Rubicon: Caught in the Suck (1×08)

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„I want to know what it all means“, beharrt Rubicons Will Travers (James Badge Dale). „It means you’re getting closer“, antwortet Kale Ingram (Arliss Howard).

Das könnte auch eine Unterhaltung zwischen den Rubicon-Zuschauern und der Serie selbst sein. Wir wollen Antworten: dafür müssen wir weiter “graben”, immer tiefer… und plötzlich sind wir viel zu tief drin, um wieder herauskommen zu können.

Mittlerweile habe ich eine Obsession für die AMC-Produktion entwickelt, die man auch als Sucht bezeichnen könnte. Ich fühle mich genauso wie Tanya (Lauren Hodges), als sie im B-Plot dieser Episode ohne Alkohol und andere, noch weniger erlaubte Substanzen etwas zappelig wurde. In Rubicons Abwesenheit werde ich auch zappelig und muss mir sogar Episoden zum zweiten Mal anschauen. Um der Serie näher zu kommen. Vielleicht sogar zu nah?

Rubicon ist, wie wir schon besprochen haben, ein cinematographischer Genuss. Geschickt setzt die neue AMC-Serie das Spiel zwischen Isolation und gefährlicher Nähe audiovisuell um – perfektes Beispiel: Caught in the Suck. Bestimmte Kameraeinstellungen orchestrieren und unterteilen die Episode: es gibt Szenen, die fast nur aus Close-Ups (die Eröffnungssequenz, Wills Zuhause) oder aus Long Shots bestehen (B-Plot oder API-Aufnahmen).
Rubicon wird in erste Linie “on location” gefilmt. Egal, ob es um das API-Gebäude geht oder um Außenaufnahmen: mit Ausnahme von Katherine-Szenen – sie wird isoliert – werden Figuren grundsätzlich innerhalb eines Kontexts, ihrer Umgebung gefilmt. Sogar bei API-Aufnahmen sehen wir Lichter durch die Fenster, die Autos auf der Schnellstraße etc. Die Isolation der Figuren ereignet sich in ihren Köpfen: durch das Wissen, das sie besitzen. Sie sind der Welt, die sie umgibt, zu nah gekommen, wissen zu viel über ihre reale Beschaffenheit – und das macht sie zu Gefangenen.

Durch die Architektur des Gebäudes mit seinen rechteckigen Mustern (Beleuchtung, Wände, Fenster, Türrahmen) wird das Gefühl der Isolation, der unüberwindlichen Distanz unterstrichen. Wir können zwar hören, worum es in einem Gespräch geht, aber unmittelbare Nähe bleibt uns oft versagt. Entweder werden Figuren durch Fenster hindurch gefilmt oder aus der Distanz; zwischen ihnen und uns befinden sich andere, an der Szene nicht beteiligte Figuren oder Gegenstände, die die klare Sicht behindern. Man will näher kommen, aber es geht nicht. Wenn es dann doch einmal klappt, dann ist man plötzlich so nah, dass die Nähe erschreckend wirkt und nicht Vertrautheit, sondern Paranoia und Panik verursacht.

Es mag übertrieben klingen: aber mir ist es egal, ob Rubicon mit einer ganz großen Enthüllung, Auflösung oder wie auch immer aufwarten wird. Die AMC-Serie kann man auch ohne Ton sehen und bewundern. Für die wunderbare Choreographie der Bilder muss man sich übrigens bei Breaking Bads „Michael Slovis“ & Co. bedanken! Caught in the Suck enthält großartige Szenen mit Ed Bancroft, wie die schon erwähnte aus dem Teaser. Er und Will spielen Schach:

in extremen Close-Ups, so extremen, dass die Schärfe der Bilder nur mit Müh und Not gewährleistet bleibt. Die Kamera wechselt von den Schachfiguren auf Eds auf die Steinplatte tippende Finger. Während der Unterhaltung bekommen wir auch von den Gesichtern extreme Close-Ups im Profil. Aber beide sind nicht isoliert, sondern mittendrin im Leben, in einem Park. Wir hören die Originalaufnahmen der Geräuschkulisse ohne jeglichen Musikzusatz. Die Kamera bietet für einen Moment einen kurzen Long Shot (Establishing Shot), so dass wir die beiden aus der Entfernung sitzen sehen – und die ganze Welt um sie herum.

Ed belehrt Will übers Schachspielen im Allgemeinen und das Finden von Mustern im Besonderen. Will möchte Ed gern aus der ganzen Sache heraushalten, aber es geht nicht. Was die beiden verbindet, ist der Drang nach Wissen – und ein Bonbon: Dessen Papierhülle ist das bewegende Element in dieser Episode. Rubicon setzt geschickt kleine MacGuffins ein, die die Figuren in Bedrängnis bringen und zu Entscheidungen zwingen. Da Maggie nach wie vor Wills Zimmer durchsucht und das Bonbonpapierchen in seiner Tasche findet, nehmen die Ereignisse ihren Lauf. Sie berichtet Kale, dass es bei Will nichts Neues gibt – bis auf eine leere Packung: Kale registriert sofort, dass Will sich mit Ed getroffen haben muss, denn Kale weiß über Eds Süßigkeiten-Vorlieben Bescheid.

Ich muss es hier betonen: Diese Episode gehört definitiv Arliss Howard als Kale Ingram. Er behauptet, er sei Wills „guardian angel“, aber seine Motive bleiben unklar. Howard liefert eine fantastische Leistung – gleichzeitig charmant und gnadenlos pragmatisch.

Er besitzt Information, aber unvollständige; die Löcher versucht er mit Wills Hilfe zu füllen. Kales entspannter Umgang und entspannte Haltung harmonieren in den Szenen perfekt mit Wills Aufgedrehtheit und Paranoia. Beide wollen dasselbe, aber ihre Methoden sind komplett unterschiedlich. Während die Untersuchung für Will eine persönliche Komponente enthält – Davids Tod –, scheint es für Kale um Patriotismus und Lebensphilosophie zu gehen. Die ganz große Frage ist, ob er Truxtons rechte Hand ist – oder nur seine rechte Hand bei API?

Eigentlich wissen wir – und Will selbst -herzlich wenig über Kale. Er scheint für jede Seite in diesem Spiel Wert zu besitzen – aber warum? Das Ganze ist ein Schachspiel, dem weder wir noch Will gewachsen sind. Aus diesem Grund erzwingt Kale Eds Teilnahme an Wills Nachforschungen, damit Will weiterkommt. Das Treffen zwischen Ed und Kale im Park, genau dort, wo er am Anfang mit Will spielte, besitzt gleichzeitig Wärme und Grausamkeit.

Durch den Zettel mit Stichworten (Atlas MacDowell, Edward Roy, Donald Bloom, API), den Kale Ed übergibt, kehrt Ed an einen Ort zurück, der lebensgefährlich werden könnte. Es ist, als würde man einem Alkoholiker auf Entzug seinen Lieblingsdrink servieren: Restlos, komplett hat sich Ed in seinem Kopf und seinem Wissen verfangen oder gar verloren. Er stellt die Verbindungen zwischen den Stichwörtern her, was Will wiederum zu weiteren Erkenntnissen und einem Besuch bei Atlas MacDowell verhilft.

Apropos Atlas: Großartig gelingt es Rubicon, die ganze Verschwörung streckenweise als prosaisch, beinahe banal erscheinen zu lassen. Aus dieser Banalität schöpft sie Spannung: denn im Grunde ist das Böse oft banal. Rubicon setzt nicht auf Männer im Schatten, die wir erst im Finale zu sehen bekommen, oder auf das Matryoshka-Bösewichter-Prinzip, wie im Genre üblich. Nein: Rubicon zeigt alle fünf Männer, die hinter der Verschwörung zu sein scheinen, wie sie beim Mittagessen ihre Operationen besprechen. Truxton und James Wheeler sind auch dabei.

Es scheint so, als würden sie Ereignisse lenken, um Macht über die Welt zu erlangen und Profit zu machen. Gleichzeitig achten sie aber auf einen geringstmöglichen Schaden. Auf einer bestimmten Ebene glauben sie – so scheint es – dass sie das Richtige tun und vielleicht, wie man so schön sagt, wenn sich der Staub legt, werden sie sogar als Helden gefeiert. James versichert seinen Freunden, dass Katherines Nachforschungen keine Gefahr für das Ganze sind. Aber vielleicht wird er der nächste, der das Kleeblatt bekommt?

Später in der Episode schickt er Katherine anonym das Foto mit den sieben Jungs und einer Zeichnung auf der Rückseite: Es ist das Kleeblatt. Lenkt er jetzt Katherines Untersuchung wie Kale Wills?

Der B-Plot in dieser Episode ist eigentlich eine Weiterführung der Ereignisse aus The Outsider. Es scheint so, als hätte die CIA Bedenken, ob das Ziel bei dem Luftangriff wirklich eliminiert wurde. Aus diesem Grund werden Miles (Dallas Roberts) und Tanya zu einer unbekannten Location geflogen, um die CIA zu beraten, aber eigentlich nur um zu sehen, wie „Enhanced Interrogation“ bei Gefangenen funktioniert. Tanyas Gesichtsausdruck im Close-Up während der Folterszene gehört zu den ganz starken Momenten der Episode.

Theoretische Schlussfolgerungen basierend auf abstrakten Zahlen und Daten haben physische und moralische Konsequenzen. Dadurch wird die eigene Fehlerhaftigkeit zum Thema und die Probleme, die man hat, aber nicht zugibt, an die Oberfläche gespült. Das ist, was Rubicon ständig macht: Dinge an die Oberfläche spülen, die gleichzeitig Rettungsring und nach unten ziehendes Gewicht für die Beteiligten sind.

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