Fringe: White Tulip (2×18)

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Walter Bishop (John Noble) findet die passenden Worte, um Peter (Joshua Jackson) die Wahrheit zu sagen – aber nur in schriftlicher Form: Er schreibt ihm einen Brief. Das ist das erste Bild in White Tulip, das wir nach dem unheimlichen Teaser zu sehen bekommen. Das Ganze erweist sich nun weniger als unheimlich, sondern eher als un-heimlich: Der Zusatz “un-” bezeichnet in Freudscher Manier die Wiederkehr des Verdrängten; er bezeichnet das Gewicht der Peter-Frage, die auf Walters (John Noble) Schultern lastet. Denn die Ereignisse dieser Episode führen uns vor Augen, wie weit Menschen aus Liebe bereit sind zu gehen. Und genau diese Schritte, dieses Überschreiten von Grenzen, bringen den Zusatz “un-” ans Licht – bringen eine schreckliche Verschiebung in das Vertraute , die nicht nur den Einzelnen verändert, sondern auch die Welt verschoben weiter laufen lässt. Bis zu dem Punkt, wo .. alles wieder von vorne anfängt.

Die Fringe-Autoren finden mit dieser Episode definitiv die passenden Worte, um die Komplexität von Walters Figur darzustellen. White Tulip ist „Und täglich grüsst das Murmeltier“ für Erwachsene! Eine traurige und bedächtige Episode, die gleichzeitig eine faszinierende Thematik entfaltet, um Walters Gewissensproblem lösen zu können. Sie handelt von Zeitreisen – in der ‘üblichsten’ Science Fiction-Fassung: Reisen von der Gegenwart in die Vergangenheit, die deren Veränderung bezwecken, um ein traumatisches Ereignis ungeschehen zu machen bzw. zu korrigieren, welches einen in der Gegenwart immer wieder heimsucht.

Diese Episode stellt nicht so sehr die Frage danach, ob so etwas möglich ist, sondern ob die Konsequenzen eines solchen Eingriffs tragbar sind. „You don’t know how things will be changed by your actions, but they will. It’s not our place to adjust the universe, and you will never be able to look at her again without knowing that, just like every time I look at my son. I have traveled through madness to figure this out, and you will too“, sagt Walter Bishop.

Obwohl Walters Reise zwischen zwei gleichzeitig existierenden Welten geschah, weiß er ganz genau, mit welchem emotionalen Gepäck man von so einer Reise zurückkommt und welche Auswirkungen sie hat. Er teilt es Alistair Peck (Peter Weller) mit, dem Astrophysiker, der mit seinen Zeitreisen in die Vergangenheit einen Unfall zu verhindern versucht, bei dem seine Frau ums Leben kam. Für jeden Versuch werden unglaubliche Mengen an Energie benötigt, was dazu führt, dass an der Stelle, wo Peck auftaucht, jedes Leben erlischt – ob menschliches, pflanzliches oder mechanisches. Das Gespräch führen die beiden Wissenschaftler in einer ruhigen Minute dieser verschachtelten Episode, die selbst aus mehreren Episoden besteht.

Ihr Ganzes basiert auf den Wiederholungen des Selben und der Verschiebung innerhalb dieser Wiederholungen. Das Interessante daran ist, dass die Episode als solche durch ihre „Und täglich grüsst das Murmeltier“-Konstruktion nur für uns Zuschauer existiert, denn die Figuren selbst erinnern sich nicht an die Teile des Ganzen. Ihre Erinnerung bleibt in der Vergangenheit, die nicht stattgefunden hat. Sehr gut wird veranschaulicht, wie durch die wiederholten Reisen in die Vergangenheit, während welcher Peck zu einem bestimmten örtlichen und zeitlichen Punkt zu gelangen versucht, Verschiebungen entstehen, die zu Veränderungen der Gegenwart und der Zukunft führen.

Dadurch, dass er sich bei dem Jungen für die Wiederholung am Zug entschuldigt, ist sie nicht mehr stimmig. Aber White Tulip ist nicht so sehr eine Finde die Unterschiede-Episode, sondern sie ist der Schauplatz für Walters Beichte: „Until I took my son from the other side, I had never believed in God. But it occurred to me that my actions had betrayed Him, and that everything that happened to me since then was God punishing me. So now I’m looking for a sign of forgiveness, a specific one, a white tulip … If God can forgive me for my acts, maybe it’s in the realm of possibility that my son will be able to forgive me.“

Walter wartet auf das Zeichen von Gott – und bekommt es: denn er weiß nicht, dass es Peck war, der ihm an diesem bestimmten Tag, an dem er den Brief an Peter doch ins Kaminfeuer wirft, einen Brief aus der nicht stattgehabten Gegenwart (oder Vergangenheit?) schickt. Im Grunde schließt sich hier der Kreis, den es nie gab: Peck sagt zu Walter, dass Gott die Wissenschaft sei, aber er meint damit, dass die Wissenschaft Gott ist. Und seine Worte bestätigen sich, denn das Zeichen dafür, dass ihm Peter vielleicht verzeihen könnte, bekommt Walter mit Hilfe der Wissenschaft: Eine gezeichnete weiße Tulpe in einem Briefumschlag. Um diese spannende Mischung aus Naturwissenschaft und metaphorischer Gefühlsarbeit mit einer zweiten psychoanalytischen Prämisse (diesmal von Jacques Lacan) abzuschließen: Der Brief erreicht immer seinen Bestimmungsort!

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