu Walters Entzücken als Pianist seiner damaligen Lieblingsband “Violet Sedan Chair”. Die beiden Männer haben mehr gemeinsam als zunächst angenommenÖ Genau wie „White Tulip“ (mit “Robocop” Peter Weller) schöpft „The Firefly“ seine große Stärke aus den Szenen mit Walter und dem Gastdarsteller, die sozusagen der Löffel Honig auf den 100 ml Vanilleeis der Episode sind. „The Firefly“ führt uns zu der Frage zurück, wie man die gestörte Balance der Welten wiederherstellen könnte.Bobby hat seinem Vater eine Nachricht überbracht, aber der erinnert sich an nichts mehr. Walter versucht Roscoe mit Hilfe von Musik und Hypnose zu dieser Erinnerung zurückzuführen. An diesem Punkt vollführt Fringe eine weitere Referenz, die nicht nur für Witz sorgt, sondern der US-Serie auch ihren Platz in der TV-Geschichte sichern sollte. Direkt neben „Twin Peaks“ nämlich: Walter setzt im Labor eine Brille mit bunten Gläsern auf und meint, sie stamme von Dr. Jacoby, einem Fan aus dem Washington State. Diejenigen, die David Lynchs grandiose Produktion kennen, wissen, dass Dr. Jacoby in der Twin-Peaks-Welt Laura Palmers Psychotherapeut war und genau so eine Brille trug.Trotz bunter Brille aber sieht Walter die Welt keinesfalls “en rose”. Er weiß so gut wie wir Fringe-Zuschauer, dass das öffentliche Auftauchen von Observern immer mit dramatischen Ereignissen verbunden ist. Diesmal sehen wir September zum ersten Mal in heftiger Action! Er taucht an dem Ort eines Banküberfalls auf, fängt die Kugeln der Angreifer aus der Luft und rettet das Leben einer Angestellten. Anschließend nimmt er ihren Inhalator mit. Es folgt eine wunderschön fotografierte Szene zwischen Walter und September, der ihn im Labor aufsucht.

Die beiden unternehmen einen Spaziergang im Park. Unter mildem, warmem (September-) Frühherbstlicht – „you call this autumn, don’t you?“ – wechseln die Kameraeinstellungen sehr sanft, fast unbemerkt; die Worte des Observers sind für Walter wie Herbstblätter, die zwar sanft fallen, aber an Unausweichlichkeit und Vergänglichkeit gemahnen.

Nicht nur macht September eine fast rührende Bemerkung darüber, wie schön der Herbst sei.

In diesem perfekt ausbalancierten Bild spricht er davon, dass das Gleichgewicht wiederhergestellt werden müsse. Er erzählt Walter eine Geschichte von einem Jungen, einem Mädchen und einem Glühwürmchen: Ein Junge namens Peter, der Umarmung seiner Eltern entrissen und aus der eisigen Umarmung des zugefrorenen Sees gerettet, fing im Sommer 1985 ein Glühwürmchen (firefly). Da Peter sich dort befand, wo er nie hätte sein sollen, erwischte ein Mädchen in der Nachbarschaft genau dieses Glühwürmchen nicht. So machte es sich auf die Suche – und anschließend suchte ihr Vater nach ihr.

Das führte zu einem tragischen Unfall, bei dem ein anderer Junge sein Leben verlor. An dieser Stelle werden der Erzählmischung von „The Firefly“ genau die 50 ml Milch hinzugefügt, die für seinen exzellenten Geschmack sorgen. September teilt Walter mit, dass es „various possible futures“ gebe, die selbst er nicht alle kenne; doch jede Änderung löse eine Kettenreaktion aus, deren Auswirkungen der Auslöser selbst nicht einmal registriere. „When the time comes, give him the keys and save the girl“, lauten Septembers letzte Worte, bevor er verschwindet.Roscoe erinnert sich an Bobbys Nachricht: Sein Sohn sagte ihm das Treffen mit Walter voraus und bat ihn, Walter zu helfen. Außerdem erinnert sich Roscoe an ihr letztes Telefongespräch kurz vor Bobbys Tod: Bobby hatte von einem glatzköpfigen Mann geträumt, der ihm von der Zukunft erzählte… Kurz nach dem Gespräch wurde der Junge von einem Auto überfahren.

An diesem Punkt schließt sich der Kreis, und Walter erfährt die vollen Auswirkungen seines eigenen Tuns. Bobby starb, weil Peter das Glühwürmchen fing: „That man lost a son because I was unwilling to lose mine!

Und jetzt zieht die Episode enorm das Tempo an: so sehr, dass man als Zuschauer buchstäblich nach Luft schnappt und einen Inhalator benötigt. Der Observer löst eine Kette von Ereignissen aus: Er bringt die Frau, der er beim Überfall das Leben rettete, in tödliche Gefahr, während er sich von Olivia (Anna Torv) und Peter verfolgen lässt. So muss sich Walter um die Frau kümmern und Peter die Autoschlüssel geben: „Give me the keys and save the girl“, schreit Peter ihm zu. Der Observer entwischt und schießt Peter mit seiner Waffe bewusstlos; das verursacht ihm später Kopfschmerzen, so dass er in Walters Labor einen Schluck Milch aus dem Kühlschrank trinkt, um die Schmerztabletten hinunter zu spülen.

In diese Milchflasche hatte Walter zuvor sein Experiment-Serum hinein gemischt, um es später zu testen. Peter bekommt einen Anfall und überlebt nur knapp.

Es erweist sich, dass September Walters Leben gerettet hat: denn der hätte den Schluck vom misslungenen Serum nicht überlebt. Und noch etwas stellt sich heraus. Die Ereigniskette war ein Experiment Septembers, anhand dessen er den anderen Observern Walters Veränderung beweisen konnte: „He’s changed. He was willing to let his son die.

September: „Yes, and now we know: When the time comes, he will be willing to do it again.

Also steht Peters Leben doch noch auf dem Spiel? „Ever feel like every time we get close to getting the answers, somebody changes the question?“ fragt Peter. Vielleicht verändern sich die Fragen, schon weil man sie überhaupt stellt? Vielleicht funktioniert der Prozess von Frage und Antwort anders, und unser Verkennen dieses Ablaufs führt zur Wahrheit? Die Wahrheit würde dann erst durch ihr Verkanntwerden ins Werk gesetzt: Walter dachte, Peter sei in Gefahr – doch er war es selbst. Diesmal zumindest.

Zum Schluss bleiben uns nur noch zwei Löffel Crushed Ice: Peter und Olivia. Was mit diesen beiden geschah, ist eine Umkehrung der Geschichte mit dem Glühwürmchen. Peter und Olivia waren auf der Suche nach einem Glühwürmchen und fanden es schließlich, nur war Altlivia an Olivias StelleÖ und so muss Olivia wieder von vorn anfangen zu suchen. Vielleicht hilft ihr dabei Peters Lieblingsbuch: “If You Meet The Buddha On The Road, Kill Him!” Dieses Buch wurde – in unserer realen Welt – im Jahre 1972 von Sheldon B. Kopp geschrieben. Peter hat es noch zu Altlivias Zeiten bestellt – aber für Olivia.

Das Buch, erklärt er Olivia in einer perfekt gespielten Szene, sei eine Art Wegweiser zu seinem Inneren, zu dem, der er istÖ Kann es aber in „Fringe“s Universum überhaupt dazu kommen, dass einmal jemand zur richtigen Zeit an den richtigen Ort gelangt?

Wer aufmerksam gelesen hat, kann sich jetzt einen leckeren Milchshake nach „Fringe“-Rezeptur mixen und sich anschließend die Episode noch einmal von vorn anschauen. Ganz egal, wie die Quoten ausfallen und wie sich FOX am Ende der Saison entscheidet: „Fringe“ hat mit dieser dritten Staffel ein TV-Ebene erreicht, von dem aus die Serie tatsächlich „Firefly“ zitieren kann – „You can’t take the sky from me!

Advertisements

2 responses »

  1. Jetzt, da du all deine Review importiert hast, hab ich endlich wieder eine Website an die ich mich wenden kann, wenns um Fringe geht :)))
    Zur Folge: Ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist. In der Folge “Northwest Passage (2×21)” hast du im Review das Comic erwähnt, das Peter auf der Brücke gefunden hat. Darauf stand: “You can’t get there from here”. Dieser Satz steht auch im Epilog von Peters Lieblingsbuch, unter “Eternal Truths”! Der Satz geht noch weiter. “…and besides there’s no place else to go.”
    Ein weiterer Satz daraus, der sehr gut in die Fringe-Erzählung passt: “It is a random universe to which we bring meaning”. 😉

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s